«Fussball ist ein Sport, kein Markt»

Aktualisiert

«Fussball ist ein Sport, kein Markt»

So lautete das Versprechen von Michel Platini vor seiner überraschenden Wahl zum neuen Präsidenten der UEFA. Katzenjammer bei Lennart Johansson: Erstmals in der Geschichte des europäischen Fussballverbandes ist der amtierende Präsident abgewählt worden.

Beim 16. ordentlichen UEFA-Kongress in Düsseldorf ist die «französische Revolution» Tatsache geworden. Herausforderer Michel Platini (51) stürzte im Kampf um das Präsidium den bisherigen Amtsinhaber Lennart Johansson (77).

Erstmals in der Geschichte des europäischen Fussballverbandes ist damit ein amtierender Präsident in einer Kampfwahl entthront worden. 27 Verbände sprachen sich für Platini aus, 23 gaben die Stimme dem bisherigen Vorsitzenden. Johansson, der die UEFA seit 1990 präsidierte und in seiner 17-jährigen Amtszeit die wirtschaftliche Hausse mit der Einführung der Champions League eingeleitet hat, wurde nach seiner Abwahl auf Vorschlag Platinis zum Ehrenpräsidenten ernannt.

In einer sehr emotionalen Wahlrede hatte dem Franzosen am Ende sogar die Stimme versagt: «Wir halten einen Schatz in unseren Händen: die beliebteste Sportart weltweit. Ich möchte diesen Schatz verteidigen, dass er zum Wohle aller gedeiht. Die Starken müssen den Schwachen helfen. Fussball ist ein Spiel, kein Produkt, ist Sport, kein Markt, zunächst ein Spektakel und kein Geschäft.» Auf dem Weg zum Mikrofon tätschelte Frankreichs ehemalige Nummer 10 freundschaftlich seinen Gegenkandidaten. Vor Bekanntgabe des Ergebnisses plauschten beide Bewerber auf dem Podium miteinander.

Nach Verkündung des Resultats sagte der neue UEFA-Boss: «Ich bin bewegt, gerührt und glücklich. Das ist der Beginn eines Abenteuers. Aber nicht nur für mich, sondern auch für Sie, Lennart. Ich brauche Sie», erklärte Platini und reichte Johansson symbolisch die Hand.

Mehrheit für Reformer

Platinis akribisch vorbereiteter langer Wahlkampf trug Früchte. «Platoche» hatte schon vor knapp zwei Jahren seine Kandidatur angekündigt und reiste zu zahlreichen Mitgliedsverbänden, um für seine Vision des europäischen Fussballs zu werben. Platini hatte ganz auf die kleinen Verbände gesetzt und sich für grössere Solidarität stark gemacht. Die Mehrheit votierte dann für den Reformer Platini. «Das Geld, das sie erhalten, ist kein Gefallen. Es ist ihr Recht, es zu erhalten», sagte der Europameister von 1984.

Im Gegensatz zu Johansson wird Platini seinen Wohnsitz an den Hauptsitz der UEFA nach Nyon verlegen und wird auch in das Tagesgeschäft eingreifen. Er will sich dafür einsetzen, den grossen Verbänden künftig nur noch maximal drei statt vier Plätze in der Champions League zuzugestehen. Damit erhöht sich die Chance für kleinere Nationen wie die Schweiz, regelmässiger einen Teilnehmer in der Königsklasse stellen zu können.

Enttäuschter Spiess abgewählt

Wie Johansson erlebte auch der Schweizer Giangiorgio Spiess (73) und mit ihm der Schweizerische Fussballverband (SFV) in Düsseldorf eine herbe Enttäuschung. Der Tessiner Anwalt und ehemalige Verantwortliche für die Nationalmannschaft hatte für eine weitere Vierjahres-Periode im sechsköpfigen Exekutivkomitee der UEFA kandidiert. Während die bisherigen Amtsinhaber Angel Mara Villar Llona (Sp), Senes Erzik (Tü) und Joseph Mifsud (Malta) im Amt verbleiben, wurde der Schweizer zusammen mit dem Isländer Eggert Magnusson nicht mehr gewählt. Neu nehmen Mircea Sandu (Rum), Gilberto Parca Madal (Por) und Grigorij Surkis (Ukr) in der Exekutive Einsitz. Spiess war 1996 gewählt worden, nachdem er zwei Jahre zuvor gescheitert war.

