Gewalt bei Sportveranstaltungen: «Gefühl bei Schlägereien ist besser als Sex»
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Gewalt bei Sportveranstaltungen«Gefühl bei Schlägereien ist besser als Sex»

Schlägereien, Vandalismus, Petarden – Gewaltausbrüche an Fussballspielen werden immer schlimmer. Die Gründe dafür liegen laut Experten in der Entwicklung der Gesellschaft.

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In Italien und Deutschland ist vergangenes Wochenende die Gewalt an Fussballspielen eskaliert. Es fielen Schüsse, ein Fan ringt um sein Leben, Dutzende wurden verletzt, Gegenstände zerstört, Angst und Panik herrschte unter den Anwesenden. Wie neue Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, haben Straftaten an Sportveranstaltungen 2013 auch in der Schweiz zugenommen. Und zwar um ganze 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (siehe Box).

Gewaltforscher Gunter A. Pilz sagt sogar, die Gewalt an solchen Events sei nicht nur gestiegen, sondern auch brutaler geworden. Was ist passiert? «Früher hatten Hooligans noch einen Ehrenkodex, dieser ist heutzutage verloren gegangen.» Zwei Typen von Menschen seien für dieser Art von Gewalt bereit: «Der eine ist der Unzufriedene, er hat eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit und leidet an Minderwertigkeitskomplexen und unter seinen Misserfolgen.» Jemanden zu verprügeln, gebe ihm ein Gefühl von Macht und poliere sein Selbstwertgefühl auf. «Liegt ein Verletzter vor ihm auf dem Boden, fühlt er sich stark und gross», so Pilz. An Sportveranstaltungen finde dieser Typ Mensch ein Ventil für den Frust, den er tagtäglich mit sich herumschleppe.

«Dann gibt es den Menschen aus der mittleren oder oberen Gesellschaftsschicht, der einen guten Job hat und viel Geld verdient.» Aufgrund des Leistungsdrucks müsse er sich den ganzen Tag zurücknehmen und könne seine Emotionen oder angestauten Aggressionen nicht rauslassen. «An einem Fussballmatch hat er die Möglichkeit, in der Anonymität einmal richtig die Sau rauszulassen.»

Auswärtsspiele sind besonders gefährlich

Man dürfe ausserdem nicht unterschätzen, was eine solche Jagd – mit Flaschen in der Hand und Adrenalin im Blut – für eine Reaktion im Körper erzeuge: «Hier werden Glücksgefühle en masse freigesetzt. Manche sagen, dieses Gefühl sei besser als mit einer Frau im Bett zu sein», so Pilz. Und: Da sich Schlägereien an Sportevents etabliert hätten, reisten mittlerweile auch nicht Sport interessierte Menschen an solche Veranstaltungen, um ihr Gewaltbedürfnis zu befriedigen. «Vor allem bei Auswärtsspielen sehe ich das oft: Die Männer fahren geschlossen im Zug, schaukeln sich auf dem Weg schon gegenseitig auf, dann versammeln sie sich vor dem Stadion und lassen ihrer geballten Wut und ihren angestauten Aggressionen freien Lauf.»

Dass die Gewaltbereitschaft derart zugenommen haben, heisse aber nicht, dass sich der Mensch grundsätzlich geändert habe. Wenn etwas anders sei, dann seine Umgebung, sein Umfeld, die gesellschaftlichen Bedingungen. «Der Leistungsdruck ist gestiegen, dabei muss man seine Emotionen immer unter Kontrolle haben. Wer sich selbst nicht verwirklichen kann, ist in der heutigen Zeit ein Versager». Das schüre Aggressionen und Frust, die sich irgendwann entladen müssten.

