Krieg in Libyen: Gaddafis «Bomben-Baby» ist ein Unfallopfer
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Krieg in LibyenGaddafis «Bomben-Baby» ist ein Unfallopfer

Das libysche Regime wollte der Welt ein sieben Monate altes Bombenopfer präsentieren. Kurz darauf kam heraus, dass das Mädchen in einen Verkehrsunfall verwickelt war.

von
ske
Regierungsvertreter zeigen den Medien auf einer organisierten Tour das angeblich bei einem Bombenanschlag verletzte Mädchen.

Regierungsvertreter zeigen den Medien auf einer organisierten Tour das angeblich bei einem Bombenanschlag verletzte Mädchen.

Im Krieg wird nicht nur mit Waffen gekämpft, sondern auch mit Bildern und Informationen. Da Muammar al-Gaddafi inzwischen in seiner eigenen Stadt ein Flüchtiger sei, im Untergrund jederzeit Proteste ausgerufen werden könnten und die Rebellen in den vergangenen Tagen wichtige Gewinne in den Bergen verzeichneten, setze Libyen zurzeit vor allem auf die Propaganda-Maschinerie, so die «New York Times». Der letzte Propaganda-Coup ging aber offenbar nach hinten los. Das den Medien präsentierte sieben Monate alte Bombenopfer soll sich seine Verletzungen in Wirklichkeit bei einem Verkehrsunfall zugezogen haben.

Das Mädchen wurde der Journalisten-Truppe in einem Spital in Tripolis präsentiert. Es lag bewusstlos da, Fotos sollten die Taten der Nato dokumentieren. Sie sei bei einem Bombenangriff verletzt worden, erzählten ein Onkel und ein angeblicher Nachbar laut der britischen Zeitung «The Guardian» den Journalisten. Die Bombe sei auf einem Feld in der Nähe ihres Hauses eingeschlagen.

«Das ist ein Strassenverkehrsunfall»

Doch das scheint nicht ganz der Wahrheit entsprochen zu haben. Ein Angestellter des Krankenhauses liess nämlich einen Zettel unter den Fuss eines Reporters fallen, auf dem es in Englisch hiess: «Das ist ein Strassenverkehrsunfall. Das ist die Wahrheit.» Erstaunt habe dies niemanden, schreibt das britische Blatt. Journalisten hätten schon Verdacht geschöpft, als sie wenige Stunden zuvor an den Ort gebracht worden seien, wo das Mädchen verletzt worden sein soll. Ausführlich beschrieb der Sohn des Feld-Besitzers, wie Hunde, Hühner und Schweine bei dem Angriff getötet worden seien. Verletzte erwähnte er nicht.

Auch die Anwohner, die sich um den Krater versammelt hatten und Pro-Gaddafi-Slogans skandierten, hätten nichts von zivilen Opfer erzählt. Erst kurz bevor der Bus wieder abfuhr, erwähnte ein Nachbar, seine Tochter sei verletzt worden, als eine Glastür wegen des Bombeneinschlags zerbrochen war.

Russische Bombe im Garten

Richtig misstrauisch wurden die Reporter schliesslich, als der angebliche Nachbar des Mädchens um ein Uhr früh an einem Ort auftauchte, wo eine Bombe um Mitternacht im Garten einer Familie gelandet sei, als diese gerade am Essen war. Die zwei Meter lange Bombe sei vom Himmel gefallen, sagte er und gab damit zu verstehen, dass es sich um eine Bombe handle, die ein Nato-Jet abgeworfen haben müsse. Die nicht explodierte Bombe habe laut dem «Daily Telegraph» aber nicht brandneu ausgesehen. Bei einer genaueren Inspektion der Bombe wurden schliesslich kyrillische Schriftzeichen erkennbar. Demnach stammte die Bombe aus Russland. Da sich Russland nicht an der Nato-Mission in Libyen beteiligt, könne die Bombe somit gar nicht von der Nato abgeworfen worden sein.

Plötzlich habe die Geschichte mit der Mitternachtsbombe dann anders geklungen. Der sogenannte Nachbar des zuvor im Spital besuchten Mädchens erklärte, die Nato habe eine nahe gelegene Militäranlage getroffen. Bei der Explosion sei diese Rakete – aus Gaddafis eigenem Arsenal – im Garten der Familie gelandet.

Keine Irreführung der Medien

Der stellvertretende Aussenminister, Khaled Kaim, bestritt beim Besuch eines bombardierten Staatsgebäudes, dass das Regime die Medien in die Irre führen wolle. «Wir wollen so glaubwürdig wie möglich sein. Falls es ein Missverständnis gab, dann ist die Regierung daran nicht beteiligt.» Vermutlich seien Zivilisten dafür verantwortlich, die von den Nato-Angriffen genug hätten.

In Libyen werde auf drei parallelen Ebenen gekämpft, meint der «Daily Telegraph». Auf dem Boden, wo der Krieg tatsächlich stattfinde, in den Fantasien der libyschen Regierungsvertreter und auf den Computerbildschirmen der Nato. Laut Gaddafi-Getreuen habe man das Land abgesehen von ein paar Kriminellen und Al-Kaida-Terroristen unter Kontrolle. Die Nato sei gleichzeitig für 718 tote und 4067 verletzte Zivilisten verantwortlich.

Da die Nato-Bombardierungen nicht mehr gestoppt werden können, versuche Libyen, die Weltgemeinschaft mit hohen Opferzahlen auf seine Seite zu ziehen, so die «New York Times». Tatsächlich gebe es aber für die von Libyen angegebenen Opferzahlen praktisch keine Beweise. Die meisten Luftangriffe seien in Tripolis so präzise, dass das Leben in der Stadt normal weitergehe und die Menschen sogar nachts auf der Strasse anzutreffen seien, wenn die meisten Bombardierungen stattfinden – das berichten zumindest die ausländischen Journalisten vor Ort in erstaunlicher Übereinstimmung.

Verstärkte Luftangriffe der Nato

Die Nato verstärkt ihre Luftangriffe auf Tripolis und weitet sie immer mehr auch auf die Tagesstunden aus. Am Dienstag trafen tief fliegende Flugzeug der Militärallianz elf Ziele in Tripolis, die Bomben schienen vor allem in der Nähe eines Anwesens von Machthaber Muammar al Gaddafi eingeschlagen zu sein. Eine Bestätigung von Regierungsseite gab es dafür aber zunächst nicht. Die libyschen Regierungstruppen schossen mit Flugabwehrkanonen.

Das Bündnis hatte bereits im Laufe des Montags die Frequenz ihrer Angriffe deutlich erhöht und alleine am Abend mindestens zehn Angriffe auf Ziele in der Umgebung der Hauptstadt geflogen. Flugzeuge der Royal Air Force hätten bei ihren Einsätzen am Montagabend Hauptquartiere von Gaddafis Militärgeheimdienst getroffen, sagte der britische Generalmajor Nick Pope.

Indessen wird der libysche Außenminister Abdul Ati al Obeidi nach Angaben der chinesischen Regierung in dieser Woche Peking besuchen. Obeidi werde von Dienstag bis Donnerstag nach China kommen, sagte Außenministeriumssprecher Hong Lei. Erst am Freitag hatte Peking mitgeteilt, dass ein Gesandter mit einem Anführer der libyschen Rebellen zusammengetroffen war. (dapd)

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