Strafanstalt Saxerriet: Gefängniswärter hat Alkohol an Häftlinge vertickt
Publiziert

Strafanstalt SaxerrietGefängniswärter hat Alkohol an Häftlinge vertickt

Ein Koch und Aufseher der Strafanstalt Saxerriet verkauft Alkohol an Häftlinge – bis er in flagranti erwischt wird. Laut einem Gefängnisinsassen dealte der Mann zudem mit harten Drogen und Handys.

von
Joel Probst
1 / 8
Hier, in die Strafanstalt Saxerriet, soll ein Koch und Gefängniswärter verbotene Waren eingeschmuggelt und an Häftlinge verkauft haben.

Hier, in die Strafanstalt Saxerriet, soll ein Koch und Gefängniswärter verbotene Waren eingeschmuggelt und an Häftlinge verkauft haben.

KEYSTONE
Darunter etwa harte Drogen wie Kokain und Heroin, wie ein Gefängnisinsasse 20 Minuten erzählt.

Darunter etwa harte Drogen wie Kokain und Heroin, wie ein Gefängnisinsasse 20 Minuten erzählt.

KEYSTONE
«Es war ein offenes Geheimnis, dass er alles reinschmuggeln kann», so der Insasse.

«Es war ein offenes Geheimnis, dass er alles reinschmuggeln kann», so der Insasse.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Der Gefängniswärter David E.* verkaufte Alkohol an Häftlinge der Strafanstalt Saxerriet, bis er im September aufflog.

  • Die Gefängnisleitung hat gegen E. «personalrechtliche Konsequenzen» ergriffen.

  • Laut einem Gefängnisinsassen vertickte der Mann zudem harte Drogen und Handys – und soll damit viel Geld gemacht haben.

Heroin, Kokain, Joints und Wodka: Das alles hatte David E.*, Koch und Aufseher der offenen Strafanstalt Saxerriet, im Angebot, wie ein Häftling sagt. Täglich habe der Wärter die Insassen der offenen Strafanstalt mit harten Drogen und Alkohol versorgt.

«Es war ein offenes Geheimnis, dass er alles reinschmuggeln kann», so der Insasse, der aus Angst vor Repression anonym bleiben will. Seit Herbst letzten Jahres habe David E. die Insassen im offenen Strafvollzug ungehindert mit Stoff versorgt. «Die Gefängnisleitung hat die ganze Zeit weggeschaut.»

Gefängnis sei ein «Drogen-Hotspot»

«Das Saxerriet ist ein Drogen-Hotspot, fast alle konsumieren», sagt der Informant. Er beschreibt einen typischen Tagesablauf so: «Am Morgen Methadon nehmen, dann einen Joint und nach Feierabend noch etwas Sugar rauchen.»

Die illegalen Substanzen ins Gefängnis zu schmuggeln, sei für David E. ein Leichtes gewesen, so der Häftling. «Er kam immer am Morgen früh mit dem Auto. Als Koch begann sein Dienst schon um 4 Uhr.» Um diese Zeit sei sonst noch niemand im Gefängnis gewesen. «Er übergab seine Tasche mit Drogen in der Küche dann jeweils dem Insassen, der ihm in der Küche half.» Dieser habe ihn dann in seinem Spind platziert. «Nach der Arbeit nahm der Helfer die Tasche mit aufs Zimmer und verteilte die Ware.» Im Angebot seien oft Kokain, Heroin und Gras, aber auch flaschenweise Wodka, Whiskey und Rotwein gewesen.

Offener Vollzug

Unter dem offenen Vollzug versteht man laut Strafanstalt Saxerriet «die Verbüssung einer Freiheitsstrafe in einer offen geführten Vollzugsinstitution». In offenen Strafanstalten sind die Sicherheitsvorkehrungen deutlich weniger streng als in geschlossenen. Während des Tages gehen die Gefangenen im offenen Strafvollzug normalerweise einer Arbeit auf dem Gefängnisareal nach. In der Freizeit können sie sich auf dem Gefängnisareal frei bewegen. Nur in der Nacht sind die Gefangenen eingeschlossen. Zudem haben sie im Normalfall Anrecht auf Urlaub. Ziel ist, die Gefängnisinsassen wieder in die Gesellschaft und die Berufswelt einzugliedern.

Breites Angebot an verbotenen Waren

Das Drogendealen sei ein guter Nebenverdienst für den Aufseher gewesen, so der Insasse. «Er hat sicher einige Tausend Franken verdient.» Einen Joint habe es für 20 Franken gegeben. Auch billige Handys mit SIM-Karte für 200 bis 300 Franken – im Gefängnis eigentlich streng verboten – verkaufte David E.

Mitte September habe sein Dealen dann ein abruptes Ende genommen: «Sein Chef erwischte den Koch in flagranti.» Seither sei er krankgeschrieben. «Tatsächlich wurde ihm wohl eher gekündigt», so der Insasse.

«Lässt sich bei einer offenen Strafanstalt nicht vermeiden»

Die Leiterin des St. Galler Amts für Justizvollzug, Barbara Looser, widerspricht den Schilderungen des Insassen – zumindest teilweise: Dass ein Mitarbeiter Drogen, Schnaps und Handys an Insassen verkauft habe, stimme nicht. Doch: «Zutreffend ist, dass ein Mitarbeiter der Strafanstalt Saxerriet mehrere Male Alkohol in die Strafanstalt geschmuggelt und an Insassen weitergegeben hat.»

Dennoch ging weder bei der St. Galler Staatsanwaltschaft noch bei der Kantonspolizei eine Anzeige gegen den Koch ein. «Da es sich beim Alkoholschmuggel nicht um einen Straftatbestand handelt, wurde keine Strafanzeige erstattet», erklärt Looser. Da der Mitarbeiter aber «eindeutig gegen hausinterne Regeln» verstossen habe, seien «personalrechtliche Konsequenzen» ergriffen worden. Ob er entlassen wurde oder nicht, will Looser aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht erläutern.

Die Leiterin des Amts für Justizvollzug gibt aber zu, dass in der Strafanstalt Saxerriet immer wieder Drogen im Umlauf sind: «Dies lässt sich gerade bei einer offenen Strafanstalt nicht vermeiden», so Looser. Der Drogenkonsum sei aber selbstverständlich verboten und «entsprechende Kontrollen» würden regelmässig vorgenommen.

Hast du oder jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, Onlineberatung

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Infodrog, Informationen und Substanzwarnungen

Deine Meinung