St. Moritz : Gäste geschützt, Angestellte steckten sich an
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St. Moritz Gäste geschützt, Angestellte steckten sich an

Fast drei Dutzend Mal wurde ein mutiertes Coronavirus bei Hotelangestellten in St. Moritz nachgewiesen. Die Ursachen dafür sind nicht vollständig geklärt. Ein Erklärungsversuch ist, dass Hotelangestellte wie Familien nahe aufeinander leben.

von
Jeremias Büchel
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Das Grand Hotel des Bains Kempinski….

Das Grand Hotel des Bains Kempinski….

REUTERS
… und das Badrutt’s Palace in St. Moritz stehen noch bis am 27. Januar unter Quarantäne.

… und das Badrutt’s Palace in St. Moritz stehen noch bis am 27. Januar unter Quarantäne.

imago/Herb Hardt
In beiden betroffenen Hotels sind Gäste und Mitarbeitende auf das Coronavirus getestet worden. 

In beiden betroffenen Hotels sind Gäste und Mitarbeitende auf das Coronavirus getestet worden.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Anfang Woche wurden in St. Moritz über 3000 Personen auf Covid-19 und Mutationen getestet, nachdem Ansteckungen mit der südafrikanischen Virusvariante in Luxushotels bekannt wurden.

  • Bei 31 Angestellten der Hotels Palace und Kempinski wurden Mutationen (N501Y) des Coronavirus festgestellt.

  • Gäste haben sich keine infiziert.

  • Die Schutzkonzepte haben für die Gäste funktioniert.

  • Bei den Angestellten scheinen die Schutzkonzepte und Massnahmen nicht vollumfänglich gegriffen zu haben.

Am Montag wurde bekannt, dass in St. Moritz in den Hotels Palace und Kempinski ein mutiertes Coronavirus festgestellt wurde. In der Folge wurden Gäste und Mitarbeiter der beiden Hotels unter Quarantäne gestellt, die Schulen geschlossen und eine Maskenpflicht auf dem Gemeindegebiet verfügt. Alle Mitarbeitenden und Gäste der Hotels wurden getestet, die Bevölkerung von St. Moritz konnte sich freiwillig testen lassen.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass bei 31 Angestellten der beiden Hotels die Mutation (N501Y) des Coronavirus nachgewiesen wurde. Bei den Hotelgästen wurden keine mutierten Virusvarianten entdeckt. «Dies zeigt, dass die Schutzkonzepte der Hotels funktionieren und das Testen von Mitarbeitenden eine sinnvolle, wirksame Massnahme ist», teilte das Gesundheitsamt Graubünden am Donnerstag mit.

Contact Tracing wird Positivitätsrate beim Personal analysieren

Dennoch stellt sich die Frage, wie sich das Virus unter den Angestellten derart verbreiten konnte. Liegt es etwa daran, dass viele Angestellten in Personalunterkünften untergebracht sind?

Beim Kempinski äussert man sich nur bedeckt. Man halte sich an die Vorgaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG). «Details zur Wohnsituation der Betroffenen werden zum Schutz ihrer Privatsphäre nicht bekannt gegeben.»

Beim Hotel Palace sind derzeit rund 300 Mitarbeitende in Personalunterkünften oder im Hotel selbst untergebracht. Dabei handle es sich um Unterbringungen in Einzel- oder Doppelzimmern, wie das Hotel auf Anfrage mitteilt.

Eine abschliessende Antwort, weshalb es zu den diversen Ansteckungen bei den Angestellten gekommen ist, steht noch aus. «Warum die Positivitätsrate bei den Mitarbeitenden höher ist, wird nun durch das Contact Tracing analysiert», teilt die Kommunikationsstelle Coronavirus des Kantons auf Anfrage mit.

Das Hotel Palace weist darauf hin, dass sich während der Massentestung viel mehr Angestellte als Gäste im Hotel befunden hätten. «Somit ist die Wahrscheinlichkeit, dass positive Resultate bei den Angestellten gefunden werden, auch grösser.» Zudem könne auch das beste Schutzkonzept Ansteckungen nicht komplett ausschliessen. «Dort wo Leute zusammenkommen, besteht immer ein gewisses Risiko. Tests sind Momentaufnahmen und geben auch keine hundertprozentige Sicherheit.»

Angestellte wie Familie

Laut der Gemeinde St. Moritz seien die Ansteckungen beim Personal zu vergleichen mit solchen im Familienkreis. «Das ist wohl nicht ein hotel-spezifisches Phänomen. Pausen, gemeinsames Essen, Freizeit und in einigen Fällen gemeinsame Personalwohnungen sind genau wie das Familienumfeld für einen grossen Teil der Ansteckungen verantwortlich», so Fabrizio D’Aloisio, Head of Corporate Communications bei St. Moritz Tourismus und der Gemeinde St. Moritz. Deshalb weise man auch immer wieder darauf hin, dass die Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen auch abseits vom eigentlichen Arbeitsplatz enorm wichtig sind.

