Gamergate: Gamer, werdet erwachsen!
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GamergateGamer, werdet erwachsen!

Unter dem Begriff Gamergate tobt eine Kontroverse um Sexismus und Korruption in der Game-Welt. In Wahrheit aber geht es um Angst, findet unser Game-Journalist.

von
Jan Graber
Aus dem Ruder gelaufene Kontroverse: Frauen monieren das stereotype Frauenbild in Games und ihren Status als Entwicklerinnen  männliche Gamegater drohen ihnen mit Mord und Vergewaltigung.

Aus dem Ruder gelaufene Kontroverse: Frauen monieren das stereotype Frauenbild in Games und ihren Status als Entwicklerinnen männliche Gamegater drohen ihnen mit Mord und Vergewaltigung.

Als im August 2014 die sogenannte Gamegate-Kontroverse losgetreten wurde, bedeutete das lediglich einen weiteren Zwick an einer Geissel, die die Game-Welt schon seit längerem piesackt: die Diskussion um Sexismus in der Branche. Schon vermehrt hatten (nicht nur) weibliche Game-Entwickler moniert, dass Frauen in der Branche untervertreten seien. Angeprangert wurde zudem, dass das stereotype Frauenbild von zu rettenden Prinzessinnen und übersexualisierten Amazonen nicht überwunden scheint.

Zusätzlich Öl ins Feuer goss Ubisoft bei der Ankündigung des Mörderspiels «Assassin's Creed Unity» an der diesjährigen Game-Messe in E3: Im Spiel lassen sich sechs Assassinen spielen, darunter aber keine Frau. Auch hier stellte sich die Frage, ob sich die Game-Entwicklergilde nicht bewusst ist, dass 50 Prozent der Spieler heutzutage weiblichen Geschlechts sind?

Verlust der Herrschaft

Damit war das Zündholz an eine Lunte gelegt, an deren Ende im August die Bombe namens Gamergate hochging. Eine Game-Entwicklerin wurde beschuldigt, mit einem Game-Journalisten eine Affäre angefangen zu haben, um gute Ratings zu erhalten. Bewiesen wurde der Vorwurf nie, eine entsprechende Game-Review war nie erschienen. Was als Diskussion über Ethik und Korruption begann, entwickelte sich zunehmend zu einem hasserfüllten Angriff auf weibliche Vertreterinnen der Game-Branche - inklusive Drohungen von Mord und Vergewaltigung.

Was war passiert? Vordergründig sehen sich Mitglieder von Gamergate als Wachhunde über das kostbare Gut Games: Sie wollen, dass die reine, sprich unpolitische und von realen Problemen unberührte Natur des Gamens bewahrt wird. Tatsächlich aber geht es um das Bewahren einer Herrschaft (sic!) über einen Bereich des Lebens, in dem sich vor allem jugendliche, männliche Gamer als Meister fühlen wollen - den Games und wie sie ihren Augen zu sein haben. Wird die Forderung gestellt, auch Mädchen ins Spielzimmer zu lassen, fühlen sich Gamergater in ihrem Herrschaftsanspruch zutiefst verletzt. Es kommt zur Kriegserklärung.

Es gibt keine «Gamer»

Zu behaupten, als Gamegate-Protagonist die Reinheit des Gamens bewahren zu wollen, ist dabei nur eine scheinheilige Rechtfertigung für eine Schlacht gegen einen für sie viel fürchterlicheren Feind - Frauen. Indem sie sie bedrohen, fühlen sie sich stark und unüberwindbar. Sie sehen sich selbst als Beschützer des heiligen Grals - der Games. Und legen dabei totalitär anmutende Ansprüche an den Tag, die bisweilen faschistische Züge tragen.

Tatsächlich aber enthüllen sie damit vor allem eines: eine tief sitzende Angst davor, dass die Realität ins Reich der Games einbrechen könnte. Indem sie aufs «schwache» Geschlecht einprügeln, enthüllen «Gamegater» ihre eigene Schwäche - die Angst vor dem wimmernden Kind in ihnen. Es wird Zeit, dass sich der «echte Gamer» von einem idealisierten Bild verabschiedet, das so nur in seiner Fantasie existiert - es gibt ihn nicht, den Gamer.

Seid Gentlemen!

Gamer, zeigt Stärke statt Schwäche! Beweist, dass ihr die Helden seid, die ihr auch in den Games sein wollt: Lasst Frauen wie Gentlemen ins Reich der Spiele eintreten im Vertrauen darauf, dass sie das Game-Universum vielfältiger und stärker machen. Frauen in der Game-Branche sind keine Bedrohung, sondern im Gegenteil eine wertvolle Bereicherung. Eine Industrie, die so vielfältig und lebendig ist wie diejenige der Gameentwicklung, sollte zudem mit solch alten Kamellen nichts mehr am Hut haben.

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