Aktualisiert 22.04.2011 08:45

UNO-SanktionenGaddafi schmuggelt Benzin

Eigentlich sollten internationale Sanktionen den Ölhandel mit Libyen unterbinden. Gaddafi hat aber einen Weg gefunden, um den Treibstoff trotzdem zu importieren.

von
J. Donati und E. Farge, Reuters

Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi hat es offenbar geschafft, internationale Sanktionen zu umgehen und schmuggelt Benzin über Tunesien ins Land. Um UNO-Sanktionen zu umgehen wird der Treibstoff über den tunesischen Hafen La Schira geliefert. Gaddafis Gefolgsleute bemühten sich über die bislang in der Branche eher unbekannte in Hongkong ansässige Firma Champlink um Benzin, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Ölhändler berichteten, dass sie diesbezüglich auch von anderen Firmen kontaktiert wurden.

Per Fax, das Reuters vorliegt, ist Champlink mit einer «dringenden Bitte» an Handelsfirmen herangetreten. «Wir sind von Endabnehmern in Libyen beauftragt worden und suchen nach Transportmöglichkeiten für Benzin», hiess es darin.

Die Fracht solle entweder direkt in den nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis gelegenen Hafen Al-Sawija gebracht werden oder ins tunesische La Schira, um von dort weiter verschifft zu werden. Dem Fax zufolge stünden weder das Frachtgut noch die Endabnehmer auf der internationalen Sanktionsliste.

Handel mit staatlicher Ölfirma NOC verboten

UNO-Diplomaten zufolge könnten die Bemühungen Gaddafis an Benzin zu kommen, aber sehr wohl die Sanktionsbestimmungen verletzten. Jegliche Transaktion mit der staatlichen Ölfirma National Oil (NOC) ist demzufolge untersagt. «Wir gehen davon aus, dass NOC auf irgendeiner Ebene involviert ist», sagte ein UNO-Diplomat.

Dem Beschluss des UNO-Sicherheitsrates zufolge ist es Libyen weder untersagt, Öl oder Benzin zu importieren oder zu exportieren. Es ist aber illegal, über die NOC zu handeln. In dem Fax, datiert vom 1. April, bittet Champlink um Lieferungen von 25 000 Tonnen Benzin alle zwei Wochen über die nächsten sechs Monate.

Champlink-Manager Bhagoo Hathey, der das Fax unterzeichnete, bestätigte auf Reuters-Anfrage in der vergangenen Woche per E-mail, dass eine Lieferung von 40 000 Tonnen Anfang des Monats in La Schira angekommen ist. Er nannte aber weder den Namen des Lieferanten noch gab er Auskunft darüber, ob das Benzin nach Libyen weitergeleitet wurde. In einer späteren E-mail wusste er davon nichts mehr.

Ungewöhnlich viel Benzin in La Schira

Auch ein anderes von Reuters eingesehenes Dokument legt nahe, dass Gaddafi sich auf illegalen Umwegen Benzin besorgt. Eine Firma namens Afrimar Tunisia verschickte am 12. April eine Anfrage an Reedereien.

Man suche ein Schiff mit der Kapazität für 40 000 Tonnen Benzin von der Türkei nach La Schira. Dort stünde ein anderes Schiff zu Übernahme der Ladung bereit. Der Internetseite zufolge hat das Unternehmen eine Niederlassung in Tripolis.

Es ist aber nicht bekannt, ob Schiffsladungen von Afrimar Libyen erreicht haben. Auf E-mail-Anfragen antwortete Afrimar nicht und war auch am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Für Kampf auf Benzin angewiesen

Die Sanktionen für libysche Firmen hat sowohl die Gaddafi-Regierung als auch die Rebellen getroffen. Beide Seiten sind für ihren Kampf auf Benzin angewiesen. Lieferungen in den von Rebellen kontrollierten Osten wurden aber teilweise wieder aufgenommen.

Ein weiteres Indiz für Benzin-Nachschub nach Libyen könnte sein, dass im tunesischen Hafen La Schira allein in diesem Monat bislang 120 000 Tonnen Benzin umgeschlagen wurden. Das entspricht ungefähr dem tunesischen Import eines ganzen Jahres.

Obwohl viele Benzin-Lieferungen von La Schira weitergeleitet werden, ist das Aufkommen in dieser Höhe so noch nicht dagewesen. Es war unklar, ob und wenn ja welche Schiffe nach Libyen weitergefahren sind.

Gaddafi mangelt es an Raffinerien

Das nordafrikanische Land ist Mitglied der OPEC und der drittgrösste Ölproduzent Afrikas. Wegen des Mangels an Raffinerien ist Libyen auch in Friedenszeiten auf Benzin-Importe angewiesen.

Während sich zu Beginn des Krieges lange Schlangen an den Tankstellen bildeten und den Unmut der Bevölkerung hervorriefen - Augenzeugen berichteten sogar von Schüssen -, hat sich die Situation in den vergangenen Wochen spürbar verbessert.

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