Die drei Varianten im Überblick

Sie ähneln sich, weisen aber auch Unterschiede auf. Das ist bislang zu den drei Corona-Mutanten bekannt, die Wissenschaftlern Sorge bereiten.

Britische Variante: Die als B.1.1.7 bezeichnete Variante tauchte erstmals im Dezember 2020 im Süden Grossbritanniens auf, von wo sie sich im ganzen Land und über die Landesgrenzen hinaus verbreitete. Auch in der Schweiz ist sie anzutreffen. Laut neusten Erkenntnissen weist B.1.1.7 insgesamt 17 Mutationen auf, von denen drei das Verhalten des Virus verändert haben könnten: die Mutation N501Y, die Löschung der Stellen 69 und 70, und die Mutation P681H. Darauf deuten laut Richard Neher, Epidemiologe an der Universität Basel, auch Beobachtungen aus Irland und Dänemark hin, so Zeit.de.

Südafrikanische Variante: B.1.351 ist vermutlich im August 2020 entstanden. Heute ist sie vor allem in der Kapregion die vorherrschenden Variante – möglicherweise, weil sie ansteckender ist. Möglich ist aber auch, dass sie der Immunantwort von Menschen entgeht, die schon einmal mit Sars-Cov-2 infiziert waren, so Londoner Forscher. Wäre letzteres der Fall, könnte das dazu führen, dass sich einmal Infizierte erneut infizieren könnten und so zur Verbreitung beitragen können. Auch B.1.351 weist die N501Y-Mutation auf, plus weitere am Spike-Protein. Darunter auch solche, die B.1.1.7 nicht hat . Wie Zeit.de schreibt, beunruhigt insbesondere die Mutation E484K. Denn es gibt Hinweise darauf, dass Antikörper von Menschen, die eine Sars-CoV-2-Infektion überstanden haben, Viren mit dieser Mutation schlechter neutralisieren. «Deshalb wird diese Mutation insgesamt auch als kritischer eingeschätzt» als die britische Variante, so die deutsche Virologin Sandra Ciesek im NDR-Info-Podcast. Denn sollte die Hypothese stimmen, «wäre das natürlich eine ungünstige Kombination

Brasilianische Variante: Noch dünner als bei der B.1.351 ist die Datenlage aktuell bei P.1, wie die brasilianische Variante genannt wird. Doch auch hier besteht Grund zur Besorgnis. Sie wurde erst vor kurzem in Manaus identifiziert, wo zuletzt ebenfalls ein rasanter Anstieg an Corona-Infektionen gemeldet wurde. Auch P.1 weist 17 Mutationen auf, von denen sich einige am Spike-Protein befinden – darunter N501Y, welche auch bei den anderen beiden Mutationen festgestellt wurde, und E484K, die auch bei der südafrikanischen Variante entdeckt wurde.

Am Flächentest in St. Moritz Anfang Woche beteiligten sich fast 3200 Personen. Die Auswertung der Tests zeige, dass rund ein Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus angesteckt ist. «Bei den Mitarbeitenden und Gästen der beiden unter Quarantäne gestellten Hotels beträgt die Ansteckungsrate vier Prozent», so das Gesundheitsamt. Die beiden Hotels stehen noch bis Mittwoch unter Quarantäne. Die Schulen öffnen am Freitagmorgen wieder, ebenso die Skischulen. Auch die Maskenpflicht im Dorf wird aufgehoben.

Tests als Alternative zu Lockdown

Nicht nur Luxushotels haben im Engadin Mitarbeitende getestet. Wie die Taskforce Corona Engadin am Donnerstag mitteilte, hätten auch zahlreiche Betriebe ausserhalb St. Moritz damit begonnen, ihre Mitarbeitenden zu testen, um weitere Ansteckungen entdecken zu können. «Als nächster Schritt steht die Einführung regelmässiger Unternehmenstests an. Diese sollen im ganzen Kanton gezielt, das heisst abgestimmt auf das Risikoprofil der einzelnen Mitarbeitenden, durchgeführt werden.»

«Regelmässig und systematisch getestete Unternehmen können sicherer betrieben werden, was die
Schweiz rascher aus einem Lockdown führen kann als jede andere einzelne Massnahme», so die Meinung der Taskforce. Knackpunkt sind noch die Kosten. Diese seien jedoch im Vergleich zu einem Lockdown
verschwindend. «Es müsste im Interesse des Bundes liegen, das Projekt in Graubünden nun unkompliziert zu finanzieren und die Lehren daraus in der ganzen Schweiz anzuwenden», heisst es in der Mitteilung weiter.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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