Beckenbauer in FIFA-Exekutive

Franz Beckenbauer (61) ist wie erwartet als europäischer Vertreter in das Exekutivkomitee der FIFA gewählt worden. Der Präsident des deutschen Organisations-Komitees für die vergangene WM 2006 in Deutschland wird den Posten erst Ende Mai antreten. Bis dahin bekleidet sein Vorgänger, der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, noch diese Position. Der offizielle Stabwechsel erfolgt dann beim nächsten FIFA-Kongress vom 29. bis 31. Mai in Zürich.

(fox/si)

Stimmen zur Wahl Joseph Blatter (FIFA-Präsident): «Ausschlaggebend war die Persönlichkeit Platinis. Und die Art, wie er aufgetreten ist. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Wir haben ähnliche Ansichten vom Fussball. Fussball ist nicht nur ein Produkt und ein Geschäft, Fussball bedeutet gesellschaftliche Verantwortung.»

Stimmen zur Wahl Joseph Blatter (FIFA-Präsident): «Ausschlaggebend war die Persönlichkeit Platinis. Und die Art, wie er aufgetreten ist. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Wir haben ähnliche Ansichten vom Fussball. Fussball ist nicht nur ein Produkt und ein Geschäft, Fussball bedeutet gesellschaftliche Verantwortung.»

Gerhard Mayer-Vorfelder (Mitglied der UEFA-Exekutive): «Es war klar, dass es eine enge Sache wird. Ich glaube, Platini wird seine Sache gut machen. Ich kenne ihn. Er macht sich viel Gedanken über den Fussball. Natürlich hat er einige Träume.»

William Gaillard (UEFA-Kommunikationsdirektor): «Ich als Franzose bin so glücklich, als hätten wir noch einmal die Weltmeisterschaft gewonnen.»

Franz Beckenbauer: «Die Wahl muss man respektieren. Wir hatten vorher unseren Standpunkt deutlich gemacht, aber jetzt geht es mit Michel Platini weiter. Wir werden korrekt mit ihm zusammenarbeiten.»

Theo Zwanziger (DFB-Präsident): «Die Kleinen haben gesiegt. Jetzt muss sich die Sozialromantik an der Realität messen lassen. Ich hoffe, dass die beiden Lager schnell wieder zusammenwachsen und sich um das Eigentliche, den Fussball, kümmern. Ich bin traurig darüber, dass jemand abgewählt worden ist, ohne dass ihm inhaltlich etwas entgegensetzt werden konnte.»

Günter Netzer (Ex-Internationaler): «Das ist sicher eine Überraschung. Ich glaube, dass Platini ein guter Präsident sein wird. Wenn ein alter Präsident mit so vielen Verdiensten nicht wieder gewählt wird, löst das natürlich Emotionen aus.»

Der neue Uefa-Präsident

Michel Platini.

Geboren am 21. Juni 1955 in Joeuf (Lothringen/Fr).

Karriere als Spieler:

1972 - 1979: Nancy

1979 - 1982: St-Etienne

1982 - 1987: Juventus Turin

Erfolge:

Europameister (1984); 72 Länderspiele für Frankreich (41 Tore)

Meistercup-Sieger (1985), Finalist (1983)

Sieger im Europacup der Cupsieger (1984)

Weltcup-Sieger (1985)

Italienischer Meister (1984 und 1986)

Italienischer Cupsieger (1983)

Französischer Meister (1981)

Europas Fussballer des Jahres (1983, 1984, 1985)

Karriere als Trainer:

Nationaltrainer Frankreichs (1988 - 1992) mit Teilnahme

an der EM 1992

Karriere als Funktionär:

Vizepräsident des französischen Verbandes (seit 2001)

Exekutivmitglied der UEFA und der FIFA (seit 2002)

OK-Vizechef bei der WM 1998

26. Januar 2007: Wahl zum Präsidenten der UEFA.

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