Aktualisiert 04.08.2004 14:31

Geburtstag im Gefängnis: Posträuber Biggs wird 75

Sein grösster Geburtstagswunsch bleibt unerfüllt: Wenn Posträuber Ronnie Biggs am Sonntag 75 Jahre alt wird, würde er liebend gern in einen englischen Pub gehen und dort mit seinem Sohn anstossen.

Stattdessen feiert er hinter Gittern.

Als er am 7. Mai 2001 nach 13 086 Tagen auf der Flucht - in Jahren 35 - wieder Fuss auf britischen Boden setzte, wurde er sofort verhaftet. 60 Polizisten begleiteten ihn ins Gefängnis.

Nach seinem vierten Schlaganfall kam er zwar vorübergehend ins Spital, musste dort aber Handschellen tragen und blieb auch im Bett mit einer 1,80 Meter langen Eisenkette an einen Gefängniswärter gefesselt: Ronald Biggs, lange Zeit der meistgesuchte britische Verbrecher, durfte einfach nicht noch einmal entkommen.

Ein Leben wie ein schlechter Krimi

Für einen Krimi wäre seine Lebensgeschichte etwas überkandidelt: Ein Zimmermann aus England überfällt 1963 mit 14 Komplizen den Postzug von Glasgow nach London, erbeutet 2,6 Millionen Pfund - damals fast 30 Millionen Franken -, wird erwischt und verurteilt, seilt sich mit einer Strickleiter an der Gefängnismauer ab, unterzieht sich in Paris einer Gesichtsoperation und flieht über Australien nach Rio.

Ein Grossteil der Briten sieht ihn als liebenswerten Taugenichts, der seinen Häschern mit viel Glück immer wieder ein Schnippchen schlug. Der Postzugraub selbst verklärte sich dabei immer mehr und steht mittlerweile für die gute alte Zeit, als Räuber noch Gentlemen waren und die Züge noch so pünktlich fuhren, dass man einen minutiösen Überfall planen konnte.

Der Kommissar als Bösewicht

So fand sich Kommissar Jack Slipper, der Biggs jahrzehntelang um die Welt jagte, fast in der Rolle des Bösewichts wieder. Der glücklose Superintendent von Scotland Yard wähnte sich mehrfach am Ziel, nur um dann jedes Mal wieder übertölpelt zu werden.

1974 etwa gelang es ihm zusammen mit der brasilianischen Polizei, Biggs in einem Hotelzimmer in Rio festzunehmen: «Lange nicht gesehen, Ronnie!» Doch dann stellte sich heraus, dass die 19- jährige brasilianische Freundin des Gesuchten schwanger war, und dies machte eine Auslieferung nach brasilianischem Recht unmöglich.

So blieb der Platz frei, den Slipper für den Rückflug neben sich reserviert hatte. Als Rentner kam er noch einmal zurück und trank mit Biggs ein Schnäpschen.

Verarmter Posträuber

Von der Beute war da schon lange nichts mehr übrig. «Es ist mir ergangen wie dem alten Mann bei Hemingway», klagte Biggs. «Ich hatte einen dicken Fisch gefangen, aber die Haie haben alles aufgefressen.»

Um sich über Wasser zu halten, machte er Werbung für Alarmanlagen und sang mit brüchiger Stimme für die deutsche Punk- Gruppe «Die Toten Hosen».

Wie ein Pirat im Ruhestand posierte er mit einem Papagei auf der Schulter vor deutschen Touristen, die zuweilen gleich busweise ins Künstlerviertel Santa Teresa unter dem Zuckerhut kamen. Sie kannten die Posträuber-Story vor allem aus der Verfilmung «Die Gentlemen bitten zur Kasse» mit Horst Tappert.

Keine Gnade für Biggs

Schliesslich war er so arm, dass er eine gute ärztliche Versorgung in Brasilien nicht mehr bezahlen konnte und sich entschloss, in die Heimat zurückzukehren.

Dort sind die Gnadengesuche des zu 30 Jahren Haft verurteilten Biggs bisher verhallt: Vor dem Gesetz ist schliesslich auch der «Grosse Zugräuber» nur ein gewöhnlicher Krimineller.

(sda)

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