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Erstes InterviewGebt DSK einen Oscar!

Im ersten Live-Interview seit seiner Freilassung wirkte Dominique Strauss-Kahn angespannt, seine Aussagen wie stundenlang eingeübt. Doch dann wechselte er das Thema. Eine Analyse.

von
Karin Leuthold

Der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, nahm am Sonntag in einer Live-Sendung des Fernsehsenders TF1 erstmals öffentlich Stellung zu den Vorwürfen des New Yorker Zimmermädchens Nafissatou Diallo. Dabei bezeichnete der 62-Jährige seinen sexuellen Kontakt mit der Hotelangestellten als «eine unangemessene Beziehung» und einen «moralischen Fehler». Es habe aber weder «Gewalt, Zwang noch Aggression» gegeben.

Wer das Interview am Fernsehen verfolgte, konnte zwei Erkenntnisse daraus ziehen. Erstens: Man weiss kein bisschen mehr über den Fall, als man bereits in den letzten vier Monaten aus amerikanischen oder französischen Medien erfahren hat. Strauss-Kahn gab keine neuen Details bekannt, und die Moderatorin Claire Chazal – eigentlich eine erfahrene Frau im französischen TV – versäumte die Chance, den ehemaligen Spitzenpolitiker mit Gegenfragen zu «grillen». DSKs Aussagen akzeptierte sie jeweils mit einem Nicken, Kritik gab es keine.

Ein eingeübtes Theaterspiel

Die zweite Schlussfolgerung lautet: Dominique Strauss-Kahn ist ein grossartiger Schauspieler. Der Mann kann mit Betonungen, Pausen und vor allem mit gesenkten Blicken umgehen wie ein Meister. Besonders beim Satz «Es war ein Versagen, ein Versagen gegenüber meiner Frau, meinen Kindern und Freunden, aber auch ein Versagen gegenüber dem französischen Volk, das seine Hoffnungen auf einen Wandel auf mich gesetzt hatte» kam der einfühlsame DSK zum Vorschein.

Interview auf TF1 mit Dominique Strauss-Kahn

Seine Aussagen wirkten wie auswendig gelernt. Er selber meinte, mit der schlimmen Erfahrungen der letzten Monate habe er «die Leichtigkeit für immer verloren» – und bot paradoxerweise ein melodramatisches Schauspiel erster Klasse. Er habe «grossen Respekt vor Frauen», versicherte er. Auffallend war vor allem, dass der 62-Jährige während des knapp 23 Minuten langen Interviews mehrmals das Wort «regret» (Bedauern) benutzte, aber kein einziges Mal von «excuse», von Entschuldigung sprach. Wenn er etwas bedauere, dann sein «verpasstes Rendez-vous mit dem französischen Volk».

Zum Abschied die Augen zu

Doch dann verliessen ihn die Emotionen, und DSK steigerte sich in die Rolle des Politikers hinein. Ab dem Augenblick, an dem Chazal über seine Chancen als Kandidat der Linken und die Wirtschaftskrise zu sprechen kam, nahm Strauss-Kahn eine andere Haltung ein. Er glaube nicht, dass «der Euro in Schwierigkeiten» sei, er rate jedoch, «jetzt sofort etwas zu unternehmen», um die europäische Krise zu bekämpfen.

Zum Schluss nutzte Strauss-Kahn die letzten Sekunden erneut, um die Rolle des Buben einzunehmen, der bei einem Streich erwischt worden war. Er liess sekundenlang seine Augen zufallen, während die Kamera das erbärmliche Bild langsam ausblendete.

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