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«Das Holz kann warten!»Gefährliche Nähe hinter der Blockhütte

Nur im wilden Tal kann Lindsay dem Gefängnis des Intern@ts entfliehen. Ob der mysteriöse Mann mit der Axt ihr mehr bieten kann als weiche Knie? Teil 1 des Kioskromans.

von
Franny French und Sandy Summer

«Ach lasst mich doch in Ruhe!», rief Lindsay auf Englisch und knallte den Telefonhörer auf die Gabel. Es war nicht das erste Mal in dieser Woche, dass sie sich mit ihren Eltern über den Ozean hinweg fürchterlich stritt. Die roten Locken tanzten der jungen Frau im Gesicht umher, als sie wütend die Tür der kleinen Telefonkabine aufstiess. «Ein Münztelefon! Bin ich denn hier eigentlich im Mittelalter?», schnaubte sie vor sich hin. Nicht genug, dass sie dieses Boot Camp vier Monate lang über sich ergehen lassen musste; gestern nahm ihr die Instituts-Leitung auch noch das Smartphone weg: 48 Stunden offline im Intern@t für höhere Töchter. Welch ein Witz!

Missmutig schritt Lindsay den kühlen Gang des Intern@ts entlang und kreuzte dabei eine Gruppe Mädchen in blau-weissen Uniformen. Natürlich hätte sie einfach eine von ihnen darum bitten können, ihr kurz das Telefon auszuleihen, um E-Mails zu checken oder um ihre Familie, ihre Freunde oder Eggi anzurufen, schliesslich gab es auf dem ganzen Gelände WiFi. Doch Lindsay hatte nicht die Absicht, sich anzufreunden. Weder mit den anderen Mädchen, noch mit der atemberaubend schönen Umgebung im Tessiner Tal, und schon gar nicht mit dem Gedanken an irgend etwas, das mit diesem Aufenthalt zu tun hatte. Diese Genugtuung wollte sie ihren Eltern nicht gönnen. Auch wenn sie tief in ihrem Inneren wusste, wer die Schuld an dieser Misere hatte.

Während andere Teenager sich früher mit einem ersten Job etwas Sackgeld verdient hatten, zählte Lindsay während der High School immer auf den Goodwill ihrer Eltern. Sie wusste die Privilegien eines Einzelkindes auszunützen. Papas Kreditkarte begleitete sie stets auf ihren Shoppingtouren mit Freundinnen, die aus weit wohlhabenderem Hause kamen als sie selbst. Doch während diese nach Abschluss des Colleges einen flotten Schlitten, ein schickes Appartment und einen ordentlichen Batzen mit auf den Weg bekamen, riss im Hause Silversted der Geduldsfaden: «Entweder du lässt dich in einer Erziehungsanstalt in der Schweiz zu einer weltlichen Frau des 21. Jahrhunderts formen, oder du bist auf dich alleine gestellt!» Harte Worte für einen Vater, der im Herzen nur das Beste für seine Tochter will. Doch Lindsay verstand keine andere Sprache. Die unzähligen Aufforderungen ihrer Eltern, endlich ein selbständiger, erwachsener Mensch zu werden, verhallten ungehört im Kopf der 24-Jährigen. Die neuesten Modetrends waren immer wichtiger als Gedanken über die eigene Zukunft.

Die anderen Mächen im Intern@t waren jünger als sie. Lindsay wollte es nicht zugeben, doch sie schämte sich dafür, dass die kaum 20-Jährigen besser wussten, wie man ordentlich Buchhaltung macht oder Konversation über das Weltgeschehen führt. So blieb sie vorwiegend alleine und konnte sich mit niemandem über ihre Familienprobleme austauschen. Mit Wut und Frust erfüllt, liess sie den nächsten Kurs – Français avec Jean-Jacques Rousseau - sausen, und stürmte aus den Pforten des Intern@ts in die wilde Landschaft des Tals hinaus. Sollte sie Eggi anrufen? Nein, sagte sie sich. Sein Prestige und sein Geld konnten ihr hier leider auch nicht helfen. Im Gegenteil!

