Israel: Gefängnis oder Flüchtlingslager?
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IsraelGefängnis oder Flüchtlingslager?

Ein Zaun entlang der Grenze zu Ägypten soll Migranten aus Afrika von Israel fernhalten. Wer es trotzdem ins Land schafft, kommt ins Lager.

von
Diaa Hadid
AP

Die Flüchtlinge leben getrennt: Rund 1400 Männer schlafen, jeweils zu zehnt, in Zelten. 200 Frauen und Kinder wohnen in Baracken. Einmal pro Woche – immer donnerstags – können sich Familien für ein paar Stunden treffen. Sahronim befindet sich in der Negev-Wüste, etwa eine Stunde von Beerscheba entfernt. «Das ist kein Lager, sondern ein Gefängnis», bemängelt die Abgeordnete Michal Rosin von der oppositionellen Meretz-Partei. Die Regierung sieht die Internierung der Menschen, die vor allem aus Eritrea und dem Sudan kommen, als einzige Möglichkeit, dem Flüchtlingsstrom zu begegnen.

Rund 55'000 Afrikaner sind in den vergangenen zehn Jahren nach Israel geflüchtet. Die meisten nannten politische Motive; die Behörden gehen aber davon aus, dass viele aus wirtschaftlichen Gründen ins Land kommen. Ein Grossteil der Flüchtlinge ist in heruntergekommenen Vierteln in Tel Aviv untergekommen, arbeitet dort in der Gastronomie oder als Reinigungskraft.

«Das sind keine Verbrecher»

Mit zunehmender Zahl der Flüchtlinge wächst in Israel die Angst, das Land könne seinen jüdischen Charakter verlieren. Deshalb wurde 2012 entlang der ägyptischen Grenze ein grosser Zaun errichtet und das Lager in Sahronim aufgebaut. Es bestehe kein Zweifel daran, dass die israelische Wirtschaft die vielen Flüchtlinge wie ein Magnet anziehe, erklärt Regierungssprecher Mark Regev. «Wir müssen irgendwie damit umgehen.»

Rosin besuchte das Flüchtlingslager in ihrer Funktion als Abgeordnete, Gäste sind in der Regel nicht erlaubt. «Diese Menschen sind keine Verbrecher», sagt sie. «Ihr einziges Verbrechen ist, dass sie ein besseres Leben suchen.» Deren Unterbringung in Sahronim bezeichnet sie als unmenschlich, betont aber, dass die Flüchtlinge nicht schlecht behandelt und auch medizinisch versorgt werden. Es gibt einen Kindergarten, Erwachsene können Kurse besuchen. Aber es seien auch Wachen vor Ort, und die Lagerinsassen würden täglich gezählt, berichtet Rosin.

Stahltüren und dunkle Räume

Ein Mitglied der Gruppe von Abgeordneten, die vor einigen Tagen das Flüchtlingslager besichtigten, schmuggelte ein Video heraus. Darauf ist ein Mann zu sehen, der sagt: «Gefängnis, Gefängnis.» Eine Frau, die Sahronim im Februar verlassen durfte und jetzt an einem anderen Ort lebt, berichtet von Stahltüren und dunklen Räumen, in denen Etagenbetten stehen. Nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation wurden bislang 136 Menschen aus Sahronim anderweitig untergebracht – überwiegend Frauen, die traumatische Erlebnisse wie Folter oder Vergewaltigungen hinter sich hatten.

Als Flüchtling anerkannt zu werden, ist in Israel sehr schwierig. Migranten aus Eritrea können allerdings nicht ohne weiteres abgeschoben werden, solange ihnen in ihrer Heimat politische Verfolgung droht. Sie können jedoch bis zu drei Jahre lang festgehalten werden. Auch Menschen aus «Feindstaaten» wie dem Sudan werden nicht abgeschoben, aber interniert. Viele würden unter Druck gesetzt, Israel in Richtung eines Drittlandes verliessen, erklären Menschenrechtsanwälte.

Heimlich in den Südsudan ausgeschafft

In den vergangenen Monaten wurden Hunderte von Flüchtlinge klammheimlich in den inzwischen unabhängigen Südsudan gebracht. Anfang des Monats teilte Israel zudem mit, es sei ein Drittland gefunden worden, das afrikanische Flüchtlinge aufnehmen wolle. Um welches Land es sich handelt und wann die Abschiebungen beginnen sollen, blieb jedoch zunächst unklar.

530 sudanesische Männer hätten bereits zugestimmt, Sahronim als Gegenleistung für finanzielle Hilfe in Richtung Heimat zu verlassen, sagt Sara Robinson von Amnesty International. Dass das eine freiwillige Entscheidung war, bezweifelt sie jedoch: «Wenn man unbefristet inhaftiert werden kann und dies dann die andere Möglichkeit ist, kann wir das nur schwer als ‹freie Entscheidung› bezeichnen».

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