#wirmachenauf: Gastronomen riskieren für Corona-Rebellion hohe Bussen
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#wirmachenaufGastronomen riskieren für Corona-Rebellion hohe Bussen

Schweizer Gastronomen wollen am Montag ihre Lokale öffnen – trotz Corona-Verbot. Die drohenden Strafen nehmen sie in Kauf.

von
Daniel Graf
Bettina Zanni
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Diese Bilder wollen Restaurantbesitzer nicht mehr sehen: Einige wollen am Montag ihre Restaurants trotz geltendem Corona-Verbot öffnen.

Diese Bilder wollen Restaurantbesitzer nicht mehr sehen: Einige wollen am Montag ihre Restaurants trotz geltendem Corona-Verbot öffnen.

Sonja Mulitze
Gastronomen fordern mmer wieder eine angemessene Entschädigung dafür, dass sie ihre Betriebe schliessen mussten.

Gastronomen fordern mmer wieder eine angemessene Entschädigung dafür, dass sie ihre Betriebe schliessen mussten.

Gianni Walther
Der Corona-Aufstand könnte die Gastronomen aber teuer zu stehen kommen, wie Rechtsanwalt Philipp Vonrüti sagt.

Der Corona-Aufstand könnte die Gastronomen aber teuer zu stehen kommen, wie Rechtsanwalt Philipp Vonrüti sagt.

Darum gehts

  • Unter dem Hashtag #wirmachen auf organisieren sich derzeit in verschiedenen Ländern Europas Gastronomen und Gewerbler.

  • Auch in der Schweiz wollen Dutzende Betriebe am Montag wieder öffnen – trotz geltendem Corona-Verbot.

  • Damit riskieren sie hohe Bussen: Bis zu 10’000 Franken können für Verstösse gegen die Covid-Verordnung fällig werden.

  • Das nehmen die Gastronomen in Kauf: «Irgendetwas muss ich machen, sonst hat meine Familie bald nichts mehr zu essen», sagt eine Café-Betreiberin aus Basel.

Unter dem Hashtag #wirmachenauf organisieren sich derzeit schweizweit Gastronomen und weitere Gewerbler. Sie wollen ihre Lokale und Geschäfte am Montag öffnen, auch wenn die aktuelle Covid-Verordnung dies verbietet. Auf der Webseite wirmachenauf.ch und über den Messenger-Dienst Telegram tauschen sie sich aus, drucken Flyer und erstellen Listen, in welchen Städten wie viele Betriebe öffnen werden. Aufgeführt wird auch, wer Unterstützung zusichert, indem er die Lokale besuchen wird.

Gegen 100 Ortschaften waren bis am Donnerstagnachmittag aufgeführt, in der Telegram-Gruppe mit rund 6000 Teilnehmern haben Dutzende Geschäfte ihre Unterstützung zugesagt. Idee und Hashtag kommen aus Deutschland, wo der Lockdown ursprünglich bis am 11. Januar geplant gewesen war, dann aber verlängert wurde. Auch andere europäische Städte machen gemäss den Organisatoren mit. Im Video erzählt Sascha Rettenmund, Inhaber der erst kürzlich eröffneten Gentil’s Bar in Selznach SO, weshalb auch er sich der Covid-Verordnung widersetzen wird.

«Haben bald nichts mehr zu essen»

Auch die 46-jährige S.B.*, die in Basel seit drei Jahren ein Café betreibt, macht mit: «Ich bin Alleinverdienerin und muss eine sechsköpfige Familie ernähren. Schon im ersten Lockdown hatte ich zu beissen, jetzt bekomme ich mit der Erwerbsausfall-Entschädigung noch 400 Franken. Das reicht in der Schweiz schlicht nicht.» Auf einen Corona-Kredit hat B. im Frühling verzichtet: «Ich wollte mich auf keinen Fall verschulden, nur weil der Staat mir meinen Betrieb zugemacht hat.»

B. befürchtet, dass sie jetzt kein Geld mehr erhalten wird: «Es gibt zwar die Härtefallgelder, aber dafür musst du so viele Bedingungen erfüllen und das Geld ist begrenzt. Ich vertraue nicht mehr darauf, dass die Regierung uns Selbstständigerwerbenden wirklich unterstützt. Irgendetwas muss ich aber tun, sonst hat meine Familie bald nichts mehr zu essen», sagt B.

Der Bundesrat hat die Hilfe für betroffene Betriebe in der Krise mehrfach aufgestockt. Aktuell stehen 2,5 Milliarden Franken für Härtefälle zur Verfügung. Allerdings wird in den Kantonen oft noch kein Geld ausbezahlt, weil die Prüfung der Gesuche Zeit in Anspruch nimmt. Die Gastrobranche hat das immer wieder kritisiert. Auch Parlamentarier fordern teils schnellere und unbürokratische Lösungen.

«Ich fühle mich im Recht»

Angst vor der Polizei hat B. nicht: «Ich fühle mich im Recht. Die Verfassung garantiert jedem das Recht, seinen Beruf auszuüben. Die Regierung kann nicht kommen und unsere Betriebe schliessen, ohne uns dafür angemessen zu entschädigen.» Sollte sie tatsächlich Probleme mit der Polizei bekommen, will sie sich einen Anwalt nehmen und gegen allfällige Bussen vorgehen. Es drohen bis zu 10’000 Franken, im äussersten Fall sogar Gefängnisstrafen (siehe unten).

