Beruhigungsmittel: Gefährliche Zunahme von tödlichen Medis

Aktualisiert

BeruhigungsmittelGefährliche Zunahme von tödlichen Medis

Der Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern beobachtet eine massive Zunahme von Benzodiazepin-Konsumenten. Die Nebenwirkungen dieser Beruhigungsmittel können bis zum Tod führen.

von
Daniela Gigor
Beruhigungsmittel werden in Luzern auch immer öfter von sehr jungen Leuten konsumiert.

Beruhigungsmittel werden in Luzern auch immer öfter von sehr jungen Leuten konsumiert.

Benzodiazepine, wie die Beruhigungsmittel in der Fachsprache heissen, werden geschluckt oder gesnifft. Immer häufiger werden sie in sogenannten Cocktails mit Heroin oder Kokain auch gespritzt. In Einzelfällen werden die Tabletten gemörsert und geraucht. «Wir beobachten eine massive Zunahme von Benzodiazepin-Konsumenten, vielfach sind es auch sehr junge Klienten», sagt Sonja Münch, Mitarbeiterin der Kontakt- und Anlaufstelle und Verantwortliche für die interne Fortbildung des Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Laut Münch werden die Konsumenten dieser Beruhigungsmittel schnell physisch und psychisch davon abhängig.

«Ein Gefühl wie in Watte gepackt»

Es gebe auch Klienten, die Benzodiazepine separat konsumierten, allerdings in grossen Mengen, da sich schnell eine Toleranz entwickle, die dazu führe, dass die Dosis stetig gesteigert werden müsse, um eine ausreichende Beruhigung zu erzielen. «Durch diese Beruhigungsmittel fühlen sich die Konsumenten teilweise wie in Watte gepackt, sie sind schläfrig und betäubt und nicht mehr gereizt», sagt Münch. Äussere Einflüsse und Probleme würden in den Hintergrund rücken. Die Tabletten wirken laut Münch angstlindernd und damit in gewisser Weise psychisch stabilisierend. Münch: «Bei Mischkonsum kann man Entzugserscheinungen hinauszögern oder psychische Downs nach einem Flash verhindern.» Die Konsumenten würden die lange Wirkung der Substanzen schätzen oder sie würden die Tabletten benötigen, damit sie überhaupt schlafen könnten.

Ärzte verschreiben oft diese Medikamente

Doch woher erhalten die Randständigen die Benzodiazedine? Dazu Münch: «Vielfach bekommen sie die Tabletten vom Hausarzt in grossen Packungen verschrieben oder sie besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt.» Dort würden sie je nach Substanzen zwischen 5 und 15 Franken kosten. Münch sorgt sich um die Gesundheit ihrer Klienten: «Wenn die Tabletten separat eingenommen werden, sind bekannte Nebenwirkungen etwa Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel.» Würden die Medikamente als Cocktails eingenommen, seien die Nebenwirkungen individuell. Die häufigsten Komplikationen sind laut Münch eine Verlangsamung der Atmung, was bis im Extremfall zum Erstickungstod führen könne oder komatöse Zustände zur Folge haben könne. «Wenn dies unbeobachtet passiert, kann dies den Tod zur Folge haben.» Das Gefährlichste sei eine Überdosierung. Langzeitschäden: Leberschäden und Depressionen.

Ärzte und Aufsichtsbehörde kennt die Problematik

Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, sagt zu Münchs Vorwürfen, dass die Tabletten von Hausärzten teils grosszügig verschrieben werden: «Wie überall gibt es auch bei uns einige wenige schwarze Schafe.» Kramis sagt weiter: «Die Abgabe muss streng kontrolliert werden und in Kleinmengen erfolgen.» Allerdings weiss Kramis auch von Patienten, die versuchen, sich die Medikamente bei verschiedenen Ärzten zu beschaffen. Auf diese Weise würde die Abgabekontrolle ausgehebelt.

Die Dienststelle Gesundheit des Kantons Luzern bestätigt auf Anfrage, dass es vor längerer Zeit zwei Fälle gegeben habe, bei denen Ärzte ihre Sorgfaltspflicht bei der Verschreibung von Benzodiazepinen vernachlässigt oder nicht wahrgenommen haben. «Aktuell sind aber keine Fälle offen», sagt Dienststellenleiter David Dürr. Werde der Dienststelle Gesundheit eine missbräuchliche Verschreibungspraxis zur Kenntnis gemeldet, werde die Stelle im Rahmen ihrer aufsichtsrechtlichen Kontrollaufgaben aktiv. «Dem fehlbaren Arzt kann die Bewilligung zur Führung einer Privatapotheke entzogen werden, wodurch dieser die Ermächtigung verliert, Arzneimittel und damit auch Betäubungsmittel abzugeben. Im Extremfall wird dem fehlbaren Arzt die Bewilligung zur Berufsausübung entzogen», sagt Dürr weiter. Zusätzlich zu den aufsichtsrechtlichen Schritten könne die Dienststelle Gesundheit bei Verstössen gegen die Heil- und insbesondere der Betäubungsmittelgesetzgebung Strafanzeige erstatten.

Deine Meinung