14.07.2014 17:51

Murat Yakin

«Gefragt ist heute schnelles Umschalten»

20-Minuten-Kolumnist Murat Yakin blickt auf eine aussergewöhnliche WM zurück. In seinen Augen hat sich der Fussball noch einmal einen Schritt weiterentwickelt.

von
ete

«Es gibt im Fussball nicht ein richtiges Spielsystem, eine Taktik, aber viele Meinungen und Kritiker. Darum ist es nicht ganz einfach, eine Bilanz zu ziehen, ohne wie ein Besserwisser zu tönen. Als Trainer schaut man der Weltspitze an einem WM-Turnier dennoch gerne auf die Füsse. Mein Eindruck ist, dass sich der Fussball noch einen Schritt weiterentwickelt hat. Er ist noch athletischer geworden, noch schneller.

Die technische Qualität der Spieler und vor allem die Fitness haben weiter an Bedeutung gewonnen. Fitness gewinnt, aber nur in Verbindung mit feiner Technik. Reiner Ballbesitz ist passé. Gefragt ist schnelles Umschalten. Die Erfolgsfaktoren, so meine WM-Bilanz zusammengefasst, sind Flexibilität, Effizienz und Ernsthaftigkeit.

Flexibilität auch, was die Taktik anbelangt. Sprich: Massnahme und Gegenmassnahme. Es geht darum, die Qualität des Gegners rasch zu erkennen und unmittelbar und flexibel Gegenmassnahmen (System) zu ergreifen. Als bestes Beispiel dient der Final zwischen Deutschland und Argentinien. Die Trainer haben ihre Hausaufgaben so gut gemacht, dass eine einzelne Aktion das Spiel entschieden hat und nicht zwingend ein Fehler, sondern eine Klasseaktion von Klassespielern.

Wahrnehmung und Spielintelligenz zentral

Mit Flexibilität meine ich aber auch, dass reines Positionhalten der Vergangenheit angehört, das Spiel noch mehr dem Profil der Spieler angepasst wird, und dieses Profil dahin geht, flexible Spieler einzusetzen. Spieler, die auf mehreren Positionen spielen können wie Lahm, Di Maria, Lavezzi, Müller, Özil, aber auch Xherdan Shaqiri, um einige zu nennen.

Sie machen den Angriff unberechenbarer, das Spiel variabler und erschweren das Verteidigen. Wobei die Qualität des Spielers eine Rolle spielt, aber vielmehr noch die Wahrnehmung und die Spielintelligenz. Denn das Umschalten bedingt auch, dass die Spieler rasch auf neue Situationen reagieren und dem Gegner wenig Zeit für die Zuordnung lassen.

Erwähnen möchte ich auch das hohe Tempo, das in den Spielen dieser WM angeschlagen wurde und mir gut gefallen hat. Neben der Komponente Fitness schreibe ich das auch den Schiedsrichtern zu, die sehr viel laufen liessen und damit das Spiel zusätzlich schnell gemacht haben. Es gab weniger Unterbrüche, das Umschalten konnte schneller erfolgen, die Zuordnung und die Räume zu ordnen, wurde erschwert, und es gab Platz für schnelle Angriffe. Das wiederum hat die Relevanz der guten Defensive erhöht. Nur jene Teams, die solide Defensivarbeit verrichtet haben - und das im Kollektiv - haben am Ende gewonnen.

Die neuen deutschen Tugenden

Teamspirit, Ernsthaftigkeit, Geschlossenheit und die Leidenschaft sind weitere wichtige Komponenten des modernen Fussballs. Ein Superstar zu sein, reicht heute nicht. Auch nicht, ein Team zu haben, das gespickt ist mit Weltklasse-Fussballern, wenn die nötige Ernsthaftigkeit nicht an den Tag gelegt wird. Spitzenfussball verzeiht kaum mehr Nebengeräusche. Tränen und Emotionen gehören zum Fussball. Zum Erfolg gehört aber mehr. Und das hat Deutschland vorbildlich vorgelebt. Unter Jogi Löw haben sie die deutschen Tugenden um neue Eigenschaften erweitert - um spielerische. Die Deutschen spielen modernen, attraktiven UND erfolgreichen Fussball.»

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