Emanzipation in Libyen: Gaddafi, der Frauenbefreier
Aktualisiert

Emanzipation in LibyenGaddafi, der Frauenbefreier

Zu Gaddafis glühendsten Verehrern gehört ein harter Kern von Frauen, die in Polizei und Politik Karriere gemacht haben. Ohne Libyens Herrscher wären sie wohl nie so weit gekommen.

von
Diaa Hadid
AP
Feurige Anhänger von Muammar Gaddafi: Die 25-jährige TV-Anchorfrau Radia al-Bodi (links), die 35-jährige Armeeveteranin Ibtisam Saadedin (Mitte) und die 25-jährige Polizistin  Nisrine Mansur (rechts).

Feurige Anhänger von Muammar Gaddafi: Die 25-jährige TV-Anchorfrau Radia al-Bodi (links), die 35-jährige Armeeveteranin Ibtisam Saadedin (Mitte) und die 25-jährige Polizistin Nisrine Mansur (rechts).

Mit Walkie-Talkie und leerem Pistolenhalfter am Gürtel stolziert die junge Polizistin mit dem knabenhaften Kurzhaarschnitt durch das heruntergekommene Altstadtviertel in Tripolis. Ein tätowierter Kerl mit Kippe im Mundwinkel macht sich unauffällig davon. Mit Nisrin Mansur möchte er sich nicht anlegen.

Der Held der 25-Jährigen von der Sitte ist Muammar al Gaddafi. Auf ihrem Handy leuchtet sein Bild, als Klingelton scheppert eine Hymne auf den Staatschef. In den 42 Jahren, die er mit eiserner Faust über Libyen herrscht, hat sich Gaddafi allerhand Ehrentitel zugelegt wie «König der Könige» Afrikas oder «Bruder Revolutionsführer». Für Libyerinnen wie Mansur ist er ausserdem: der Befreier der Frauen.

«Es war Muammar al Gaddafi, der uns Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet hat. Deshalb hängen wir an ihm, deshalb lieben wir ihn», erklärt sie. «Er hat uns völlige Freiheit gegeben, als Frau in den Polizeidienst einzutreten, als Ingenieurinnen zu arbeiten, als Pilotinnen, Richterinnen, Anwältinnen. Alles.»

Durchgestylte «Amazonen»

Zu Gaddafis glühendsten Verehrern gehört ein harter Kern von Frauen, die in Polizei, Militär und Politik Karriere gemacht haben und es ihm danken, dass ihnen mehr Berufswege offenstehen als vielen Schwestern in anderen arabischen Ländern. Jede Bedrohung seines Regimes betrachten sie auch als Bedrohung ihres eigenen Aufstiegs.

So gnadenlos das Gaddafi-Regime die Opposition niederschlägt, hält es sich doch seit langem zugute, in dem tief konservativen Land viele Tabus über die Stellung der Frau in Beruf und Gesellschaft durchbrochen zu haben. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist Gaddafis weibliche Leibwache, die gestylten «Amazonen» in knapp sitzenden Uniformen und hochhackigen Stiefeln. Doch wurden Frauen auch auf Führungspositionen in Ministerien befördert. Frauen machten 2006 etwa 27 Prozent der Beschäftigten aus, mehr als in vielen anderen arabischen Ländern.

Gaddafis Kurs bezweckte unter anderem, den Einfluss der Stämme und der Geistlichkeit zu schwächen, um seine eigene gesellschaftliche Vision durchzusetzen. Er hatte nur teilweise Erfolg. Frauen in hervorgehobenen Positionen sind im männerdominierten Libyen eine kleine Minderheit, weit entfernt vom offiziellen Mythos einer Gesellschaft revolutionärer Kämpferinnen. Und ebenso wie bei den Männern ist bedingungslose Systemtreue Voraussetzung für die Karriere.

Rebellin, Polizistin, Henkerin

Auch in der Speerspitze der Protestbewegung finden sich Frauen, die Demokratie fordern und auf mehr Frauenrechte hoffen. Für sie ist der Kampf um Gleichberechtigung noch nicht ausgestanden. Dass die Aufständischen nur eine einzige Frau in den Führungsrat in Bengasi beriefen, verärgerte die Aktivistinnen. «Wir waren sehr enttäuscht», sagt die 23-jährige Enas al Dursi. «Wir fühlen uns beiseitegeschoben.»

Polizistin Mansur glaubt, dass ihr als Frau in Gaddafis Libyen keine Grenzen gesetzt sind. «Ich hatte nie das Gefühl, anders behandelt zu werden, weil ich eine Frau bin. Selbst wenn ich Betrunkene von der Strasse hole, hat noch nie jemand gesagt: 'Das kann sie nicht, sie ist eine Frau'.» Soldatinnen in Khaki-Uniform und Kopftuch sind überall in Tripolis zu sehen, sie kontrollieren an Strassensperren und sorgen an den Wartenschlangen an Tankstellen für Ruhe. Wohlfrisierte Ministerialbeamtinnen speisen im gehobenen Hotel zu Mittag. Gaddafis Tochter Aischa ist eine bekannte Anwältin.

Hass auf «die Henkerin»

Auch im Unterdrückungsapparat spielen Frauen eine Rolle. Sie führen zum Beispiel ein eigenes Verhörzentrum für mutmassliche Regimegegnerinnen, wie eine dorthin verschleppte Betroffene berichtet. Zu den verhasstesten Gestalten des Regimes zählt für die Rebellen die frühere Bürgermeisterin von Bengasi, Huda ben Amer, genannt «die Henkerin»: Als 1984 ein Regimegegner öffentlich gehängt wurde, zerrte sie an den Beinen des Mannes, damit er schneller stürbe.

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