Aktualisiert 04.05.2012 16:04

Ohrfeigen und TumulteFussballer spielen verrückt

Das Saisonende rückt näher, die Nerven liegen blank. Ob Schläge im Abstiegskampf oder Scharmützel im Meisterrennen: Fussballer und Trainer drehen völlig durch. Mit weitreichenden Folgen.

von
Reto Fehr

In Europas Ligen stehen die letzten Entscheidungen an. Vielerorts sind nur noch wenige Runden zu spielen. Jetzt sind die Punkte doppelt wichtig. Ein Fehler – und der Traum vom Titel, von der Europa League, vom Ligaerhalt platzt. Dabei geht es nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern teilweise auch um den Job oder die Zukunft im Fussball-Business. Der Druck wächst ins Unermessliche.

Dieser Eindruck bestätigen die letzten Tage. Am Samstag kommts in der Schlussphase zwischen Servette und YB zu Tumulten. Am Dienstag endet eine Schlägerei in der Schlussphase der Partie zwischen Montpellier und Evian mit vier Roten Karten. Am Mittwochabend folgen dann Kopfschüttler-Szenen im Multipack: Sions Serey Die ohrfeigt in Lausanne einen Balljungen nach dem Schlusspfiff, Fiorentinas Trainer Delio Rossi lässt sich von Spieler Adem Ljajic dermassen provozieren, dass er auf ihn einschlägt und Cristiano Ronaldo – obwohl soeben Meister geworden – verabschiedet sich in Bilbao mit obszönen Gesten. Doch die Anspannung äussert sich nicht nur durch Wut und Gereiztheit, sondern auch durch Patzer. Gianluigi Buffon, seines Zeichens 34-jähriger Weltmeister, mehrfacher Meister und seit Jahren solider Rückhalt von Juventus, verstolpert gegen Lecce kurz vor Schluss den Ball – Lecce gleicht aus, die Turiner verschenken zwei Punkte und Milan rückt im Meisterrennen wieder auf einen Zähler heran (Video unten).

«Nicht nur Taktik und Technik trainieren»

Sorgt der Druck in den entscheidenden Tagen für mehr Aussetzer? «Die Wahrscheinlichkeit steigt, das ist normal», erklärt Jörg Wetzel, Olympiapsychologe des Schweizer Teams 2012 in London, gegenüber 20 Minuten Online. «Der Druck ist ein Thema, vielleicht auch das Unvermögen, mit Druck umzugehen.» Wie kann man das verhindern? «Die Persönlichkeitsentwicklung und Emotionskontrolle sind zentral. Man sollte die Ausbildung auf diesen Aspekt legen und nicht nur Taktik und Technik trainieren.»

Auffallend ist, dass die Aussetzer insbesondere im Fussball immer wieder vorkommen. «Vielleicht verlieren gewisse Spieler durch die erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit etwas den Sinn für die Realität», mutmasst Wetzel. Das «Starentum» ist im Fussball tatsächlich weiter verbreitet als bei Sportarten, in denen die Profis viel weniger Aufmerksamkeit erhalten und weniger Geld verdienen.

Schlechte Vorbilder

Wer austrastet, gibt ausserdem ein schlechtes Vorbild ab. «Kinder und Jugendliche sehen die Szenen und da gibt's Nachahmer», so Wetzel. In der Psychologie nennt man den Effekt «Lernen am Modell». Wie sollen sich Fans und Jugendliche gesittet verhalten, wenn ihre Idole sich alles leisten können und dafür kaum bestraft werden? Den schlechten Einfluss stellt man auch bei den Schwalben oder dem Jammern gegen Schiedsrichter fest. Im Rugby beispielsweise ist diese Unsitte tabu – entsprechend verhalten sich die Amateursportler und Zuschauer in den Stadien. Wetzel weiss: «Ein gutes Vorbild kann nur sein, wer sich seinem Job als Aushängeschild bewusst ist. Man muss nicht nur gut dribbeln, sondern auch neben dem Platz gut auftreten können.»

Gianluigi Buffons Patzer gegen Lecce (Quelle: YouTube/everyway8)

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