In Lazarevo gefasst: Gealterter Mladic war «sehr kooperativ»
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In Lazarevo gefasstGealterter Mladic war «sehr kooperativ»

Nach der Verhaftung von Ratko Mladic kommen die ersten Details ans Licht. Der Kriegsverbrecher wurde gegen fünf Uhr früh in einem kleinen Dorf geschnappt.

von
amc

Der meistgesuchte Kriegsverbrecher ist nach 15 Jahren Jagd geschnappt: Ratko Mladic ist am Donnerstagmorgen gegen fünf Uhr früh im serbischen Dorf Lazarevo bei Zrenjanin verhaftet worden. Wie Anwohner gegenüber serbischen Medien erzählten, seien mehrere Streifenwagen der Polizei vorgefahren. Die Aktion wurde vom serbischen Geheimdienst und der Spezial-Staatsanwaltschaft koordiniert.

Ratko Mladic hat bei seiner Festnahme am Donnerstag keinen Widerstand geleistet. Der serbische Minister Rasim Ljajic sagte im staatlichen Fernsehen, Mladic habe zwei Pistolen gehabt, diese aber nicht benutzt. «Mladic sah aus wie ein alter Mann», erklärte Ljajic weiter. Er sei sehr blass gewesen, was bedeuten könne, dass er selten das Haus verlassen hat. «Man hätte an ihm vorbeigehen können, ohne ihn zu erkennen.» Mladic habe normal mit den Sicherheitskräften gesprochen. Der Radiosender B-92 berichtete, Mladic könne einen Arm nicht bewegen, was wahrscheinlich auf einen Schlaganfall zurückzuführen sei.

Bescheidenes Haus

Mladic hatte sich im Haus von Verwandten im Zentrum des Dorfes versteckt. Gemäss den Bildern ist es ein bescheidener und ortsüblicher Bau. Die Bewohner haben sich offenbar mit Landwirtschaft beschäftigt. Nach der Verhaftung ist es nun verlassen.

Der Kriegsverbrecher selber soll «bescheiden» gelebt haben, berichten Nachbarn. Erkannt haben will ihn niemand. Das 3000-Seelendorf liegt rund 60 Kilometer von Belgrad entfernt. Lazarevo besuchte der ehemalige Militärchef der bosnisch-serbischen Armee bereits in den 90er-Jahren. Doch seither habe Mladic dort niemand gesehen, heisst es im Dorf. Gemäss der Nachrichtenagentur Beta sagten einige Anwohner, dass sie, selbst wenn sie Mladic erkannt hätten, ihn nicht gemeldet hätten. Nach Medienberichten ging allerdings der Tipp zur Verhaftung von einer anonymen Quelle ein. Diese Person hatte Dokumente, die Ratko Mladic gehörten, bei einem Mann gesehen, der unter dem Namen Milorad Komadic im Dorf wohnte und Mladic glich. Wie der serbische Präsident Boris Tadic nach der Verhaftung bestätigte, hatte Mladic diese Identität angenommen. Der stellvertretende Bürgermeister sagte, in seinem Dorf habe niemand mit dem Namen Milorad Komadic gelebt.

Falscher Name hat Ähnlichkeiten mit richtigem

Der Name wurde nicht zufällig gewählt: Milorad Komadic weist einige Ähnlichkeiten mit Mladics richtigem Namen auf. Streicht man den Anfang des Vornamens und zieht die ersten beiden Buchstaben zum Vornamen, entsteht der Name (Milo) RadKo Madic, hat die serbische Zeitung «Blic» entdeckt.

Der falsche Name war offenbar die einzige Tarnung von Mladic. Wie der serbische Geheimdienst mitteilt, war der 69-Jährige nicht verkleidet. Er hatte sich weder einen Bart wie sein ehemaliger Chef Radovan Karadzic wachsen lassen, noch tarnte er sich auf andere Weise. «Er ist aber sehr gealtert», heisst es beim serbischen Geheimdienst BIA. Widerstand habe Mladic nicht geleistet. Er sei bei der Festnahme «sehr kooperativ» gewesen. In den Medien heisst es zudem, dass er gesundheitlich angeschlagen sei - oder zumindest gewesen sei. Er habe Nierenprobleme und könne nach einem Hirnschlag einen Arm nicht mehr bewegen, schreibt «Blic». Gemäss «Politika» erlitt er bereits während des Krieges einen Hirnschlag.

Familie ist geschockt

Während Mladic nun im Gewahrsam des BIA ist und noch nicht klar ist, wann er ausgeliefert wird, wird das Dorf Lazarevo von Journalisten belagert. Wie «Dnevni Avaz» berichtet, haben die Anwohner die Strasse zum Haus von Mladic blockiert. Sie wollten verhindern, dass Film- und Fotoaufnahmen gemacht werden. Die Nachbarn selbst wollen nichts von der Verhaftung von Mladic gemerkt haben. «Wir haben die Polizei gesehen», so ein Nachbar, «aber weswegen die Polizei vor Ort war, kriegten wir nicht mit.»

Die Familie von Mladic ist geschockt, teilte ihr Anwalt gegenüber verschiedenen Medien mit. «Sie hat aus den Medien davon erfahren», so der Rechtsvertreter weiter.

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