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Alliierte AngriffeGaddafi soll ins Exil gebombt werden

Die westliche Allianz betreibt in Libyen ein riskantes Spiel. Sie schiesst den Rebellen den Weg frei und hofft, damit Gaddafis Abgang erzwingen zu können.

von
Peter Blunschi

Vor zehn Tagen waren sie so gut wie am Ende. Jetzt stehen die libyschen Rebellen vor den Toren von Sirte, der Heimatstadt von Muammar al Gaddafi. Mit viel Schwung sind sie in den letzten Tagen vorwärts gestürmt. Den schlecht organisierten und leicht bewaffneten Aufständischen wäre dies nie gelungen, wenn ihnen die Kampfjets der internationalen Streitmacht nicht den Weg buchstäblich freigeschossen hätten.

Frontreporter berichten von zerstörten Panzern, Truppentransportern und Raketenwerfern entlang der Küstenstrasse von Bengasi nach Sirte. Dort wurde der Vormarsch jedoch gestoppt, denn die Regierungstruppen haben ihre Strategie angepasst. Sie verschanzen sich vor und in den Städten und greifen zu schmutzigen Tricks. So berichtet der «Guardian» von einem Vorfall, bei dem Gaddafis Soldaten die weisse Flagge geschwenkt hatten. Als sich ihnen die Rebellen näherten, wurden sie unter Maschinengewehrfeuer genommen.

Gaddafi militärisch weit stärker

Die Hoffnungen, die Truppen des Machthabers würden angesichts der westlichen Intervention reihenweise desertieren, haben sich bislang nicht erfüllt. Vielmehr scheint die Loyalität der Eliteeinheiten und Söldnertruppen zu Gaddafi intakt. Zwar geben sich die Aufständischen nach wie vor zuversichtlich: «Wir werden in zwei oder drei Tagen in Tripolis sein», zitiert der «Guardian» einen Kämpfer. In Wirklichkeit steigt jedoch die Gefahr, dass sich der Konflikt zu einem zermürbenden Stellungskrieg entwickelt.

General Carter Ham, der ranghöchste Amerikaner in der Koalition, warnte laut «New York Times» in einem E-Mail sogar, dass das Regime «militärisch nach wie vor weit stärker ist als die Einsatzkräfte der Opposition». Es sei nach wie vor fähig, diese «sehr schnell zurückzuwerfen». Nur dank der Lufthoheit der Koalition sei dies nicht geschehen. Deren Möglichkeiten aber sind zunehmend beschränkt, denn wenn sich Gaddafis Truppen in die Städte zurückziehen, wächst das Risiko von zivilen Opfern rapide.

Ohnehin geht die Allianz mit ihren Angriffen an die Grenze dessen, was die UNO-Resolution 1973 zulässt. Diese decke den Schutz der Zivilbevölkerung ab, nicht aber «das Eingreifen in einen faktischen Bürgerkrieg», kritisierte der russische Aussenminister Sergej Lawrow am Montag. Sollte die Lage weiter eskalieren und der Konflikt zu Opfern unter der libyschen Bevölkerung führen, würde der Rückhalt für die internationale Intervention rasch erodieren, nicht zuletzt in der islamischen Welt, die das Eingreifen des Westens bislang toleriert hat.

Furcht vor zweitem Irak

Es erstaunt daher nicht, dass die USA und europäische Staaten zunehmend darauf hoffen, dass der Diktator das Land verlässt. Italien arbeitet aktiv auf eine solche Lösung hin, und laut britischen Medien wollen auch Amerikaner und Briten einen schnellen Abgang Gaddafis ins Exil akzeptieren, selbst wenn er dann nicht vom Internationalen Strafgerichtshof belangt werden kann. Auch viele Aufständische könnten mit einer solchen Lösung leben: «Vor einer Woche hätte ich gesagt: 'Stellt ihn vor Gericht und hängt ihn'. Aber wenn sein Abgang die Kämpfe beendet, dann soll er gehen», zitierte der «Independent» einen Kämpfer.

Die mysteriöse «Reise» von Aussenminister Mussa Kussa nach Tunesien lässt die Gerüchteküche zusätzlich brodeln. In den westlichen Hauptstädten jedenfalls scheint die Einsicht verbreitet, dass die Rebellen den Konflikt militärisch nicht gewinnen können. Nur eine «Palastrevolte» oder ein Abgang Gaddafis könnten ihn beenden. Vorerst ist das nicht mehr als «Wunschdenken», wie die BBC schreibt. Umfragen in den USA und Grossbritannien belegen eine verbreitete Furcht, dass aus Libyen ein zweiter Irak wird.

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