Aktualisiert 26.07.2010 12:03

Alptraum AfghanistanGeheimpapiere zeigen miserable Lage

Gegen 91 000 geheime US-Militärberichte über den Krieg in Afghanistan werden im Internet veröffentlicht. Washington ist verärgert.

Die auf Enthüllungsgeschichten spezialisierte Website Wikileaks hat mit der Veröffentlichung von über 91 000 teils geheimen Dokumenten zum Afghanistan-Krieg für Furore gesorgt. Die Unterlagen zeigen die zusehends schlechte Lage für die USA und ihre Verbündeten.

Die Dokumente aus dem Zeitraum von 2004 bis 2010 zeichneten ein «düsteres Bild» von der Lage am Hindukusch, berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel», welches die Dokumente nach eingehender Prüfung auf ihre Authentizität übernahm und am Sonntagabend zeitgleich mit der «New York Times» und dem britischen «Guardian» ins Internet stellte.

Die brisanten Dokumente wurden dem Internetportal Wikileaks von unbekannter Seite zugespielt. Wikileaks-Gründer Julian Assange erklärte, das gesamte Material sei vor der Veröffentlichung daraufhin überprüft worden, ob durch Details Soldaten im Afghanistan-Einsatz oder deren Verbündete in Gefahr geraten könnten.

Wikileaks wiederum gab das Material vor wenigen Wochen an die drei Medien anderen weiter. Laut «Spiegel zeichnen die Einsatzberichte und Dokumente aus dem US-Verteidigungsministerium aus unmittelbarer Sicht der Soldaten ein «ungefiltertes Bild des Krieges».

Laut «Spiegel» macht eine US-Eliteeinheit namens Task Force 373 in Afghanistan gezielt Jagd auf mutmassliche Taliban und andere Aufständische. «Oft wird den Jägern überlassen, ob sie die Zielpersonen festsetzen oder töten», schreibt das Nachrichtenmagazin auf seiner Website. Dabei komme es immer wieder zu verheerenden Irrtümern: So gehe aus einem Bericht vom 17. Juni 2007 hervor, dass bei einem Raketenangriff auf eine Koranschule anstelle eines gesuchten Al-Kaida-Funktionärs sieben Kinder getötet worden seien.

Immer schlechter

Die afghanischen Sicherheitskräfte würden in den Unterlagen «als hilflose Opfer» von Anschlägen der radikalislamischen Taliban beschrieben. Zudem zeigten die Dokumente, dass der Krieg im Norden des Landes, wo die Bundeswehr stationiert ist, immer bedrohlicher werde.

Für den Norden Afghanistans gibt es demnach zahlreiche sogenannter «Threat Reports», Bedrohungsszenarien und konkrete Warnungen vor bevorstehenden Anschlägen. Aus den Meldungen gehe anschaulicher als aus den Informationen der Bundesregierung an den Bundestag hervor, dass die Sicherheitslage in der Region immer schlechter werde, berichtete der «Spiegel».

Die «New York Times» berichtet, die Protokolle lieferten zahlreiche neue Belege für den Verdacht, dass die Taliban und Al Kaida Unterstützung aus pakistanischen Geheimdienstkreisen erhielten. So werde in einem Bericht vom Januar 2009 ein Treffen eines früheren Geheimdienstchefs mit Aufständischen in der pakistanischen Stammesregion Süd-Waziristan beschrieben. Bei diesem Treffen habe Generalleutnant Hamid Gul, der von 1987 bis 1989 an der Spitze des pakistanischen Geheimdienstes ISI stand, mit den Aufständischen einen Anschlag zur Vergeltung für den Tod eines pakistanischen Al-Kaida-Funktionärs ausgeheckt.

Washington verärgert

Das Weisse Haus reagierte verärgert auf die Enthüllungen. Diese könnten «das Leben der Amerikaner und ihrer Partner gefährden und unsere nationale Sicherheit bedrohen», sagte der Nationale Sicherheitsberater James Jones.

Der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, bezeichnete die Veröffentlichung der Geheimdokumente als «unverantwortlich», da sie nicht die «tatsächlichen Gegebenheiten» widerspiegelten.

Die USA, Afghanistan und Pakistan seien «strategische Partner», die militärisch wie politisch das Terrornetzwerk Al-Kaida und dessen Verbündete der Taliban bekämpfen wollten.

Problematische Verbindungen

Die US-Regierung räumte allerdings ein, dass ihr die Verbindungen des pakistanischen Geheimdienstes zu Aufständischen seit geraumer Zeit Sorgen bereiten.

Das Weisse Haus veröffentlichte als Beleg dafür mehrere Dokumente, unter anderem ein Schreiben von Verteidigungsminister Robert Gates vom 31. März 2009. Diese Kontakte seien eine «echte Sorge» für die USA. Dies sei Pakistan auch direkt mitgeteilt worden, heisst es darin. (sda/dapd)

WikiLeaks-Gründer verteidigt Veröffentlichung von Geheimdokumenten

Der Gründer der auf Enthüllungsgeschichten spezialisierten Internetseite WikiLeaks, Julian Assange, hat die Veröffentlichung zehntausender teils geheimer US-Dokumente zum Afghanistan-Krieg verteidigt. Guter Journalismus sei «von Natur aus» kontrovers.

Guter Journalismus müsse den Missbrauch der Mächtigen aufdecken, sagte Assange der britischen Tageszeitung «The Guardian» vom Montag weiter. Wenn dies geschehe, gebe es immer Gegenreaktionen. Diese «Kontroverse» sei gut, sagte der 39 Jahre alte Australier. Das Weisse Haus hatte die Enthüllungen scharf kritisierst.

Die brisanten Unterlagen waren WikiLeaks von bisher unbekannter Seite zugespielt worden. WikiLeaks wiederum gab das Material vor wenigen Wochen an das Nachrichtenmagazin «Spiegel» sowie die «New York Times» und «The Guardian» weiter.

Die im Dezember 2006 gegründete Internetplattform WikiLeaks will mit der Veröffentlichung von geheimen Dokumenten aus anonymen Quellen Missstände öffentlich machen.

Im April hatte ein von WikiLeaks veröffentlichtes armeeinternes Video der US-Streitkräfte weltweit für Bestürzung gesorgt, das den tödlichen Beschuss irakischer Zivilisten durch einen US- Kampfhelikopter zeigte. Anfang Juni wurde ein US-Soldat festgenommen, der das Video an WikiLeaks weitergereicht haben soll. (sda)

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