Aktualisiert 26.07.2011 07:41

Terror in Norwegen

Geheimdienst wusste schon im März von Breivik

Der Massenmörder Anders Behring Breivik war dem norwegischen Geheimdienst bereits im März aufgefallen. Und: Inzwischen ist auch klar, warum die Opferzahl zu hoch angegeben wurde.

Norwegens Geheimdienst PST war bereits im März auf den Attentäter Anders Behring Breivik wegen eines Chemikalienkaufs aufmerksam geworden. Das bestätigte Geheimdienstchefin Janne Kristiansen am Montag dem TV-Sender NRK.

Breivik habe bei einem polnischen Händler für Chemikalien eine Summe von 120 Kronen (18 Franken) eingezahlt und sei deshalb auf entsprechenden Listen aufgetaucht. Dies sei aber nicht ausreichend für eine aktive Überwachung gewesen.

«Heute ist es viel zu einfach, Substanzen aufzutreiben, die auch Grundstoffe für selbstgemachte Bomben sind», schrieb EU-Kommissarin Cecilia Malmström in einem Blogeintrag. Es handle sich um einen Vorschlag aus dem Vorjahr.

Danach soll der Verkauf von Chemikalien, die für den Bau von Bomben genutzt werden können, in grösseren Mengen verboten oder streng kontrolliert werden. Düngemittel, Haltbarmacher von Lebensmitteln, Desinfektionsmittel, Insektenmittel und Aceton gehören zu den Produkten, aus denen Sprengsätze gebastelt werden können.

Leichen offenbar doppelt gezählt

Nach dem Anschlag auf der norwegischen Insel Utøya hat die Polizei einige Leichen womöglich doppelt gezählt. Das könnte zu der zunächst deutlich höheren Opferzahl geführt haben, teilte die Polizei an einer Pressekonferenz am Montag mit.

Zuvor hatte die Polizei die Zahl der Todesopfer von Utøya nach unten korrigiert. Bei der Schiesserei seien 68 und nicht wie zuvor berichtet 86 Menschen getötet worden, teilte die Polizei mit. «Es kann sein, dass manche doppelt gezählt wurden», sagte Polizeisprecher Oystein Maeland. «Es war aber wichtig, die Information schnell herauszugeben, denn die Zahl war viel höher als die in den Medien veröffentlichte.»

Kurz nach dem Anschlag am Freitag hatte die Polizei zunächst von zehn Toten auf Utøya gesprochen. Überlebende veröffentlichten im Internet jedoch bereits in der Nacht auf Samstag deutlich höhere Zahlen. Am Samstagmorgen gab die Polizei die Zahl der Todesopfer schliesslich mit rund 80 an.

Die Zahl der Todesopfer bei dem Bombenanschlag in der norwegischen Hauptstadt Oslo wurde unterdessen nach oben korrigiert. Acht Menschen seien bei dem Anschlag im Regierungsviertel ums Leben gekommen, teilte die Polizei mit. Bislang war von sieben Todesopfern die Rede. Die Gesamtzahl der Toten bei beiden Anschlägen sank demnach von 93 auf 76.

«Zwei weitere Zellen in unserer Organisation»

Der Attentäter von Oslo hat nach eigener Aussage mit anderen Rechtsextremen zusammengearbeitet. Anders Behring Breivik habe erklärt, es gebe «zwei weitere Zellen in unserer Organisation», sagte Untersuchungsrichter Kim Heger am Montag in Olso.

Der 32-Jährige habe in seiner Anhörung den Mord an 76 Menschen gestanden, sich aber für unschuldig erklärt, sagte Heger. Er ordnete für Behring Breivik acht Wochen Untersuchungshaft und zusätzlich einen Monat Kontaktsperre an.

«Das Ziel des Attentats war es, ein kräftiges Signal an das Volk zu senden», zitierte der Richter den Attentäter.

Keine Bühne für den Attentäter

Der Beschuldigte habe der Arbeiterpartei die grösstmöglichen Verluste zufügen wollen, sagte Heger. Die Partei deformiere die norwegische Kultur und importiere massenweise Muslime, habe Behring Breivik gesagt. Sie habe Volk und Land verraten und müsse dafür büssen.

«Die Motive des Beschuldigten erachtet das Gericht nicht weiter als erörterungswürdig», schloss der Richter seine Ausführungen. Zuvor hatte er die Öffentlichkeit vom Haftprüfungstermin ausgeschlossen. Behring Breivik hatte erklärt, die Motive für seinen Doppelanschlag der Öffentlichkeit darlegen zu wollen.

Mit der Kontaktsperre solle Behring Breivik die Möglichkeit genommen werden, die Ermittlungen zu behindern, nachdem er von der Existenz zweier Zellen seiner Organisation gesprochen habe, sagte Heger. Behring Breivik wird zudem von einem Psychiater auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht, wie Polizeiankläger Christian Hatlo sagte.

Schweigeminute in Nordeuropa

Als der Polizeiwagen mit Behring Breivik beim Gericht vorfuhr, schlugen Passanten auf die Scheiben und schrien «verdammter Verräter». Am Mittag stand das öffentliche Leben in Norwegen still. In Oslo hatten Trauernde einen Platz in einen Blumenteppich im Gedenken an die Opfer verwandelt.

Vom Oslo-Fjord bis zum Nordkap schlossen sich Menschen einer Schweigeminute an. Am öffentlichen Gedenken beteiligten sich auch Schweden, Dänemark, Island und Finnland. Auch die EU-Kommission und der Europarat hielten für eine Schweigeminute inne.

Trauerkundgebungen im ganzen Land

Am Montagabend nahmen dann in Oslo etwa 150 000 Menschen an einer Trauerkundgebung teil. Diese Zahl beruhte auf Schätzungen der Nachrichtenagentur NRK. Die Polizei machte keine genauen Angaben, sprach aber von einer «riesigen» Teilnehmerzahl. Viele der Teilnehmer hielten Rosen in den Händen.

«Heute Abend sind die Strassen voller Liebe», rief Kronprinz Haakon den Menschen zu. Seine Frau Mette-Marit hatte Medienberichten zufolge auf Utøya einen Stiefbruder verloren. Auch in anderen Städten des Landes wurden Trauerkundgebungen abgehalten.

Mordpläne gegen Harlem Brundtland

Behring Breivik hatte seine Tat minuziös und monatelang vorbereitet. In einem Internettagebuch und in einem 1500-seitigen «Manifest» hat der Rechtsextremist sich als Kämpfer gegen eine Islamisierung stilisiert. Die Erwähnungen sind oft allgemein gehalten, etwa im Zusammenhang mit der verstärkten europäischen Integration.

Allerdings gibt es indirekt Drohungen im Dokument. Bei seinen polizeilichen Vernehmungen soll Behring Breivik auch Mordpläne gegen die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland gestanden haben, wie die Zeitung «Aftenposten» berichtete.

Brundtland ist eine Symbolfigur der Sozialdemokratie und geniesst auch international hohes Ansehen. Sie hatte beim Ferienlager des Parteinachwuchses am Freitag eine Rede gehalten, die Insel aber bereits vor der Ankunft des Attentäters verlassen.

(sda/dapd)

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