Gefesselt, gedemütigt und entwürdigt
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Gefesselt, gedemütigt und entwürdigt

Der unschuldige «Bremer Taliban» wurde auf seinem Flug in die Freiheit von Guantanamo nach Deutschland an Händen und Füssen gefesselt und an den Boden des Flugzeugs angekettet.

Sein Anwalt Bernhard Docke konnte am Freitag vor den Medien kaum noch weiter sprechen, weil ihm die Tränen kamen. Ein solches Wiedersehen nach so langer Zeit sei unbeschreiblich. «Das können nur Menschen nachfühlen, die selbst Kinder haben», sagte Docke über das erste Zusammentreffen von Murat Kurnaz mit dessen Familie nach mehr als vier Jahren Haft in Guantanamo.

Am Tag nach Kurnaz' Freilassung informierte Docke gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Baher Azmy die Öffentlichkeit über das Schicksal seines Mandanten. Sie berichteten von Einzelheiten über die Haftbedingungen in dem Lager auf Kuba und die Überstellung nach Deutschland.

Kurnaz hatte erst vor einer Woche vom vermuteten Ende seiner Haft erfahren, wie Azmy auf der von Amnesty International organisierten Pressekonferenz in Bremen sagte. Seine Familie und seine Anwälte seien bis zuletzt darüber im Zweifel gewesen. Am Donnerstagmittag habe das Auswärtige Amt sie informiert, dass Kurnaz tatsächlich in Kuba zum US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz abgeflogen sei.

Der 24-Jährige sei allein an Bord mit 15 US-Soldaten gewesen. «Herr Kurnaz wurde an Bord an Händen und Füssen gefesselt und an den Boden angekettet. Seine Augen waren verklebt», berichtete Docke. Er sei genauso transportiert worden wie vor knapp fünf Jahren die ersten Guantanamo-Gefangenen, sagte der Anwalt. «Unverbesserlich. Die Amerikaner haben nichts daraus gelernt.» Gefesselt, gedemütigt und entwürdigt sei er dann zwei Beamten des Auswärtigen Amtes übergeben worden. «Sie waren menschlich geschockt.»

Zum heutigen Befinden von Kurnaz sagte Docke, er sei von starker physischer Natur, wach, freundlich und humorvoll. «Man merkt aber, dass da etwas anderes ist.» Ein solches Schicksal könne einen «Stempel auf der Seele» hinterlassen, den Kurnaz hoffentlich überwinde.

In Guantanamo wurde Kurnaz nach Auskunft seiner Anwälte «gehalten wie ein Tier». Er habe in einem Käfig bei Neonlicht leben müssen, das niemals ausgeschaltet worden sei. Sein einziger menschlicher Kontakt zu einem Nicht-Uniformierten habe zu Baher Azmy bestanden, doch bei dessen Besuchen sei er angekettet gewesen. Auf der nächtlichen Fahrt von Ramstein nach Bremen habe man in an der Autobahn angehalten, sagte Docke. Kurnaz sei ausgestiegen und habe den Kopf zum Sternenhimmel gewandt. «Das ist ein Moment, in dem man ein Gefühl dafür bekommt, was so einem Menschen genommen worden ist.»

Warum genau Kurnaz nach Guantanamo geriet, ist noch immer unklar. Er war kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nach Pakistan gereist. Nach Rekonstruktion seiner Anwälte wurde er dort während einer religiösen Studienreise verhaftet und den US-Behörden übergeben. Im Januar 2002 wurde er nach Guantanamo gebracht und ohne Anklage festgehalten. Zwei Postkarten an die Familie blieben lange Zeit die einzigen Lebenszeichen, wie seine Vertreter berichteten. 2004 durfte ihn Baher Azmy erstmals besuchen.

Schon 2002 soll die US-Regierung seine Freilassung angeboten habe, weil eine Schuld nicht feststellbar sei, berichteten Medien Anfang dieses Jahres. Der Bundesnachrichtendienst (BND) sei jedoch dagegen gewesen.

Wenn der BND-Untersuchungsausschuss und ein vergleichbarer Ausschuss des EU-Parlaments die deutsche Mitverantwortung feststellten, «wird und muss das ein politisches Nachspiel haben», verlangte Docke am Freitag. Unter Umständen stelle sich die Frage nach der Mitverantwortung von Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier und seinem Vorgänger Joschka Fischer. Die Bundesregierung wies jedoch Vorwürfe zurück, sie habe sich nicht genügend für Kurnaz eingesetzt. Das jeweilige Verhalten sei stets wohl überlegt gewesen.

Ermittlungsverfahren in Bremen

Nach Kurnaz' Freilassung wird nun in Bremen ein Verfahren wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung aus dem Herbst 2001 wieder aufgenommen. In parallelen Fällen wurde es schon vor Jahren wegen mangelndem Tatverdacht eingestellt, sagte ein Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft.

Azmy nannte den Fall Kurnaz einen der wichtigsten Rechtsfälle in den USA, denn er entlarve eine der zentralen Lügen der US-Regierung über Guantanamo. Diese habe stets behauptet, dort sässen nur Terroristen oder Menschen, die man auf dem Schlachtfeld festgenommen habe. Für Kurnaz stimme beides nicht. (dapd)

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