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TripadvisorGast kritisiert Hotel – Anwalt droht mit Anzeige

Nachdem ein Schweizer sich auf Tripadvisor kritisch über ein Hotel geäussert hatte, bekam er Post vom Anwalt. Dieser droht ihm mit einer Strafanzeige.

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Kritische Bewertungen auf Tripadvisor müssen vorsichtig formuliert werden, ansonsten droht eine Anzeige.

Kritische Bewertungen auf Tripadvisor müssen vorsichtig formuliert werden, ansonsten droht eine Anzeige.

Chris Inderkum wollte mit seiner Freundin ein erholsames Wochenende verbringen. Der 29-Jährige buchte deshalb ein Viersternhotel in Österreich. Auf dessen Website wurde vor allem der schöne Wellnessbereich beworben, der sich speziell für Designliebhaber und Naturfreunde eigne.

Vor Ort werden die beiden allerdings enttäuscht. Die Anlage sei nicht sehr gross gewesen, das Wasser zu kalt und der Whirlpool zu klein, sagt Inderkum dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso». Allgemein hätten sie mehr von einem Hotel mit vier Sternen erwartet.

Ungerechtfertigte« Schmähkritik»

Nach dem Aufenthalt schreibt Inderkum daher einen kurzen Eintrag auf dem Bewertungsportal Tripadvisor: «Das Hotel ist im Eingangsbereich und an der Bar sehr stylish, aber überall sonst sehr abgewohnt und hat nicht viel mit einem Design-Hotel zu tun. Es eignet sich für Aktivurlauber, da der Wellnessbereich sehr klein ausfällt und der Innenpool wenig einladend ist.»

Zwei Wochen später dann die Überraschung: In Inderkums Briefkasten liegt ein Schreiben einer Tiroler Anwaltskanzlei. Es bezieht sich auf seine Kritik auf Tripadvisor. Diese sei unwahr und für das Hotel «grob schädigend». Auf der Homepage werde ganz genau über die Grösse der Wellnessanlage informiert – er habe also kein Recht, sich im Nachhinein darüber zu beklagen. Dies sei ungerechtfertigte «Schmähkritik», so der Anwalt des Hotels.

Meinung muss erkennbar sein

Doch damit nicht genug: Inderkum habe fünf Tage Zeit, seinen Kommentar von der Plattform zu entfernen. Andernfalls werde er strafrechtlich und zivilrechtlich verfolgt, heisst es in dem Schreiben weiter.

Inderkum ist fassungslos. Er habe nur seine Meinung gesagt. Das könne doch nicht strafbar sein. Reto Ineichen, Rechtsanwalt und Dozent für Tourismusrecht an der Hochschule Luzern, stimmt zu. Ausschlaggebend sei allerdings, wie der Kommentar online formuliert sei. Die Meinung im Kommentar müsse als solche erkennbar sein.

Einschüchterungsversuche verstossen gegen Richtlinien

Er empfehle deshalb, Beträge auf solchen Plattformen immer in «Ich-Form» zu schreiben: «Mir war das Wasser zu kalt» anstatt «Das Wasser war zu kalt». Auch Aussagen wie «Das Zimmer ist nicht grösser als eine Besenkammer» sollte man vermeiden. Dies könne schlimmstenfalls tatsächlich eine Anzeige wegen übler Nachrede nach sich ziehen.

Tripadvisor schreibt auf Anfrage von «Espresso»: «Wir sind entschieden gegen jeden Versuch von Unternehmenseigentümern, Bewerter zu schikanieren oder einzuschüchtern.» Dies verstosse gegen die Richtlinien und könne zu Sanktionen wie Markierung auf der Site oder einer Sperrung führen. Betroffene sollten sich deshalb melden.

Und von denen gibt es laut SRF einige. Auf der Homepage von Tripadvisor schildern weitere Nutzer ähnliche Erfahrungen wie die von Inderkum. Kritische Konsumenten per Anwaltsschreiben zum Schweigen zu bringen, ist offenbar eine beliebte Taktik. Auch Inderkum hat seinen Eintrag gelöscht. Er habe keine Lust auf Juristenknatsch.

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