***

«Langes Fädchen, faules Mädchen!» «Du verplämperst deine Zeit!» «Mach was aus dir!» «Mit Faulheit hats noch keiner weit gebracht!» Die Sätze ihrer tadelnden Eltern hallten in ihrem Kopf nach. Mit jedem Schritt durch den dichten, grünen Wald des fruchtbaren Tals bahnte sich eine neue Wutwelle in Lindsay an. Schon schossen ihr heisse Tränen in die Augen und mit dem verschwommenen Tunnelblick merkte sie kaum, wie sie aus dem saftigen Grün des Waldes auf eine Lichtung trat.

Blindlings kickte sie einen Stein, der auf dem Weg lag, durch die Luft. Er prallte ab – an der Hauswand einer einsamen Blockhütte. Auf der linken Seite glitzerte das blaue Wasser eines klaren Sees. Lindsays Ärger legte sich ein bisschen, und sie sprang gedankenverloren dem Stein hinterher, um ihn alsbald erneut durch die Luft wirbeln zu lassen. Kick. Leichtfüssig wie ein Geisslein hüpfte Lindsay um die Ecke der Hütte.

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«Was soll denn das? Hast du keine Augen im Kopf?! Das ist gefährlich!» Der rote Lockenkopf, der viel zu nahe an sein Beil gekommen war, war wie aus dem Nichts erschienen. Und das just in dem Moment, als Adrian mit nacktem Oberkörper in der prallen Sonne wie ein wild gewordener Stier ein Holzscheit nach dem anderen mit seiner Axt bearbeitete. Es hätte nicht viel gefehlt, und Lindsay hätte mehr als Flüche an den Kopf bekommen. Die harten Worte, die Axt, die in der Sonne blitzte, und der Anblick dieses kräftigen Mannes verwandelten Lindsays Leichtfüssigkeit in eine Schockstrarre.

Jeder seiner Muskeln schien angespannt zu sein. Braungebrannt war er, die blonden Haare vom Winde verwehrt. Seine dunklen feurigen Augen schienen sie zu durchbohren. Heisse Hitze stieg in ihr auf und ihr Atem ging schnell. Was war nur los mit ihr? Wieso brachte dieser – zugegeben absolut männliche Bursche – sie so aus der Fassung? Das war doch nur ein einfacher Bauer, der in einer Blockhütte Holz hackte!

Lindsay rang um ihre Fassung. Schnell überspielte sie ihre Gefühle und brüllte zurück: «Pass doch selber auf! Wer eine Axt in der Hand hält, sollte auch damit umgehen können!» Sofort merkte sie, was für einen Blödsinn sie da von sich gab. Und dass sie diesem Mann sehr wohl zutraute, seine Axt im Griff zu haben. Das zuzugeben kam allerdings nicht in Frage. Also doppelte sie lieber nach: «Leben denn in diesem Kaff eigentlich nur Schwachköpfe?»

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Adrian Jacobi kam nicht aus diesem Kaff. Doch woher sollte das Lindsay auch ahnen? Schliesslich war sie selbst von noch viel weiter her angereist. Natürlich hätte es die Sprache verraten müssen, redete der junge Mann doch kein Italienisch wie die Einheimischen. Doch alles, was sie wusste, war, dass dieser Holzhacker sie auf die Palme brachte. Gebannt blickte sie auf den schweissglänzenden Oberkörper, der nicht wirklich zum sauberen Haarschnitt passte. Irgendwie schienen zwei Welten in dieser Brust zu toben.

