29.06.2020 02:50

Coronavirus

«Ganze Firmen schicken ihre Mitarbeiter zum Test»

Der Bund vergütet neu die Corona-Tests. Das führt dazu, dass sich auch asymptomatische Personen testen lassen wollen.

von
Pascal Michel
1 / 6
«Seit die Tests gratis sind, werden wir regelrecht überrannt», sagt Frank Bally, stellvertretender Walliser Kantonsarzt.

«Seit die Tests gratis sind, werden wir regelrecht überrannt», sagt Frank Bally, stellvertretender Walliser Kantonsarzt.

Keystone
Am Freitag habe man so viele Tests durchgeführt wie zur Epidemienspitze

Am Freitag habe man so viele Tests durchgeführt wie zur Epidemienspitze

Keystone
«Ganze Unternehmen, die einen positiven Fall hatten, wollen ihre Mitarbeiter – auch solche ohne Symptome - zum Test schicken.»

«Ganze Unternehmen, die einen positiven Fall hatten, wollen ihre Mitarbeiter – auch solche ohne Symptome - zum Test schicken.»

Spital Wallis

Darum gehts

  • Der Bund zahlt seit Donnerstag die Corona-Tests.
  • Der Walliser Kantonsarzt sagt, seither werde man überrannt.
  • «Ganze Unternehmen wollen Mitarbeitende testen lassen», sagt er.
  • Derweil steigen die Fallzahlen schweizweit wieder an.

Seit letzten Donnerstag übernimmt der Bund die Kosten für Corona-Tests. Diese werden nicht mehr am Selbstbehalt angerechnet. Dies hat Folgen: Die Zahl der durchgeführten Tests steigt. Letzte Woche wurden von Montag bis Sonntag über 48’000 Tests gemacht, das sind 13’000 mehr als eine Woche zuvor.

«Seit die Tests gratis sind, werden wir regelrecht überrannt», sagt Frank Bally, stellvertretender Walliser Kantonsarzt. Am Freitag habe man so viele Tests durchgeführt wie zur Epidemienspitze. «Ganze Unternehmen, die einen positiven Fall hatten, wollen ihre Mitarbeiter – auch solche ohne Symptome – zum Test schicken.»

Doch das mache keinen Sinn. «Ein negativer Test ist keine Versicherung. Denn er könnte aufgrund der Inkubationszeit bereits am nächsten Tag positiv ausfallen.» Deshalb sei die Befolgung der Quarantäne zentral. Damit die Unternehmen auch bei einem positiven Fall im Betrieb weiterarbeiten könnten, sollten sie sich an die Schutzkonzepte des BAG und die Quarantäne halten, sagt Bally.

Arbeitgeber darf Test anordnen

Arbeitgeber können zwar auch bei asymptomatischen Mitarbeitenden einen Test durchführen lassen – jedoch müssen sie dann auch die Kosten selbst tragen. Einen Test vergütet der Bund mit 169 Franken. «Aufgrund seiner Fürsorgepflicht und auch wegen möglicher Haftungsansprüche von Kunden kann der Arbeitgeber von seinen Mitarbeitern verlangen, dass sie sich testen lassen», schreibt der Kaufmännische Verband in einem Ratgeber.

«Wir kennen das Phänomen von den Schulen», sagt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte. Sobald es zu einem möglichen Krankheitsfall komme, wollten sich viele der auch nicht beteiligten Lehrpersonen testen lassen. «Ebenso wollen viele Eltern, dass auch ihre Kinder, obwohl sie nicht zu den engen Kontakten zählen und keine Symptome haben, getestet werden.»

«Ich höre aus dem Labor- und Spitalbereich ebenfalls, dass die Anzahl Testungen deutlich zunehmen», sagt auch Thomas Steffen, Kantonsarzt in Basel-Stadt. «Man sollte aber auf die Testung asymptomatischer Personen ohne weiteren stichhaltigen Grund verzichten.»

Es mache medizinisch keinen Sinn, und die Testkapazitäten in der Schweiz seien im Moment zwar ausreichend, aber begrenzt. «Der Test sollte wie alle medizinischen Test nur den Personen zur Verfügung stehen, welche ihn wirklich brauchen.» Laut dem Bundesamt für Gesundheit liegt die maximale Testkapazität bei 15’000 pro Tag.

R-Wert steigt stetig

Derweil steigen die Fallzahlen in den letzten Tagen schweizweit. Das BAG meldete am Sonntag 62 Neuansteckungen, am Samstag 69, am Freitag 58. Noch am Montag waren es 18 neue Fälle. Epidemiologen sind aufgrund dieser Entwicklung alarmiert. So steigt auch der sogenannte R-Wert stetig. Er gibt an, wie viele neue Personen eine angesteckte Person infiziert. Der Wert liegt laut der neusten Schätzung bei 1,6. Pascal Strupler, Direktor des BAG, bezeichnete die Fallzahlen als «beunruhigend».



Zur Illustration: 10 Personen führen bei einem R-Wert von 1,58 zu 15 Neuinfektionen, diese zu 25 Neuinfektionen, diese zu 39 und so weiter. Deshalb ist es für die Bekämpfung des Virus zentral, den R-Wert unter 1 zu bringen und Infektionsketten zu unterbrechen. Erst dann läuft sich das Virus längerfristig «tot».

Hinzu kommt: Der ganze Effekt der weitgehenden Lockerungen, die der Bundesrat per 22. Juni beschlossen hatte, zeigt sich erst nächste Woche. Aufgrund der aktuell steigenden Fallzahlen fordert die wissenschaftliche Taskforce des Bundes jetzt ein Maskenobligatorium im ÖV und überall dort, wo Contact-Tracing nicht möglich ist, zu erlassen, wie die «SonntagsZeitung» berichtet.

Dann zahlt der Bund

Grundsätzlich werden alle Personen mit Symptomen getestet. Zudem getestet werden Personen, die eine Meldung eines Kontakts mit einem Covid-19-Fall durch die Swiss-Covid-App erhalten haben und die asymptomatisch sind. «Ein einziger Test sollte ab dem 5. Tag nach Kontakt erfolgen», schreibt das BAG. Die Kosten werden in drei Fällen vom Bund übernommen: bei ärztlicher Verordnung, bei einer Meldung der Covid-App oder bei Personen, die engen Kontakt mit einem positiven Fall hatten.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
149 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Rickli

29.06.2020, 06:41

Seit der Bund die Tests bezahlt, werden die Testzentren geradezu überrannt und zum Vorschein kommen mehr Fälle - was ja klar ist! Die Dunkelziffer war vorher schon gross! Ich bin überzeugt, dass nicht die Fallzahlen steigen sondern, weil mehr getestet wird, auch mehr publik werden🤷‍♀️

Rudi

29.06.2020, 06:39

Ich frage mich wo im ÖV alle sind die eine Maskenpflicht wollen?? Wenn all diese eine Maske tragen würden hätte es bestimmt mehr Maskenträger unterwegs.

Maskenpflicht

29.06.2020, 06:39

Kein Problem. Der Bund soll jedem pro Tag eine zur Verfügung stellen. Nach einer Woche ist dann wohl Schluss