Bis 2022 - G7 wollen eine Milliarde Impfdosen spenden
Publiziert

Bis 2022G7 wollen eine Milliarde Impfdosen spenden

Die G7-Gruppe will ärmeren Ländern mit einer Milliarde Impfdosen helfen. Kritiker fordern stattdessen nach wie vor die Patentaufhebung.

1 / 7
Die Ankündigung der grossen Industriestaaten vor ihrem gemeinsamen Gipfel am Freitag genügt Aktivistinnen und Aktivisten noch nicht. Sie fordern weiterhin, dass die Patente für die Impfstoffe freigegeben werden. 

Die Ankündigung der grossen Industriestaaten vor ihrem gemeinsamen Gipfel am Freitag genügt Aktivistinnen und Aktivisten noch nicht. Sie fordern weiterhin, dass die Patente für die Impfstoffe freigegeben werden.

AFP
Der britische Premierminister Boris Johnson empfängt derzeit die Staatsoberhäupter der sieben grössten westlichen Industrienationen.

Der britische Premierminister Boris Johnson empfängt derzeit die Staatsoberhäupter der sieben grössten westlichen Industrienationen.

Getty Images
Vor Ort im südenglischen Cornwall ist unter anderem der französische Präsident Emanuel Macron.

Vor Ort im südenglischen Cornwall ist unter anderem der französische Präsident Emanuel Macron.

Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Darum gehts

  • Kurz vor dem Beginn ihres Gipfels haben Mitglieder der G7 eine gross angelegte Impf-Spendenaktion angekündigt.

  • Eine Milliarde Impfdosen wollen Länder wie Kanada, Japan, Deutschland oder die USA an ärmere Staaten vergeben.

  • Für Entwicklungshelferinnen und -helfer ist der Plan ein Tropfen auf dem heissen Stein. Sie fordern viel mehr Dosen und die Freigabe von Patenten.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie will die G7-Gruppe westlicher Wirtschaftsmächte ärmeren Staaten mit einer Milliarde Impfdosen helfen. Die bis nächstes Jahr geplante Unterstützung solle sowohl durch Verteilung als auch durch Finanzierung von Impfstoff möglich werden, teilte die britische Regierung vor Beginn des G7-Gipfels im südwestenglischen Cornwall am Freitag mit. Die Staats- und Regierungschefs wollen demnach auch einen Plan ausarbeiten, um die Impfstoffproduktion auszuweiten.

Erstmals seit zwei Jahren kommen die Staats- und Regierungschefs der wirtschaftsstarken Demokratien von Freitag bis Sonntag wieder persönlich zusammen – wenn auch wegen Covid-19 unter strengen Vorsichtsmassnahmen. Im Mittelpunkt stehen der Kampf gegen die Pandemie, der Klimaschutz, Massnahmen zur Ankurbelung der Weltkonjunktur sowie der Umgang mit China und Russland.

Zu wenig, zu spät – Hilfsorganisationen kritisieren die Pläne

Zur Gruppe der Sieben (G7) gehören die USA, Deutschland, Kanada, Grossbritannien, Frankreich, Italien und Japan. Auch nimmt die EU an ihren Treffen teil. Gastgeber des Treffens ist in diesem Jahr der britische Premierminister Boris Johnson. Für US-Präsident Joe Biden ist es der erste grosse Gipfel und die erste Auslandsreise seit Amtsantritt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde am Freitag am Gipfelort Carbis Bay erwartet. Für sie wird es der 15. und letzte G7-Gipfel sein. Bereits vergangene Woche sorgte das Gremium – dieses Mal in Form der Finanzminister der Staaten – für Furore, als eine weltweite Mindeststeuer für Unternehmen angekündigt wurde.

Entwicklungsorganisationen kritisierten die G7-Pläne für eine Milliarde Impfdosen an ärmere Länder als unzureichend. Gefordert wurde vielmehr eine Aufhebung des Patentschutzes für Impfstoffe, die Weitergabe von Technologie zur Impfstoffproduktion und Investitionen in regionale Produktion weltweit. «Wohltätigkeitsaktionen» könnten die Krise der weltweiten Impfstoffversorgung nicht beheben.

