Aktualisiert 23.08.2005 12:16

Gazastreifen: Fatah versus Hamas

In einem militärischen Ausbildungslager der regierenden Fatah-Bewegung im Gazastreifen marschieren hunderte junge Palästinenser in Reih und Glied und sprinten über einen Sandplatz.

Ganz in der Nähe halten hunderte Kämpfer des Islamischen Dschihads in schwarzen Skimasken eine Parade ab, einige halten Sturmgewehre hoch und posieren neben Raketenwerfern.

Mit dem Abzug der jüdischen Bewohner aus den 21 Siedlungen hat sich der Wettstreit um die Kontrolle über die Dörfer im Gazastreifen unter den verschiedenen bewaffneten Palästinensergruppen verschärft. Die Hamas brüstet sich auf ihrer Website damit, bei Angriffen im Gazastreifen mehr Israelis getötet zu haben als die rivalisierenden Gruppen. Dabei beruft sie sich auf israelische Militärstatistiken: 54 Prozent der mehr als 400 Angriffe im Gazastreifen während der vergangenen fünf Jahre gingen auf ihr Konto. Deshalb sei der Abzug der Israelis allein ihr Verdienst.

Die Sorge wächst, dass aus dem Wettstreit ein blutiger Konflikt entstehen könnte. «Diese riesige bewaffnete Präsenz unter den Leuten im Gazastreifen wird zu mehr Chaos führen, die palästinensische Autonomiebehörde schwächen und mehr Gewalt in der Gesellschaft schaffen», sagt Talal Okal, ein politischer Beobachter in Gaza. «Die Fatah verliert die Kontrolle, und die Hamas steigt auf.»

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hofft auf sorgfältig orchestrierte Siegesparaden unter der palästinensischen Flagge. Doch Hamas, Islamischer Dschihad und einige Gruppen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ignorieren diesen Wunsch, lassen ihre Kämpfer bereits jetzt aufmarschieren und planen Paraden für den Zeitpunkt, wenn der letzte israelische Soldat in den kommenden Wochen abgezogen sein wird.

Am Montag marschierten uniformierte Mitglieder von Islamischem Dschihad und Hamas in Rafah im südlichen Gazastreifen und in Nablus im Westjordanland. Vor einer jubelnden Menge verbrannten sie Pappmodelle israelischer Siedlungen und Panzer. In Gaza-Stadt kamen 10.000 Menschen zu einer Demonstration der Hamas, wo die Gruppe Filmausschnitte über den Bau von Tunneln unter israelischen Militärposten und Raketen zeigte. Über Lautsprecher ertönte ein Lied mit dem hebräischen Text «Hamas, unser Ziel ist der Kopf von Scharon», in Anspielung auf den israelischen Ministerpräsidenten.

Gegen solch populistische Auftritte kommt Abbas nicht an, der sich für Gewaltlosigkeit ausgesprochen hat und hofft, mit Israel einen Friedensvertrag aushandeln zu können. Auch er hat aber in jüngeren Reden auf Gewalt als Mittel angespielt, Israel zu vertreiben. «Heute erhalten wir einen Teil des Lohns eures Opfers, indem wir die letzten Siedler aus Gaza abziehen sehen», sagte Abbas vor hunderten versehrten Palästinensern. «Der Verdienst des Abzugs kommt euch und den Märtyrern zu, die sich geopfert und ihr Leben für das Heimatland gegeben haben.»

«Wir wollen das militärische Image loswerden»

Auch die Fatah-Partei des Präsidenten will nicht zurückstehen. Im südlichen Gazastreifen, in der Nähe des ehemaligen Siedlungsblocks Gusch Katif, organisierte der militärische Arm der Fatah, die Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, drei Ausbildungslager für mehr als 3.000 Aktivisten. Damit sollten einerseits möglichst viele Teilnehmer für die Siegesparaden der Fatah gewonnen werden, ausserdem wolle man für mögliche Strassenkämpfe mit der Hamas gewappnet sein, erklären die Organisatoren.

Einer von ihnen, Mohammed al Budschi, sagt, er und seine Rekruten seien bereit, den palästinensischen Sicherheitskräften zu helfen, die Kontrolle über die verlassenen Siedlungen zu behaupten. Israel reisst die Wohnhäuser ab, die Gewächshäuser sollen aber erhalten bleiben. «Wenn sie (Hamas) sich auch nur eine Siedlung greifen, übernehmen wir zehn», sagt Jasser Chatib, der Leiter von Al Aksa in Südgaza.

Die palästinensische Autonomiebehörde hat sich von den Ausbildungslagern distanziert. «Es gibt kein Fatah-Heer, keine Volksarmee», sagt Tawfik Abu Chussa, ein Sprecher des palästinensischen Innenministeriums. «Wir wollen das militärische Image loswerden. Nach dem Abzug gibt es eine Staatsgewalt, und das ist alles.»

Die Kämpfer der Al Aksa sagen allerdings, dass sie von der Fatah Geld für die Lager erhalten hätten, und bei Gesprächen mit den Organisatoren der Lager am Montag waren palästinensische Sicherheitsbeamte zugegen. Mit dem Aufbau einer kleinen Privatarmee könnten die Fatah-Kämpfer der Autonomiebehörde auch eine kleine Warnung zukommen lassen wollen: Sie könnten Ärger machen, wenn sie keine Jobs bei den Sicherheitskräften erhalten. Viele von ihnen glauben, dass sie ein Anrecht auf Regierungsposten haben, da sie im Kampf gegen Israel persönliche Opfer gebracht hätten. Finanzminister Salam Fajjad hat jedoch unter Druck der internationalen Gebergemeinschaft einen Einstellungsstopp bei den Sicherheitskräften verhängt. (dapd)

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