Der Informationsminister: Gaddafis «Ali»
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Der InformationsministerGaddafis «Ali»

Er studierte in England, verliebte sich in eine deutsche Theologie-Studentin und sammelte für die Umwelt. Heute ist Moussa Ibrahim der Lautsprecher des Gaddafi-Clans.

von
Philipp Dahm

Moussa Ibrahims Bühne ist das «Rixos» Hotel in Tripolis, in dem die Granden des Regimes zusammen mit ausländischen Journalisten einquartiert sind. Einen «goldenen Käfig» oder «Luxusgefängnis» nennt der ARD-Korrespondent den Ort: Wenn Moussa Ibrahim den Reportern etwas mitzuteilen hat, tut er das über Lautsprecher in den Zimmern, die sich nicht abstellen lassen. «Alle Journalisten in die Halle», befiehlt der Informationsminister dann. Bei Aussendrehs begleitet ein Aufpasser (genannt «Minder») die Deutschen. «Manchmal allerdings, wenn der ‹Minder› ausser Hörweite ist, flüstern uns besonders mutige Libyer hastig zu, sie würden die [Landsleute] in Bengasi verstehen», berichtet die ARD.

Eine ganz eigene Erklärung hat Moussa Ibrahim: Mal erzählt er den Medien, dass es sich bei den Rebellen um «gewalttätige Gangster» handelt, mal erkennt der 36-Jährige die Handschrift Al-Kaidas in dem Konflikt. Gar unbarmherzig zeigte sich der Minister nach einem Vorfall im «Rixos» am 26. März: Eine Frau namens Iman al-Obeidi kommt in die Fünf-Sterne-Residenz und behauptet, Gaddafis Männer hätten sie vergewaltigt. Sicherheitskräfte greifen ein, bedrohen die Ausländer und das angebliche Opfer. Später wird Moussa Ibrahim den Fall «erklären»: Die Frau sei verwirrt, vielleicht eine Prostituierte (siehe unten stehendes Video). «Politisch» sei das Ganze jedenfalls schon mal gar nicht.

Wie Comical Ali den Krieg gewann

Kein «Comical Moussa»

Moussa Ibrahim ist ein überzeugter Verfechter des Systems Muammar Gaddafi. Weil der libysche Informationsminister medial omnipräsent ist, erinnert er an sein früheres irakisches Pendant Muhammad As-Sahhaf. «Comical Ali» oder «Baghdad-Bob» brannte sich im dritten Golfkrieg in die Köpfe der Menschen ein. Als die Aliierten bereits Teile der Hauptstadt besetzt hatten, behauptete Saddam Husseins Propagandist noch voller Inbrunst: «Sie sind nirgendwo in der Nähe des Flughafens. Sie sind in der Wüste verloren gegangen. Sie können keinen Kompass lesen. Sie sind zurückgeblieben.»

Informationsminister Ibrahim ist kein «Comical Moussa». Er verteidigt das Regime mit gutem Grund: Er ist mit Muammar Gaddafi verwandt. Dass ihn das libysche Volk kaum kannte, bis er seinen Posten übernahm, liegt an Ibrahims Vita: Von 1993 bis 2008 lebt der Mann unter dem Namen Moussa Mansour als libyscher Filmemacher in Grossbritannien, studiert in Exeter Politik und arbeitet in London an seiner Doktorarbeit im Bereich Kunst und Medien. Aufgefallen ist er bloss im Jahr 2000, als er während einer Universitätsexkursion Amman besuchte. Weil er dort angeblich die schwer befestigte US-Botschaft vom Bus aus filmt, verhört ihn der jordanische Geheimdienst für einige Stunden, weiss die saudischen Zeitung «Asch-Scharq al-Ausat» (Der Nahe Osten).

Moussa Ibrahim verlebt nicht nur 15 Jahre in Grossbritannien, sondern engagiert sich dort auch für die Umwelt. Und: Er findet auf der Insel seine grosse Liebe, eine deutsche Theologiestudentin. Sie ist 1997 nach England gekommen und lernt das Gaddafi-Clanmitglied in Exeter kennen. Julia Ramelow lernt Arabisch, die Friedensaktivisten heiratet den Kommilitonen und das Paar bekommt einen Jungen. 2006 machen sie eine 400 Kilometer lange Benefiz-Radtour, die sie im Internet publik machten, um so 10 000 Pfund für den guten Zweck zu sammeln.

