Zugzwang: Gas-Streit bringt Zuger Firma unter Druck
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ZugzwangGas-Streit bringt Zuger Firma unter Druck

Kappt Russland die Gasleitungen in die Ukraine, stottert auch das Milliardengeschäft mit dem Gas-Zwischenhandel: Rosukrenergo, 50-Prozent-Tochter der russischen Gazprom mit Sitz in Zug, leidet unter dem Gas-Streit.

Vor drei Tagen bat Rosukrenergo den Bundesrat um Hilfe: Nach Vorstellungen der Zuger Firma, die ausser der Gazprom zwei – gemäss verschiedenen Medienberichten umstrittenen – ukrainischen Geschäftsleuten gehört, soll die Schweizer Regierung die Ukraine zum Einlenken im Gas-Streit mit Russland bewegen.

Sollte sich der Gas-Streit entspannen, wie erste Signale am Freitag andeuteten, wäre dies für Rosukrenergo eine grosse Erleichterung. Allerdings, wie ein Sprecher des Unternehmens am Freitag der Nachrichtenagentur SDA sagte, sei es noch zu früh, die Lage neu zu beurteilen.

Ukraine schuldet Geld

Die Belieferung der Ukraine mit Gas ist Grund für die Existenz von Rosukrenergo. Die russische Gazprom liefert direkt kein Gas an die Ukraine, obwohl das westliche Nachbarland sein zweitgrösster Markt ist. Stattdessen versorgt die Zuger Tochter die Ukraine – und zwar mit günstigem Gas aus Zentralasien.

Das Unternehmen liefert in die Ukraine 53,2 Mrd. Kubikmeter – ungefähr 15 mal soviel wie der Jahres-Gasverbrauch der Schweiz. Der Kubikmeter wurde 2008 für 179.50 Dollar verkauft. Allfällige Verluste tauchen jedoch nicht in der Bilanz der Gazprom auf – eine der «raison d'être» für Rosukrenergo.

Anderswo verkauft der Zwischenhändler Gas aus Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan nämlich für 400 Dollar pro Kubikmeter – mit satten Gewinnen. Auf diese Weise werden die Verluste aus dem Geschäft mit der Ukraine aufgefangen.

Rosukrenergo erwirtschaftete nach eigenen Angaben 2007 mit dem Gasverkauf 9,9 Mrd. Dollar und einen Reingewinn von 795,2 Mio. Dollar.

Die Rosukrenergo bezahlte 2007 gemäss eigener Bilanz in der Schweiz 71,6 Mio. Dollar Steuern. Allerdings beschäftigt sie nur etwa fünf ihrer rund 50 Angestellten permanent in der Schweiz.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Weil sie sich selbst explizit als Schweizer Firma und gute Steuerzahlerin sieht, leitet Rosukrenergo einen gewissen Anspruch auf eine Bundesratsintervention ab – und zwar nicht nur im russisch- ukrainischen Konflikt um den Gaspreis.

Rosukrenergo erklärt, dass die Ukraine der Firma gesamthaft 614 Millionen Dollar schulde. Die Schweizer Regierung solle deshalb der Firma helfen, die Gelder einzutreiben.

Die Schuldzuweisungen an die Adresse Kiews sind massiv: Rosukrenergo beruft sich beim Hilfegesuch an den Bundesrat auf die europäische Energie-Charta, gegen welche die Ukraine eindeutig verstosse. Die Schweiz und die Ukraine haben diese Charta unterzeichnet. Russland hingegen hat sie bisher nicht ratifiziert.

Vorwürfe muss aber auch Rosukrenergo gewärtigen: Das Geschäfsgebahren der Firma gilt als wenig transparent. Zudem stehen gemäss Schweizer Medienberichten die ukrainischen Aktionäre von Rosukrenergo unter dem Verdacht der Korruption und krimineller Machenschaften.

Die russlandkritische ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat bereits Anläufe unternommen, Rosukrenergo als Gas- Zwischenhändlerin auszuschalten. Bisher waren die Versuche aber erfolglos.

(sda)

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