Künstler gegen Gamer: Futterneid unter Schweizer Künstlern
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Künstler gegen GamerFutterneid unter Schweizer Künstlern

In der Kulturszene tobt der Verteilkampf um die Gelder vom Bund. Suisseculture, der Verband der etablierten Künstler, will nun den jungen Game-Entwicklern den Hahn zudrehen.

von
Jan Graber
Wurde von der Pro Helvetia im Rahmem von GameCulture gefördert: Das kunstvolle und international renommierte Spiel «Feist» aus der Schweizer Spielschmiede von Florian Faller und Adrian Stutz.

Wurde von der Pro Helvetia im Rahmem von GameCulture gefördert: Das kunstvolle und international renommierte Spiel «Feist» aus der Schweizer Spielschmiede von Florian Faller und Adrian Stutz.

Kaum aus der Taufe gehoben, soll die staatliche Förderung der Schweizer Game-Entwickler bereits wieder abgeschossen werden. Dies zumindest hat Hans Läubli, Geschäftsleiter des Dachverbands der Kulturschaffenden, Suisseculture, in einem Gespräch mit der NZZ gefordert. Die Begründung: Die Pro Helvetia, die Schweizer Spiele-Entwickler finanziell unterstützt, solle nicht aus Eigeninitiative fördern, sondern nur Anträge von Seiten der Kunstschaffenden prüfen und allenfalls dann fördern.

«Suisseculture hat Angst um ihre Gelder»

Die Forderung von Suisseculture hat den Schweizerischen Verband der Spielentwickler (IGDA) aufs Tapet gerufen: Matthias Sala, Verbandspräsident des IGDA, vermutet hinter dem Angriff von Suisseculture Futterneid: «Suisseculture hat Angst um ihre Gelder», sagt Sala.

Um sehr viel Geld geht es indessen nicht. Das GameCulture-Programm zur Unterstützung der heimischen Spiele-Entwickler ist vorerst auf drei Jahre angelegt. Für diese Zeit wurde ein Budget von 1,5 Millionen gesprochen – eine halbe Million pro Jahr. Insgesamt kann die Pro Helvetia pro Jahr über 34 Millionen Schweizer Franken für Kulturförderung verfügen. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass es auch um eine Generationenfrage geht.

Auf Anfrage von 20 Minuten Online relativiert Hans Läubli seinen Angriff auf die Game-Entwickler in der NZZ: «Games können Kultur sein und es ist richtig, dass man sie fördert», sagt der Direktor des Dachverbandes der Kulturschaffenden. Und führt aus: «Wenn Gamedesigner mit einem Förderungsantrag an die Pro Helvetia treten, soll ihr Antrag wie bei anderen Künstlern geprüft und gegebenenfalls gefördert werden.»

Verband der Game-Entwickler wehrt sich

In einer offiziellen Stellungnahme zuhanden von Bundesrat Didier Burkhalter weist der Verband der Game-Entwickler die Kritik von Suisseculture als realitätsfremd zurück. International würden Videospiele als wichtiges Kulturgut betrachtet – die Unesco anerkennen die Rolle von Spielen zur Förderung kultureller Vielfalt ebenso wie der Grand Palais Paris, das Museum of Modern Art New York und weitere namhafte Kulturinstitutionen. Die Nationale Stiftung für Kunst (NEA) – eine Institution der US-Regierung – hat im Mai 2011 Games offiziell als Teil des Kunstbetriebs anerkannt.

«Unser Verband ist irritiert, dass Suisseculture das Spiele-Förderungsprogramm GameCulture kritisiert, da hier eine junge Generation von kreativen Kulturschaffenden getroffen wird, die weder durch Suisseculture repräsentiert wird noch regelmässig von der öffentlichen Hand subventioniert wird», führt die IGDA aus. Der Verband der Spiele-Entwickler unterstreicht die künftige wirtschaftliche Bedeutung der Branche mit Verweis auf die neusten Entwicklungen.

So setze die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) mit dem Disney Research Lab einen Schwerpunkt im Bereich Computerspielanimation und mit Ubisoft habe eines der international erfolgreichsten Computerspiel-Unternehmen die Schweiz als Standort wegen ihrer Kreativität und den exzellenten Hochschulen gewählt.

Pro Helvetia ist irritiert

Pius Knüsel, Direktor der Stiftung Pro Helvetia, kommentiert den Angriff von Suisseculture diplomatisch: «Die Reaktion ist ein Beitrag zur öffentlichen Debatte, die wir mit GameCulture auslösen wollten. Insofern ist die Stellungnahme wichtig.» Ihn irritiere aber der aggressive Ton des Papiers von Suisseculture, nachdem man wenige Tage zuvor noch mit den Präsidenten der angeschlossenen Verbände zusammengesessen sei. «Gerade von Künstlern hätte ich erwartet, dass sie zukunftsorientiert denken und die Gamedesigner einladen, Mitglied von Suisseculture zu werden», sagt Knüsel.

Vorerst keine Änderung

Ein Vorschlag, den auch der Gameentwickler-Verband macht: «Statt der reflexartigen Abwehrhaltung des etablierten Kulturbetriebes wünschen wir uns eine konstruktive Zusammenarbeit.»

In der näheren Zukunft wird sich für die Game-Entwickler indessen nichts ändern: «Das Programm GameCulture ist beschlossen und wird gemäss Plan zu Ende geführt», sagt Knüsel. Ausgestanden dürfte der Kampf um die Pfründe und die Deutungshoheit über Kunst und Kultur damit aber noch lange nicht sein.

GameCulture

Das Programm GameCulture wurde 2010 von der Kulturstiftung Pro Helvetia ins Leben gerufen, um gesellschaftliche, wirtschaftliche und ästhetische Fragen rund um Computerspiele zu diskutieren und sie als neue Kunstform in den Fokus zu rücken. GameCulture initierte zusammen mit dem BAK, der Suisa-Stiftung und Fantoche dem Wettbewerb «Call For Projects», in dem Schweizer Gamedesigner aufgerufen wurden, unveröffentlichte Spiele einzureichen. Die Spiele wurden von einer internationalen Jury bewertet und im Rahmen des Animationsfilmfestivals Fantoche prämiert.

Im Rahmen von GameCulture betreibt die Pro Helvetia eine Website, deren Inhalte gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK), der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft (ZHAW), der International Game Developers Association, Swiss Chapter (IGDA) und dem Swiss Gamers Network (SGN) erarbeitet werden.

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