Und ehe sie sichs versah, kam ihr der blonden Schopf noch viel näher. Gefährlich nahe! Adrian war der Blick, den die exotische Schönheit ihm zugeworfen hatte, nicht entgangen. Ihm war auch nicht entgangen, dass sie, wie alle Mädchen aus dem hiesigen Intern@t eine Uniform trug, die mehr zeigte, als man es von höheren Töchtern erwartet hätte. Ihre blauen Augen funkelten wie Eiskristall. Ihre Wangen waren leicht gerötet, rosig wie ein frischer Pfirsich und ihr Erdbeermund schrie geradezu danach, geküsst zu werden. Wäre er in seiner gewohnten Umgebung gewesen, hätte er die Gelegenheit genutzt und ihr diesen Wunsch erfüllt. Einem kleinen Abenteuer war er noch nie abgeneigt gewesen. Doch er war nicht in seiner gewohnten Umgebung – bei weitem nicht!

Sofort schossen ihm die Gedanken wie unfassbare Blitze durch den Kopf: In erster Linie war die attraktive junge Frau nämlich unverschämt und leichtsinnig gewesen. Die Erinnerung daran, was gerade beinahe passiert wäre, konnte er nicht mehr abschütteln. Um ein Haar hätte er jemanden verletzt. Das liess seine Wut überkochen. Er packte Lindsay an den Schultern und schüttelte sie wie ein törichtes Kind durch: «Verdammt noch mal! Das hätte böse enden können! Man schleicht sich doch nicht so an!»

***

Mit jeder ruppigen Bewegung schoss ihr ein Duft durch die Nase, der sie ungewollt in den Bann zog. Ein verschwitzter Mann konnte doch nicht so riechen? Und sowieso war hier schon wieder jemand, der ihr sagen wollte, was sie falsch machte im Leben! Das war genug. Erneut brannten ihr die Sicherungen durch. Ihr Kopf und Körper schienen wie ein Elektrizitätswerk zu sein. Möglicherweise lag das an der Spannung zwischen den beiden, die so stark war, dass man sie in der Luft fühlen konnte. Lindsay wand sich aus Adrians hartem Griff heraus. Dabei verrutschte ihre weisse Bluse gerade genug, um den Ansatz ihres roten BHs zu zeigen.

«Lass mich sofort los!», schrie sie. Adrian blickte auf das entblösste Dekoltée, den wohlgeformten Ansatz einer Brust, die sich ihm hier präsentierte. Sein Blick wanderte über ihren Körper, die schmale Taille, die kaum enden wollenden schlanken Beine und die zierlichen Füsse, die in braunen Ledersandalen steckten. Doch sofort wurde ihm wieder bewusst, was hier gerade geschah. Er war grob zu einer Frau! Sofort gab er ihrem Wunsch nach, sie loszulassen. Egal, wie unüberlegt sie gehandelt hatte: Das lag nicht drin.

Lindsay machte sich los, und blieb doch so nahe bei Adrian stehen, dass sie seine Nähe noch spürten konnte. Sie zog die Bluse hoch und warf ihr Haar zurück. Wortlos wandte sie sich ab und stapfte denselben Weg zurück, den sie gekommen war.

«Diese Last!», dachte sich Adrian, während er dabei zusah, wie die exotische Schönheit im Wald verschwand. «Wäre sie nicht, wäre ich frei. Und wer weiss, was dann alles passieren würde.» Trotzig wandte er sich wieder dem Holzscheit zu, das noch immer auf dem Sockel lag und schlug noch intensiver darauf ein. Er war nicht frei. Und kein Mensch im Tessiner Tal wusste, wie schwer die Verantwortung war, die er auf seinen Schultern trug. Es hätte alles um ihn herum verändert ...

Der zweite Teil von «Schatz, das Holz kann warten!» erscheint am Donnerstag, 16. August. Machen Sie bei der Umfrage mit und entscheiden Sie, wie es weitergeht.

Sommerserie: Kioskroman

Kioskromane gelten als Trivialliteratur: Die Sprache ist einfach, der Plot immer gleich, das Happy End garantiert. Trotzdem sind Groschenromane seit vielen Jahren erfolgreich. In einer Sommerserie haben wir dieser Form der Literatur untersucht. Jetzt entsteht ein mehrteiliger Romantikroman mit dem Titel «Schatz, das Holz kann warten!», bei dem Sie jeweils entscheiden, wie die Geschichte weitergeht.

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