Moussa Ibrahim zum Fall Iman al-Obeidi: «Die Anklägerin ist zur Angeklagten geworden.» Die Nachrichten des britischen Senders «Sky» am 29. März 2011. Quelle: YouTube

«Er sieht das hier auch als patriotische Pflicht an»

2008 zieht die Familie nach Tripolis. Drei Jahre später empfängt Julia Ramelow einen Reporter des «Stern» in der libyschen Hauptstadt, um über die Lage im Land und die Arbeit ihres Gatten zu sprechen. Natürlich findet das Interview im «Rixos»-Hotel statt. «Mein Mann wurde Anfang 2010 Generaldirektor eines neuen Medienhauses - mit Fernsehsender, Radiostation und angeschlossenen Zeitungen. Da war Aufbruchstimmung», erzählt sie Im Februar 2011 trat jedoch Informationsminister Amer Bayou zurück, weil er die Gewalt gegen Zivilisten nicht rechtfertigen wollte. Muammar Gaddafi entschied sich, den Posten seinem Verwandten Moussa Ibrahim zu geben. «Er hatte keine andere Wahl», rechtfertigt seine Ehefrau seinen Schritt, obwohl das Paar nach Grossbritannien hätte zurückkehren können «Er sieht das hier auch als patriotische Pflicht an. Es ist sein Land, und du lässt nicht einfach das zurück, was du gerade aufgebaut hast.»

Als Moussa Ibrahim seinen neuen Posten antrat, schrieb seine Ehefrau auf ihrem Blog «Haderza» über die Revolution, die Kairo erfasst. «Mein Respekt für Ägypten steigt ins Unermessliche. Nach 30 Jahren der Unterdrückung und der Armut leisten sie Widerstand.» Nachdem Ende März das Regime ihres Mannes ins Fadenkreuz der internationalen Staatengemeinschaft gerückt ist, schlägt der Ton bei Ramelow um. «Die Libyer vereinigen sich gegen einen gemeinsamen Feind. Selbst die, die sich nicht sicher waren, stehen nun hinter der grünen Flagge.» Alle Bewohner des Landes würden nun gegen die ausländischen Aggressoren kämpfen, schreibt die Deutsche.

Damit klingt die Frau schon genau so wie ihr Ehemann, bemerkt die «New York Times» und vergleicht ihre Aussagen mit einem Statement ihres Gatten gegenüber dem britischen Sender «Channel 4».

Moussa Ibrahim bei «Channel 4»: «Bewaffnete Gangs» greifen Gaddafi an. Quelle: YouTube

Nach diesen Zeilen schlägt Julia Ramelow auf ihrem «Haderza»-Blog derart viel Widerspruch entgegen, dass sie das Schreiben kurzzeitig einstellt. Doch bald bloggt Ramelow wieder aus dem Kriegsgebiet – im Gegensatz zum politischen Gegner, der in diesen Tagen kaum Internetzugang hat. Die Rothaarige bleibt streng auf Staatslinie und berichtet von NATO-Massakern einerseits und andererseits von der angeblichen Gleichschaltung so unterschiedlicher Medien wie CNN, BBC, France24 und Al Jazeera. Zuletzt postet die Frau des Propagandaministers am Sonntagabend, den 21. August, die Forderung, Journalisten müssten für ihre falschen Aussagen zur Verantwortung gezogen werden.

«Er hat niemandem etwas getan»

Das Leben als Frau des Informationsministers macht die 30-Jährige einsam, gibt sie im «Stern» zu. Das mag auch an ihrer Sichtweise liegen. «Aber der Aufstand wurde sofort gewalttätig. Libyen ist von aussen angegriffen worden. Man hat diesem Land nicht die Zeit gegeben, seine Probleme selbst zu lösen.» Dass ihr Gatte irgendwann einmal von den Aliierten verhaftet werden könnte, befürchtet sie aber nicht. Sie erinnert an das Schicksal von «Comical Ali», der heute in den Vereinigsten Emiraten lebt und angeblich seine Memoiren schreibt. «Er hat niemandem etwas getan. Man vergleicht ihn doch immer mit Bagdad-Bob, dem Sprecher von Saddam Hussein. Auch der ist nicht verurteilt worden.»

Moussa Ibrahim Mitte April in der BBC-Sendung «Hardtalk»: Die Al-Kaida-Rebellen in Misrata «terorrisieren die Leute, vergewaltigen Frauen und Kinder, brennen Gebäude ab - und unsere Armee versucht, die Stadt zu befreien. [...] Die Leute von Misrata helfen uns, ihre eigene Stadt zu befreien.» Quelle: YouTube

«Ich habe euch gewarnt»: In den vergangenen elf Stunden sei die Zahl der Todesopfer in Tripolis von 376 auf 1300 angestiegen, behauptet Moussa Ibrahim am 22. August (11.15 Uhr Ortszeit). Nach wie vor spricht er von «bewaffneten Gangs», die Vendetta üben wollten. Quelle: YouTube

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