«Time-out»: Fust und Weber - Macht und Ohnmacht
Aktualisiert

«Time-out»Fust und Weber - Macht und Ohnmacht

Am Beispiel der Lakers und der SCL Tigers sieht man mit seltener Klarheit, warum Eishockeytrainer scheitern und warum Eishockeytrainer triumphieren.

von
Klaus Zaugg
Hat in Langnau offenbar alles richtig gemacht: Trainer John Fust. (Bild: Keystone)

Hat in Langnau offenbar alles richtig gemacht: Trainer John Fust. (Bild: Keystone)

Zwei Trainer haben diese Saison als Hoffnungsträger begonnen: Christian Weber (46) bei den Lakers und John Fust (38) bei den SCL Tigers. Weber ist gescheitert. Er steht mit seinem Team auf dem letzten Platz und seine Trainerkarriere steht auf dem Spiel. Fust hingegen hat mit den SCL Tigers die Playoffs erreicht und steht am Anfang einer glanzvollen Laufbahn.

Spektakel am falschen Ort

Dabei hat Weber die vermeintlich besseren Startbedingungen als Fust: Weber kommt als Wunschtrainer zu den Lakers. Die Spieler sind nach beispiellosen Wirren mit vier Trainern in drei Jahren froh um einen verständnisvollen, kompetenten Chef und geordnete Verhältnisse an der Bande. Weber scheint der perfekte Trainer für diese Zeit des Umbruches zu sein. Denn er weiss aus fünfjähriger Erfahrung bei den SCL Tigers, dass ein Trainer nicht einfach nur Trainer sein kann und sich um vieles zu kümmern hat, für das er nach Recht und Buchstaben des Vertrages nicht zuständig wäre. Erstmals seit dem Abgang von Bill Gilligan im Frühjahr 2007 haben die Lakers wieder einen richtigen Coach. Die Vorschusslorbeeren sind gross. Weber scheint am Ort seiner Bestimmung angelangt.

Nun steht er vor seiner Entlassung. Er ist mit den Lakers auf den letzten Platz zurückgefallen und ausgerechnet mit einem Sieg gegen die Lakers (3:2) haben die SCL Tigers erstmals die Playoffs geschafft. Das erhoffte Spektakel findet bei den Lakers statt. Aber nicht vor dem gegnerischen, sondern vor dem eigenen Tor und im Büro des Managements. Die Lakers haben nicht nur die schwächste Abwehr der Liga. Sie haben auch den offensiven Schwung verloren und treffen das Tor nicht mehr.

Die neuen Tigers: Selbstbewusst und mutig

Szenenwechsel: John Fust übernimmt die SCL Tigers im Sommer 2010 in einer fast hoffnungslosen Situation. Sein Vorgänger Christian Weber hat die SCL Tigers nicht nur in der Liga gehalten. Er hat im Laufe seiner fünfjährigen Amtszeit auch eine hohe Spiel- und Spektakelkultur entwickelt. Die Playoffs werden zwar nie erreicht. Aber die Zuschauer langweilen sich nie. Zeitweise sind die «unplayoffbaren» Langnauer gar das offensiv beste Team der Liga. Aber jetzt haben sie wichtige Offensivspieler verloren und sind auf dem Papier die schwächste NLA-Mannschaft. Fust vollbrachte zwar in Visp Heldentaten. Aber er hat in der höchsten Spielklasse keine Erfahrung als Coach. Er ist ein Neuling und (fast) alle Zeichen deuten auf spektakuläres Scheitern.

Am letzten Samstag erreichen die Langnauer mit Fust erstmals die Playoffs. Unter ihrem neuen Trainer sind die Langnauer selbstbewusst und mutig geworden und sie spielen hart und erfolgreich wie nie seit dem Wiederaufstieg von 1998. Die Aufgaben sind klar verteilt. In einem gut strukturierten Spiel gelingt es dem kanadisch-schweizerischen Doppelbürger, ein Maximum aus jedem einzelnen Spieler herauszuholen.

Wenn die Spieler mehr Macht haben als der Trainer

Warum scheitert Weber? Warum triumphiert Fust? Ist Weber ein Versager und Fust ein Wundermann? Nein. Diese beiden Karrieren offenbaren mit seltener Deutlichkeit, dass die Trainer im Hockeybusiness mehr Einfluss haben als jede andere Einzelperson - und doch ohnmächtig sind.

