Babyklappen-Alternative: Geheim-Geburt im Spital – das Kind bleibt aber dort
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Babyklappen-AlternativeGeheim-Geburt im Spital – das Kind bleibt aber dort

Soll niemand davon wissen, kann eine Frau vertraulich entbinden. Spitäler werben vermehrt für die Babyklappen-Alternative.

von
rah
Nicht nur die Babyklappe ermöglicht eine fast unbemerkte Geburt: Auch in Spitälern können Frauen vertraulich gebären.

Nicht nur die Babyklappe ermöglicht eine fast unbemerkte Geburt: Auch in Spitälern können Frauen vertraulich gebären.

Keystone/Gaetan Bally

In Sitten wurde am Montag das achte Babyfenster der Schweiz eröffnet. Gegner kritisieren, dass Baby wie Mutter bei einer versteckten Geburt grossen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt seien und dass das Kind später seine Herkunft nicht erfahren könne. Sie propagieren deshalb eine Alternative: die vertrauliche Geburt. Dabei gebärt eine Frau normal im Spital, ihre Identität wird aber vertraulich behandelt. Wird das Kind zurückgelassen, nehmen sich die Behörden seiner an. Das Spital in Sitten hat diese Praxis gleichzeitig mit dem Babyfenster eingeführt. Andere Schweizer Spitäler kennen die vertrauliche Geburt schon länger.

Am Inselspital Bern gibt es pro Jahr zwei bis drei vertrauliche Geburten. Im Universitätsspital Zürich werden gemäss Barbara Günthard-Uhl, Leiterin Hebammen in der Klinik für Geburtshilfe, bis zu zwei Kinder pro Jahr vertraulich geboren. Auch andere Spitäler, etwa das Kantonsspital St. Gallen oder das Universitätsspital Basel, melden einzelne solche Geburten.

Flyer werben für das Angebot

Was seit Jahren im Stillen praktiziert wurde, thematisieren nun zahlreiche Kantone und Spitäler. Der Kanton Solothurn führt die vertrauliche Geburt noch dieses Jahr offiziell ein. Flyer und die spitalinterne Sozialberatung werden auf die Möglichkeit hinweisen.

Im Thurgau wurde das Recht auf die vertrauliche Geburt jüngst auch ins Gesetz geschrieben: «Diese gute Lösung ist Folge der vom Parlament abgelehnten Babyklappe», sagt Mario Brunetti vom kantonalen Sozialdepartement. Nun seien die Prozesse genau geregelt: «Will eine schwangere Frau vertraulich gebären, gibt sie dies bei der Ankunft im Spital an, womit ihre Identität und jene des Kindes vertraulich behandelt werden.» Die Geburt werde dem Zivilstandsamt gemeldet, es dürfe sie aber nicht öffentlich machen.

Auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde werde informiert, denn «gibt die Mutter ihr Kind zur Adoption frei, muss diese für die Zwischenzeit eine Pflegefamilie finden», so Brunetti. Sechs Wochen Zeit habe die Mutter, um die Freigabe zur Adoption rückgängig zu machen. In Zürich läuft die Mutter spitalintern unter einem Pseudonym. In den Spitälern des Kantons St.Gallen werden zudem «externe Anrufe nicht durchgestellt und keine Auskünfte zu Zimmer oder Personalien erteilt», wie Regierungsrätin Heidi Hanselmann mitteilt.

Dass Frauen vertraulich gebären, hat verschiedene Gründe. Laut dem Inselspital Bern wünschen sich Frauen, die ihr Kind zur Adoption freigeben wollen, Diskretion. Auch Stalking- und Vergewaltigungsopfer oder Frauen, in deren Familien es Probleme gebe, wählten teilweise diesen Weg.

Nächster Schritt: anonyme Geburt

Bei der vertraulichen Geburt kann das volljährige Kind dank der Registrierung erfahren, wer seine Mutter ist. Als Antwort auf ein Postulat der Babyfenster-Gegnerin Liliane Maury Pasquier (SP) prüft der Bundesrat nun verschiedene Optionen. Darunter fällt auch die anonyme Geburt, die in der Schweiz bereits Realität sei, wie der Berner Grossrat Thomas Fuchs in einem Vorstoss festhält: Laut dem Berner Inselspital verlasse ungefähr einmal pro Jahr eine Mutter das Spital, ohne eine Identitätsangabe zu hinterlassen.

Laut SVP-Nationalrat Sebastian Frehner muss für die anonyme Geburt wie für das Babyfenster eine sichere rechtliche Grundlage geschaffen werden. «Die Mütter geben ihr Kind weiss Gott nicht freiwillig ab. Sie sind mit der Situation völlig überfordert. Man kann eine Frau ja nicht hochschwanger zurück auf die Strasse schicken.»

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