Missbrauchsskandal in den USA: Geheimpapiere entlasten den Papst

Aktualisiert

Missbrauchsskandal in den USAGeheimpapiere entlasten den Papst

Von US-Medien wird der Papst kritisiert, er habe in den 90er Jahren als damaliger Präfekt der Glaubenskongregation nichts gegen einen Priester in den USA unternommen, der Jahrzehnte zuvor gehörlose Jungen missbraucht haben soll. Nun belegen Dokumente, dass eigentlich die Nummer zwei im Vatikan die Vorfälle vertuscht hat.

Die Online-Ausgabe der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» ortet die Schuld beim damaligen Sekretär der Glaubenskongregation, dem heutigen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Dieser und nicht Joseph Ratzinger habe im Jahr 1988 die Aufklärung des Falls um den US-Priester Lawrence Murphy gebremst, berichtete «Die Zeit» unter Berufung auf Vatikan- Dokumente.

Die Vertuschung wird aus dem Briefwechsel zwischen dem Vatikan und dem damals für die Ermittlungen zuständigen Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland, klar ersichtlich. Weakland wusste, dass Pater Murphy, der eine katholische Gehörlosenschule leitete, zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 Kinder sexuell missbraucht hatte, unter anderem auch während der Beichte.

Nach den inzwischen im Internet zugänglichen Dokumente war das Hilfeersuchen des ermittelnden US-Erzbischofs im Fall Murphy an Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, gerichtet. Doch der Fall wurde offenbar von seinem Stellvertreter Bertone gehandhabt, wie inzwischen auch der Vatikan bestätigte.

Bertone schreitet ein

Die «New York Times» hatte im März den Fall aufgebracht und Joseph Ratzinger, den heutigen Papst, als Verantwortlichen genannt. In einem vertraulichen Brief vom 6. April 1998 an den zuständigen Erzbischof der Diözese von Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin machte allerdings Tarcisio Bertone höchstpersönlich deutlich, dass der Vatikan von einem Kirchenprozess gegen den geständigen Täter abriet.

Der beschuldigte Priester wurde damals aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes, seines hohen Alters sowie seiner «friedlichen» Lebensführung im Priesterstand belassen. Diese Argumente habe Bertone sich in seinem Schreiben zu eigen gemacht, schreibt «Die Zeit» weiter.

«Strengste Geheimhaltung»

Weder der US-Erzbischof noch die Vertreter katholischer Gehörloser zeigten sich mit dem Entscheid des Vatikans zufrieden, Murphy in seinem Priesterstand zu belassen - am 30. Mai 1998 kam es zu einem Krisengipfel in Rom. In dem Protokoll des Treffens, bei dem Bertone den Vorsitz führte, heisst es: «Bezüglich der Möglichkeit eines kanonischen Prozesses wegen des Verbrechens der Belästigung in der Beichte lenkt der Sekretär die Aufmerksamkeit auf einige Probleme, die ein Verfahren aufwerfen».

Bertone habe seine nach Rom gereisten Bischofskollegen aus den Vereinigten Staaten gewarnt vor der «immanenten Schwierigkeit, ein solches Verbrechen in einem Verfahren zu ahnden, dessen Durchführung in strengster Geheimhaltung erfolgen muss». Der spätere Kardinal habe überdies darauf verwiesen, «die Schwierigkeit, Beweise und Zeugen beizubringen, ohne den Skandal zu vergrössern». Zusammenfassend habe Bertone auf die Schwierigkeiten hingewiesen, «die durch eine Verfolgung dieses Falles entstehen würden».

Für den ermittelnden Erzbischof Weakland waren Bertones Anweisungen sehr klar: «Ich habe meinen Justiziarvikar angewiesen, das Verfahren förmlich zu beenden, das gegen Pater Murphy begonnen worden war», schrieb er ihm am 19. August 1998 als Antwort zurück.

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