Aktualisiert 05.10.2004 15:41

Gaza: 13-Jährige auf Schulweg von Kugeln durchsiebt

Israelische Soldaten haben eine 13-jährige palästinensische Schülerin im südlichen Gazastreifen mit knapp zwei dutzend Schüssen regelrecht durchlöchert. Sie befand sich auf dem Weg zur Schule.

Iman el Hams sei auf ihrem Schulweg von 20 Kugeln getroffen worden, sagten Ärzte.

Ein Augenzeuge berichtete, die 13-Jährige sei zusammen mit zwei weiteren Kindern auf dem Weg zur Schule in Rafah gewesen, als Soldaten von einem Wachturm das Feuer eröffnet hätten. Daraufhin habe das Mädchen seinen Schulranzen zu Boden geworfen und die Flucht ergriffen, sagte Omar Chalifa, der nahe dem Ort des Angriffs eine Werkstatt betreibt.

«Dann stiegen drei Soldaten aus einem Panzer am Fuss des Wachturms und eröffneten das Feuer auf das Mädchen.» Erst eine halbe Stunde später hätten die Soldaten palästinensischen Rettungskräften erlaubt, die Leiche abzutransportieren. Nach Angaben des Arztes wies das Kind fünf Kopfschüsse auf.

Die israelische Armee rechtfertigte die Tat. Die Soldaten hätten auf ein Mädchen geschossen, das in eine verbotene Zone eingedrungen sei und «etwas ablegte, was ein Sprengsatz zu sein schien». In dem Moment, als die 13-Jährige geflohen sei, hätten Palästinenser aus dem Tal-el-Sultan-Viertel das Feuer auf den Armeeposten eröffnet.

IKRK erhält Zugang

Die Gewalt hat sich mittlerweile auf die ganzen besetzten Gebiete ausgeweitet. Im Flüchtlingslager von Dschabalija im Norden starben zwei Palästinenser nach Spitalangaben durch Panzerbeschuss.

Auch im Westjordanland erschossen israelische Soldaten am Montagabend in Ramallah im Westjordanland zwei Palästinenser, ein Israeli wurde dort von Palästinensern getötet. In der Nacht töteten israelische Soldaten einen Anhänger der radikalen Palästinenserorganisation Hamas bei Hebron im Westjordanland.

Am Montag erlaubte Israel dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zum ersten Mal seit Beginn der Offensive Hilfslieferungen nach Dschabalija. Der Konvoi habe für die sechs Kilometer vom Kontrollpunkt Eres bis ins Lager sieben Stunden gebraucht, teilte IKRK-Sprecher Iyad Nasser mit.

Kritik der EU

International stösst die israelische Offensive im Gazastreifen auf immer grössere Kritik: Die Europäische Union nannte sie in einer Nahost-Debatte vor dem UNO-Sicherheitsrat «unverhältnismässig». In einer Erklärung hiess es, «Israel sollte das Recht, seine Bürger vor Terrorismus zu schützen, im Rahmen des internationalen Rechts ausüben».

Algerien verlangte in einem Resolutionsentwurf den sofortigen Abzug der israelischen Truppen aus dem Gazastreifen. Der amerikanische UNO-Botschafter John Danforth kritisierte den Entwurf als «weiteren Schritt auf der Strasse nach Nirgendwo». Ein Veto der USA galt als sicher.

Auch US-Aussenminister Colin Powell rief Israel zur Mässigung auf. Er äusserte die Hoffnung, dass Israels Regierungschef Ariel Scharon «angemessene» Mittel zum Erreichen seiner Ziele finden werde.

Seit Beginn des jüngsten israelischen Einsatzes im Gazastreifen vor einer Woche kamen mindestens 78 Palästinenser ums Leben. Der Einsatz «Operation Tage der Busse» ist damit der blutigste seit Beginn der zweiten Intifada vor vier Jahren.

(sda)

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