Massaker an Armeniern: Gauck spricht von «Völkermord»
Aktualisiert

Massaker an ArmeniernGauck spricht von «Völkermord»

Das Wort «Völkermord» belastet die Diplomatie: Die Türkei will das Massaker an Armeniern nicht als Genozid bezeichnen. Der deutsche Bundespräsident Gauck verwendet den Begriff.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck an der Gedenkveranstaltung in Berlin.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck an der Gedenkveranstaltung in Berlin.

Am Vorabend des Gedenkens an das Massaker an Hunderttausenden Armeniern vor 100 Jahren am Freitag ist erneut ein Streit über die Bezeichnung «Völkermord» entbrannt. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan schloss kategorisch aus, dass die Vorfahren seines Landes im Osmanischen Reich einen Genozid begangen hätten.

«Die armenischen Behauptungen zu den Ereignissen von 1915 entbehren jeder Grundlage», sagte er am Donnerstag auf einer als Friedensgipfel angekündigten Veranstaltung in Istanbul. «Ich sage, wir sind bereit, unsere Militärarchive zu öffnen. Wir haben keine Angst, keine Sorgen bei diesem Thema. Unsere Vorfahren haben keine Verfolgung begangen.»

An dem Treffen nahmen der britische Thronfolger Prinz Charles und die Regierungschefs von Australien und Neuseeland teil. Deren Truppen kämpften vor 100 Jahren in der Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg.

Gauck spricht von «Völkermord»

Deutschland schloss sich den wenigen Staaten an, die die Tat im Osmanischen Reich einen Genozid nannten. Bundespräsident Joachim Gauck sagte am Donnerstag bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin, das Schicksal der Armenier stehe beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet sei.

In einer direkten Referenz sprach er dann ausdrücklich vom Völkermord an den Armeniern. Bisher hat Deutschland diesen Begriff nicht offiziell für die Massaker an den Armeniern benutzt, denen Schätzungen zufolge 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Viele Historiker nennen das den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Obama scheut vor Begriff zurück

Allerdings wehrt sich die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen Reichs seit Jahrzehnten vehement dagegen. Ankara hält die Opferzahlen für überzogen und bestreitet das systematische Töten. Nachdem Papst Franziskus kürzlich die Massaker als Völkermord bezeichnet hatte, berief Ankara seinen Botschafter aus dem Vatikan zurück. Den gleichen diplomatischen Schritt machte die türkische Regierung, als das österreichische Parlament vom Völkermord an den Armeniern sprach. Der Bundestag in Berlin will am Freitag über eine solche Entschliessung debattieren.

US-Präsident Barack Obama verpflichtete sich der Solidarität mit den Armeniern, verwendete den Begriff «Genozid» jedoch nicht. «An dieser ernsten Hundertjahrfeier, stehen wir dem armenischen Volk bei der Erinnerung an der Seite, was verloren wurde», sagte Obama. «Wir schwören, dass diejenigen, die gelitten haben, nicht vergessen werden.»

Als Senator und Präsidentschaftskandidat hatte Obama die Massaker noch als Völkermord bezeichnet. Seit seinem Amtsantritt schreckt er jedoch davor zurück, vor allem aus Rücksichtnahme auf die Türkei, einem wichtigen Verbündeten der USA. (sda)

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