«Time-out»: Gegen Kanada verloren - und alles offen
Aktualisiert

«Time-out»Gegen Kanada verloren - und alles offen

Die Niederlage gegen Kanada im letzten WM-Vorbereitungsspiel (2:4) in Kloten hat bestätigt: An der WM ist alles möglich – vom Halbfinal bis zum kläglichen Scheitern.

von
Klaus Zaugg

In der ersten Pause des Spiels gegen Kanada hat es eine schöne Szene mit Symbolcharakter gegeben: Unsere Hockeyfrauen wurden für den sensationellen Gewinn der WM-Bronzemedaille geehrt. Sie präsentierten ihre Medaillen. Auch für die Männer ist die erste WM-Medaille seit 1953 der ewige Traum. Nun waren sie räumlich so nahe an einer WM-Medaille wie seit 1953 nie mehr.

Allerdings ist der Weg zu einer Medaille weiter, als es das spielerische Spektakel gegen die Kanadier auf den ersten Blick vermuten liesse. Nach dem 1:2 n.P. am Sonntag in Fribourg folgte nun am Dienstag mit 2:4 die zweite Niederlage gegen die Kanadier.

Mehr solides Handwerk gefordert

Wieder spielten die Schweizer mit dem Olympiasieger auf Augenhöhe. Tempo und Härte sind gegen die Besten der Welt längst kein Problem mehr. Nach einem schwachen Start (3:13 Torschüsse bis zur 13. Minute) wurde der Gegner für den Rest der Partie dominiert (am Schluss 29:23 Torschüsse).

Nationaltrainer Sean Simpson kam nach dem Spiel fast nicht mehr aus dem Rühmen heraus und sah vorwiegend Positives. Die Realität blendete er wissentlich oder unwissentlich aus. Diese Realität sagt: Die Kanadier sind erst daran, als Mannschaft zusammenzufinden und haben am Dienstag höchstens 50 Prozent ihres Potenzials umgesetzt. Die Realität sagt auch: Entscheidend ist bei einer WM nicht die Fähigkeit, die Besten der Welt spektakulär zu dominieren. Es geht um etwas anderes: das Vermeiden von Fehlern. Nicht spielerische Highlights gegen die Grossen bescheren uns die Viertelfinals. Sondern solides Handwerk gegen die Kleinen. Gegen die Kanadier sahen wir beim 2:4 am Dienstag zu viel Spektakel und zu wenig solides Handwerk.

Spiele gegen die «Kleinen» sind entscheidend

Wenn Mark Streit sagt, er habe noch nie in einer so ausgeglichenen, gut ausbalancierten Nationalmannschaft gespielt, so mag das aus seiner Sicht stimmen. Aber er war 2010 in Deutschland und 2011 in der Slowakei nicht dabei. Die aktuelle WM-Mannschaft ist spielerisch nicht besser als die WM-Teams von 2010 und 2011. Vor einem Jahr gewannen die Schweizer sogar die zwei letzten WM-Vorbereitungspartien gegen Russland (4:2, 5:4) – und verpassten dann an der WM 2011 in Kosice die Viertelfinals. Wegen eines schwachen Drittels (und einer Niederlage) gegen Norwegen.

So gut wir inzwischen auch sind: Es ist immer noch wichtiger, gegen die vermeintlich Kleinen solide zu arbeiten (den Spatz in der Hand zu sichern) als den flüchtigen Ruhm gegen die Titanen (die Taube auf dem Dach) zu suchen. Nicht die verpassten Torchancen gegen die Grossen sind für uns an einer WM entscheidend. Sondern immer noch die Fehler gegen die Kleinen.

Schweizer NHL-Verteidiger mit Potenzial

Die Schweizer hatten am Dienstag in Kloten bei weitem genug Spielanteile und Torchancen, um das Spiel zu gewinnen: Simon Moser, Damien Brunner, Kevin Romy oder Mathias Bieber hatten klare Einschussmöglichkeiten. Und so drehten sich die Analysen des Coaches und der Spieler nach der Partie vor allem um die verpassten Gelegenheiten. Diese Sichtweise ist gefährlich: Die Mutter dieser 2:4-Niederlage gegen die Kanadier ist nicht die ungenügende Chancenauswertung. Sondern die defensive Sorglosigkeit. Und dabei erstaunt: Ausgerechnet die beiden NHL-Verteidiger Mark Streit und Luca Sbisa, die unsere Abwehr an der WM tragen müssen wie Atlas das Himmelsgewölbe, hätten als Verteidiger-Paar das 0:2 und 2:3 verhindern können. Streit hat gegen die Kanadier etwa 50 Prozent seines Potenzials erreicht, Luca Sbisa vielleicht 60 Prozent. Beide müssen und werden sich steigern.

Die bange Frage ist eher, ob Goran Bezina in Form kommt. Er ist beim 0:1 der Hautpangeklagte und leistet sich zu viele Fehler. Seine defensive Fahrlässigkeit hat bereits Servette die Playouts beschert. Untadelig waren in den zwei letzten Vorbereitungsspielen nur die Torhüter: in Fribourg Reto Berra, in Kloten Tobias Stephan.

Zweifel grösser als Zuversicht - zum Glück

Die Zweifel sind nach diesen zwei vermeidbaren Niederlagen gegen die Kanadier grösser als die Zuversicht. Das ist gut so und fördert die Bescheidenheit. Die zwei ersten WM-Gegner heissen am Samstag und Sonntag Kasachstan (16. Weltrangliste) und Weissrussland (11.). Diese Zwerge dürften von den Schweizern (7.) nach den zwei Kanada-Pleiten nicht mehr unterschätzt werden. Die Gefahr eines WM-Fehlstartes ist geringer geworden.

Deshalb ist dieses 2:4 gegen Kanada letztlich eine Niederlage, die uns an der WM weiterbringen kann. Wir können also sagen: Gegen Kanada verloren – na und?

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