Aktualisiert 31.03.2014 09:59

Sprachwissenschaftler warnt

«Gefahr, dass die Schweiz auseinanderbricht»

Die Deutschschweizer lernen schlechter Französisch als vor 20 Jahren, sagt Linguistiker Georges Lüdi. Sie gleichen sich damit den Romands an, die Deutsch ebenfalls nicht mögen.

von
Camilla Alabor
«Das Ausland nimmt einen grossen Teil der Nachrichten ein, gleichzeitig findet die Romandie fast nicht statt», kritisiert Sprachwissenschaftler Georges Lüdi.

«Das Ausland nimmt einen grossen Teil der Nachrichten ein, gleichzeitig findet die Romandie fast nicht statt», kritisiert Sprachwissenschaftler Georges Lüdi.

Das Französisch hat es schwer in den Deutschschweizer Schulen – die Jungen lernen lieber Englisch. Warum ist das so?

Georges Lüdi: Das hat mit der Wahrnehmung zu tun: Englisch ist nicht wichtiger geworden, wird aber als wichtiger wahrgenommen. Wenn heute jemand eine KV-Lehre macht, will er danach Bankdirektor oder CEO von Novartis werden. Tatsächlich ist Englisch in einem solchen Umfeld die wichtigere Sprache. Die Realität sieht dann aber anders aus: Die meisten Lehrabgänger arbeiten in einem KMU. Und die haben nun mal mehr mit Deutschland und Frankreich zu tun als mit Japan oder Russland. Zu dieser verzerrten Wahrnehmung, dass Englisch wichtiger ist, tragen aber auch die Medien bei.

Inwiefern?

Einerseits durch die Berichterstattung. Das Ausland nimmt einen grossen Teil der Nachrichten ein, gleichzeitig findet die Romandie fast nicht statt. Andererseits machen die Deutschschweizer den Romands das Leben schwer, wenn sie in Sendungen wie der «Arena» konsequent Schweizerdeutsch sprechen. Wird doch mal ein welscher Politiker eingeladen, gibt es am Anfang ein paar Häppchen Hochdeutsch – bis dann irgendjemand auf Schweizerdeutsch wechselt.

Hängt die Abneigung gegen das Französisch nicht auch damit zusammen, dass es eine komplizierte Sprache ist?

Englisch ist ab einem gewissen Niveau genauso kompliziert wie Französisch, das kann nicht der Grund sein. Was aber stimmt: In Amerika oder England ist es kein Problem, wenn jemand die Sprache kaum beherrscht, sich aber auszudrücken versucht. Das führt dazu, dass auch die Lehrer im Englischunterricht toleranter sind, wenn jemand die Sprache am Anfang schlecht spricht. Im Französischen hingegen ist das weniger akzeptiert – dort erwarten die Lehrer von Anfang an ein perfektes Französisch, was natürlich nicht möglich ist. Das hängt damit zusammen, dass man auch in Frankreich die Nase rümpft, wenn jemand, wie die Franzosen sagen, «die Sprache massakriert».

Dann sind also die Erwartungen im Französischunterricht zu hoch?

Ja. So wie die Erwartungen an den Sprachunterricht in der Primarschule an sich. Wer glaubt, in der Primarschule lerne man eine Sprache, liegt falsch. Vielmehr kriegen die Schüler ein erstes Gefühl für die Sprache. Für mehr reichen zwei Lektionen pro Woche nicht aus. Die Politiker und Bildungsdirektoren haben mit ihrer Frühsprachenpolitik völlig falsche Erwartungen geweckt. Dazu kommt, dass früher nur eine Elite Französisch lernte. Heute soll es jeder Schüler beherrschen.

Der Widerstand gegen das Französisch in der Primarschule kommt auch von den Lehrern.

Ja, weil sie das Gefühl haben, der Aufwand sei zu gross, die Sprache zu schwierig, die Schüler überfordert, die Eltern unzufrieden. Dazu kommt, dass viele Lehrer nicht ein allzu hohes Sprachniveau haben: Wer vor 20 Jahren Französisch gelernt hat, kann heute kaum mehr fliessend sprechen.

Wie sieht es denn in der Romandie aus? Dort ist der Enthusiasmus für das Deutsche auch nicht allzu gross.

Die Romands haben noch nie gerne Deutsch gelernt, das ist nichts Neues. Auch dort liegt es teilweise daran, dass die Lehrer nicht motiviert sind, woraufhin die Schüler noch weniger Lust auf den Deutschunterricht haben. Oder umgekehrt: Wenn die Schüler nicht motiviert sind, demotiviert das auch die Lehrer. Das finde ich aber weniger beunruhigend als die Deutschschweizer Tendenz der letzten 20 Jahre, das Französisch zu vernachlässigen.

Warum?

Weil wir die Mehrheit sind und uns umso mehr Mühe geben müssten, die Minderheit zu verstehen. Kein Französisch zu lernen, ist die Arroganz der Mehrheit. Schlimm finde ich vor allem, dass man sich gegenseitig nicht mehr versteht: Früher galt ja, dass man zwar in seiner eigenen Sprache sprach, den anderen aber zumindest verstand.

Die Deutschschweizer verstehen also nicht einmal mehr Französisch?

Leider nicht! Besonders tragisch ist das bei den Bundespolitikern, bei denen ich das immer häufiger beobachte. Sie reden nicht mehr miteinander, hören einander nicht zu, weil sie den anderen nicht verstehen.

Wie schlimm ist es denn, wenn Schweizer miteinander Englisch statt Französisch reden?

Schlimm. Weil der durchschnittliche Schweizer miserabel Englisch spricht. Englisch als Ersatz für Französisch oder Deutsch ist zurzeit keine Lösung. Es sei denn, man will nicht mehr als einen Kaffee bestellen. Aber für eine ernsthafte politische Diskussion reicht das Sprachniveau der Schweizer derzeit nicht aus.

Dann wäre es kein Problem, wenn die Schweizer perfekt Englisch sprächen und sich so verständigten?

Nein, denn es geht nicht nur um die Sprache, sondern auch um die Kultur. Eine Kultur kann man aber nur durch die Sprache verstehen. Wenn wir miteinander nur noch Englisch sprechen, besteht die Gefahr, dass die Schweiz auseinanderbricht. Ganz abgesehen davon reden wir ja nicht das Englisch der Engländer oder Amerikaner. Wir sprechen kein Shakespeare-Englisch, sondern ein zusammengestückeltes Fastfood-Englisch.

Zur Person

Georges Lüdi ist emeritierter Professor für französische Sprachwissenschaft an der Uni Basel. Zu seinen Spezialgebieten gehören der Spracherwerb, die Mehrsprachigkeit, sowie die Sprachpolitik.

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