«Eine sofortige Weitergabe von Impfdosen ist momentan dringend erforderlich und die Milliarde Impfdosen sind daher willkommen», sagte Jörn Kalinski von Oxfam. Aber wenn das alles sei, «muss dies als Fehlschlag gewertet werden». Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) halte elf Milliarden Impfdosen für nötig – oder zumindest acht Milliarden, um für eine Herdenimmunität 80 Prozent der Bevölkerung in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen zu impfen.

Weiterhin keine Einigkeit bei der Patentfreigabe

Die Organisationen Oxfam, World Vision oder One forderten die Kanzlerin auf, dem Beispiel von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, US-Präsident Biden sowie Indiens und Südafrikas zu folgen und ihre Unterstützung für eine befristete Freigabe der Patente zu erklären. Merkel und die EU-Kommission sprachen sich aber erneut dagegen aus, weil es aus ihrer Sicht die Probleme nicht löse.

Die Kanzlerin sieht hingegen Sinn darin, weiterzugeben, was überzählig sei. Angesichts nicht völlig klarer Liefermengen für Juli, August und September könne sie nun aber keine Verpflichtung für noch nicht gelieferte Mengen eingehen, sagte Merkel am Donnerstag in Berlin. Sie müsse «schon auch darauf achten, dass wir unseren Bürgerinnen und Bürgern jetzt ein Impfangebot machen, so wie die Vereinigten Staaten von Amerika das selbstverständlich ihren Bürgerinnen und Bürgern auch gemacht haben».

Merkel nannte es erfreulich, dass die US-Regierung vor dem G7-Gipfel im englischen Cornwall eine Spende von 500 Millionen Impfdosen an Dutzende arme Länder der Welt sowie die Afrikanische Union angekündigt hat. Sie verwies zugleich auf den Beitrag der Europäischen Union für die globale Versorgung mit der Ausfuhr von schon mehr als 200 Millionen Dosen. Deutschland stelle rund eine Milliarde Euro für das internationale Programm Covax bereit, was Geld für den Kauf von etwa 200 Millionen Impfdosen entspreche. Merkel verwies zudem auf die Zusage, dass Deutschland bis Jahresende 30 Millionen Dosen zur Verfügung stellen wolle.

Deutsche Grüne kritisieren Kanzlerin Merkel

Die US-Spende soll bis spätestens Juni nächsten Jahres geliefert und mit Hilfe der internationalen Impfstoffinitiative Covax verteilt werden. «Unsere Impfstoffspenden beinhalten keinen Druck für Gefälligkeiten oder mögliche Zugeständnisse. Wir tun das, um Leben zu retten. Um diese Pandemie zu beenden», betonte Biden.

Grünen-Chefin Annalena Baerbock warf Merkel vor, zu wenig für die Versorgung armer Länder mit Impfstoffen zu tun. «Es muss alles dafür getan werden, die Produktionskapazitäten zu steigern, die Angebote vor Ort auszubauen und alle Lieferketten sicherzustellen», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Die Grünen wollen aber nicht beim Patentschutz ansetzen, sondern Hersteller gegen Entschädigung zur Lizenzierung in ärmeren Ländern verpflichten.

Corona-Infektionen in Konferenz-Hotel

Für Grossbritannien kündigte Gastgeber Johnson an, 100 Millionen Impfdosen aus seinem Überschuss beisteuern zu wollen, den Grossteil über die Impfstoffinitiative Covax. Grossbritannien hatte sich derart mit Impfstoff eingedeckt, dass es seine Bevölkerung damit mehrfach durchimpfen könnte. Bisher hat das Land kaum Impfstoffe exportiert – das rief scharfe Kritik hervor. Der für die britische Impfkampagne zuständige Staatssekretär Nadhim Zahawi betonte am Freitag, dass die Impfung der eigenen Bevölkerung weiterhin Priorität habe.

Dass der Gipfel in Pandemiezeiten Risiken birgt, wurde schon vor Beginn deutlich. Trotz aller Schutzmassnahmen kam es zu einem Corona-Ausbruch in einem Hotel, in dem zwei Sicherheitsleute Merkels untergebracht waren. Auf die Anreise der Kanzlerin wird das nach Angaben aus London und Berlin aber keine Auswirkungen haben. Einer der Sicherheitsleute begab sich vorsorglich in Quarantäne.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

(DPA/pme)

Deine Meinung

12 Kommentare