Die Massnahmen, welche Bund und Kantone im Kampf gegen Corona erlassen haben, hält sie für «total unverhältnismässig»: «Ich verstehe ja, dass es Menschen gibt, die Angst vor diesem Virus haben. Ihnen sollten wir helfen, sich zu schützen. Meine Schwester arbeitet in der Pflege, ich weiss, was da abgeht.»

Doch für B. stimmt die Verhältnismässigkeit nicht: «Es wird viel zu wenig darüber gesprochen, was die Abschottung mit uns macht. Ich habe eine Angestellte, die an einer psychischen Erkrankung leidet. Diese Menschen gehen an den harten Massnahmen kaputt.» Für B. ist klar: «Wir nehmen viel zu grosse Schäden in Kauf, um eine kleine Gruppe von Personen zu schützen. Und zwar sowohl wirtschaftliche als auch menschliche Schäden.»

«Die Bewegung hat mir Mut gegeben»

B. habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, ihr Café einfach zu öffnen. «Schliesslich habe ich nichts mehr zu verlieren und muss meine Familie ernähren.» Zu sehen, dass es andere gebe, denen es ähnlich gehe und die am Montag auch öffneten, habe für sie den Ausschlag gegeben, mitzumachen. «Ich würde mir wünschen, dass wir alle, die unter den Massnahmen leiden, den Mut finden, hinzustehen und zu sagen: ‹So geht es nicht weiter.›»

Für die 46-Jährige soll es nicht einfach bei der Aktion am Montag bleiben. «Ich glaube auch nicht, dass am Montag massenhaft Kunden kommen werden. Das wird wohl nach und nach wieder anlaufen müssen.» Denn für B. ist klar: «Ich werde auch am Dienstag wieder öffnen und mein Café wieder ganz normal nach den regulären Öffnungszeiten betreiben.»

Diese Strafen drohen

Laut Rechtsanwalt Philipp Vonrüti müssen Gewerbetreibende, die ihre Geschäfte am Montag öffnen, mit Bussen bis maximal 10’000 Franken rechnen: «Das ist der Höchstbetrag, der derzeit für einen Verstoss gegen die laut der Covid-Verordnung geltenden Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung festgelegt ist.» Laut Strafgesetzbuch drohen ausserdem Gefängnisstrafen von 1 bis 5 Jahren, wenn jemand «aus gemeiner Gesinnung» eine gefährliche übertragbare menschliche Krankheit verbreitet. «Hier müsste allerdings klar das Ziel ersichtlich sein, das Virus weiterzuverbreiten. Wenn jemand sein Restaurant öffnet, weil er sonst kaum mehr über die Runden kommt, bezweifle ich stark, dass ein Richter auf gemeine Gesinnung urteilen und eine Gefängnisstrafe verhängen würde», sagt Vonrüti.

Die Behörden sind auf die Aktion vorbereitet. Sie hätten Kenntnisse davon, sagt Isabelle Wüthrich, Mediensprecherin der Kantonspolizei Bern. Machten sie entsprechende Feststellungen oder erhielten Hinweise, gingen sie diesen nach. «Bei Widerhandlungen kann eine Anzeige oder eine Betriebsschliessung in Betracht gezogen werden.» Auch Marco Greiner, Regierungssprecher des Präsidialdepartements des Kantons Basel-Stadt, hält fest: «Sollte bei der Aktion die Absicht bestehen, gegen Bestimmungen zur Bekämpfung der Pandemie zu verstossen, machen sich die Teilnehmer strafbar.» Man vertraue aber darauf, dass die Bevölkerung sich in der Coronakrise wie bisher solidarisch und korrekt verhalte.

Christian Kräuchi, Leiter Kommunikation des Kantons Bern, sagt: «Die verschiedenen Einschränkungen haben die Behörden weltweit getroffen, um die Pandemie zurückzudrängen und damit die Bevölkerung zu schützen.» Die gesundheitlichen Folgen der Pandemie seien erschütternd – und wären noch viel schlimmer, wenn die Massnahmen, die auch das Gewerbe betreffen, nicht ausgesprochen worden wären. «Bei allem Verständnis für das wirtschaftliche Leiden verschiedener Branchen lehnt der Regierungsrat Aktionen wie ‹Wir machen auf› dezidiert ab.»

Deine Meinung

785 Kommentare
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AnwaltsSohn

09.01.2021, 23:25

Mein Vater ist Anwalt, verlangt 410 Franken die Stunde. Nehmen Sie doch ihn, aber es wird ihnen nichts bringen, da das Gesetz klar ist... die Polizei darf Restaurants schliessen (ich studiere auch Recht).

Eidgenosse1

09.01.2021, 17:34

Allen die trotz Verbot öffnen, sollen mit fünf Jahren Berufsverbot bestraft werden.

CoronaPositiver

09.01.2021, 16:47

Perfekt Dann muss ich mich als aktuell Inifizierter ja auch nicht an die Isolation halten und kann vorbeikommen um ein Mittagessen zu geniessen. Noch ein bisschen mit dem Servicepersonal und den anderen Gästen plaudern, besser geht fast nicht.