Hinter jedem erfolgreichen Trainer steht ein starkes Management. Ein Trainer ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Spieler wissen, dass sie am Ende des Tages stärker sind als ein fordernder Chef, der sie aus der Komfortzone scheucht, liebgewordene Gewohnheiten abstellt und die ganze Mentalität von Grund zu ändern versucht. In Langnau wissen alle, dass Fust der Mann der letzten Chance ist. Er wird durch alle Böden hindurch gestützt. Seine Autorität ist absolut wie jene von Arno Del Curto in Davos oder Chris McSorley in Genf. Es gelingt ihm, eine neue Leistungskultur aufzubauen. Bei den SCL Tigers machen alle auf allen Stufen, auf und neben dem Eis das, was der Trainer will. Einmal mehr beweist Fust in Langnau: Nicht Strukturen machen den Erfolg. Sondern Persönlichkeiten.

Bei den Lakers passiert im Grunde das Gegenteil. Während Weber seine Arbeit aufnimmt, verliert das Management die Kontrolle über Gänge und Läufe des Unternehmens. Die Männer, die ihn geholt haben, gehen von Bord oder müssen gehen und Weber ist auf einmal ein Kuckuckskind: Ein Trainer, den die neue Führung eigentlich gar nicht mehr haben will. Hinter jedem erfolglosen Trainer steht ein schwaches oder zerstrittenes Management. Ein Trainer ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Spieler wissen, dass sie am Ende des Tages stärker sind als ein fordernder Chef, der sie aus der Komfortzone scheucht, liebgewordene Gewohnheiten abstellt und die ganze Mentalität von Grund zu ändern versucht.

Ähnliche Probleme bei den Lions und in Lugano

Am Samstag, den 22. Januar 2011, bei der 2:3-Niederlage gegen die SCL Tigers, ist Weber der einsamste Mann der Liga geworden. Bei den Lakers machen inzwischen alle auf allen Stufen, auf und neben dem Eis, was sie wollen oder für richtig halten. John Fust und Christian Weber sind zwei extreme Beispiele. Die Lehren aus Langnau und Rapperswil-Jona können wir indes durchaus auf andere Klubs übertragen.

Zum Beispiel auf die ZSC Lions und Lugano. In Zürich hatte Colin Muller keine Chance und sein Nachfolger Bengt-Ake Gustafsson scheitert an den gleichen Problemen wie sein Vorgänger: Die Spieler machen, was sie wollen und dem Management gelingt es nicht, die Bequemlichkeits-Basisdemokratie durch eine Diktatur des Leistungsdenkens zu ersetzen. Die Spieler haben alle Macht. Weil das Management zerstritten ist. Manager Peter Zahner erschütterte früh durch öffentliche Kritik die Position von Muller, dem Wunschtrainer seines Sportchefs Edgar Salis. Bei Bengt-Ake Gustafsson ist es umgekehrt: Peter Zahner wollte den Schweden unbedingt, Salis hingegen lieber nicht. Hinter jedem Trainer in Schwierigkeiten steht ein schwaches oder zerstrittenes Management.

Keine Diktatur des Leistungsdenkens

In Lugano haben sich die Spieler inzwischen so sehr daran gewöhnt, dass am Ende des Tages immer der Trainer schuld ist, dass es kaum mehr eine Rolle spielt, wer an der Bande steht. Die Stars machen, was sie wollen und dem Management gelingt es nicht, die Bequemlichkeits-Basisdemokratie durch eine Diktatur des Leistungsdenkens zu ersetzen. Die Spieler haben alle Macht. Lugano ist der ZSC des Südens. Oder die ZSC Lions sind das Lugano des Nordens.

Dabei könnten die Probleme bei den Lakers, bei den ZSC Lions und beim HC Lugano gelöst werden, wenn der richtige Trainer alle Macht bekommen würde. Aber diese Macht kommt immer vom Management. Mit der Autorität des Trainers kann ein Management nicht flirten. Es muss sich mit ihr verheiraten.

Weil die richtigen Trainer mit dem richtigen Konzept die Macht haben, sind Davos und Kloten die besten Teams der Liga und die SCL Tigers das Überraschungsteam der Saison.

Deine Meinung