«Zivilcourage hat abgenommen»

Auch Thomas Hurter, SVP-Nationalrat und Präsident der Sicherheitskommission, sieht den Grund für die Zunahme von Straftaten an Sportveranstaltungen in der Entwicklung der Gesellschaft: Die Bereitschaft zur Gewalt sei in allen Bereichen unseres Lebens gestiegen, nicht nur im Sport. Er sieht das Problem bei der Zivilcourage, die allgemein abgenommen habe. «Menschen trauen sich weniger, für andere einzustehen.» Als zweiten Grund nennt Hurter die Angst der Behörden davor, an der Umsetzung von Gesetzen festzuhalten: «Bestrafungen von Gewalttätigen ziehen sich oft in die Länge.» Das dritte Problem liege in der Reduktion und Verschiebung der Sicherheitskräfte. «Man muss sich besser überlegen, wo und wann man Sicherheitsbeamte braucht, diese müssen künftig besser eingesetzt und unterstützt werden», so Hurter.

Weitere Ursachen liegen laut Hurter beim Internet, vor allem bei Portalen wie Facebook und Twitter: «Hegt jemand einen Groll gegen dich, wirst du heute sofort öffentlich an den Pranger gestellt.» Diese Art von Angriff fördere andere Aggressionen als eine gesunde Ohrfeige. Auch die Erziehung spiele eine wichtige Rolle: Eltern müssten mit ihren Kindern das Thema Gewalt von klein auf behandeln. «Es ist notwendig, dass wir dieses Problem ernst nehmen.» Nur gemeinsam könne dieser Trend gestoppt werden.

«Kriminelle gehören ins Gefängnis»

Max Hofmann, Generalsekretär beim Verband Schweizerischer Polizei-Beamter, sieht die Ursache in der Politik: Diese hätte das Problem nicht in der Griff bekommen. «Solange den Strafverfolgungsbehörden nicht die richtigen Instrumente gegeben werden, wird sich wenig ändern.» Wenn es so weitergehe, seien wir nicht mehr weit entfernt von Gewaltexzessen wie in Italien. «Die Auseinandersetzungen von Bern waren ja auch nicht harmlos. Das muss man ganz klar festhalten.» Es sei an der Zeit, dass man endlich verstehe, dass dieses Problem nicht mit normalen Massnahmen gelöst werden könne: «Diese Kriminellen gehören ins Gefängnis, und nicht nur für ein paar Tage.» In England habe man auch dank den knallharten Strafen etwas ändern können. «Es kann doch nicht sein, dass Polizisten ihr Leben jedes Mal aufs Spiel setzen müssen, weil man nicht im Stande ist, das Problem an der Wurzel zu packen», so Hofmann.

Zahlen des Bundesamts für Statistik

258 Gewaltstraftaten wurden 2013 in der polizeilichen Kriminalstatistik registriert - 13 Prozent mehr als im Vorjahr. 2012 hatten die Polizeikorps 228 Straftaten erfasst. Die «SonntagsZeitung» veröffentlichte die Mitte April aufgeschaltete Statistik in ihrer aktuellen Ausgabe. Es ist das erste Mal seit 2011, dass die Fan-Gewalt im Umfeld von Sportstadien wieder zunimmt. 2012 hatte die Zahl der Straftaten bei Sportveranstaltungen einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Besonders signifikant ist der Anstieg bei der Gewalt und Drohung gegen Polizeibeamte. Während die Polizisten 2012 insgesamt 29-mal verbal oder physisch angegriffen worden waren, wurden im vergangenen Jahr 52 Fälle registriert - ein Plus von 85 Prozent.

Auch die Zahl der Tätlichkeiten rund um Stadien nahm zu: von 59 Angriffen im Jahr 2012 auf 85 im Jahr 2013. Als Tätlichkeiten gelten Ohrfeigen, Faustschläge und Fusstritte.

Ausgewertet wurden sämtliche erfassten Gewaltstraftaten rund um Sportanlagen - dazu gehören Stadien, Fussballplätze und Eisbahnen. Doch die Dunkelziffer ist hoch: Polizeibeamte sind nur bei besonders schweren Straftaten verpflichtet, den Tatort im Rapport zu nennen.

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