Aktualisiert 14.02.2015 10:51

Extremisten desertieren

Gehen dem IS bald die Kämpfer aus?

IS-Kämpfer fliehen aus dem Kalifat und schliessen sich anderen Terrorgruppen an. Das sagen Beobachter in Rakka. Experten spekulieren über einen langsamen Zerfall des Kalifats.

von
cfr
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Am 2. Februar 2015 veröffentlicht BBC-Korrespondent Quentin Sommerville Bilder aus Kobane.

Am 2. Februar 2015 veröffentlicht BBC-Korrespondent Quentin Sommerville Bilder aus Kobane.

Screenshot BBC
Die syrische Grenzstadt liegt in Trümmern, nachdem kurdische Kämpfer und Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) monatelang um sie gekämpft hatten.

Die syrische Grenzstadt liegt in Trümmern, nachdem kurdische Kämpfer und Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) monatelang um sie gekämpft hatten.

Screenshot BBC
Die Kurden befreiten die Stadt - aber mit riesigen Kosten.

Die Kurden befreiten die Stadt - aber mit riesigen Kosten.

«Glaubt man der Propaganda der Terrorgruppe «Islamischer Staat» (IS) könnte man meinen, es handle sich um eine grosse, glückliche Familie, die selbstgerecht Ungläubige abschlachtet, Frauen versklavt, Gefangene enthauptet und am lebendigen Leib verbrennt», schreibt «Daily Beast». «Doch der Schein trügt».

Die Terrorgruppe IS zerfresse sich derzeit regelrecht selbst. Das behauptet zumindest die Organisation «Raqqa is Being Slaughtered Silently» (RBSS), die Berichterstattungen und Beobachtungen aus Rakka, der De-facto-Hauptstadt des sogenannten IS-Kalifats, liefert. Desillusionierte Kämpfer würden den «Islamischen Staat» in Richtung Türkei verlassen und zu anderen Gruppierungen überlaufen, zitiert «Vice News» die Organisation.

«Zahl der Flüchtenden extrem hoch»

So hätten sich einige der Flüchtigen der al-Nusra-Front, einem al-Kaida-Zweig, der im Libanon und Syrien tätig ist, angeschlossen. Viele von ihnen seien vom IS für Selbstmordattentate auserkoren gewesen, so die Organisation gegenüber dem «Independent» – sie fehlten diesem jetzt als Kanonenfutter.

Warum flüchten so viele Kämpfer? Viele von ihnen kämen nach Syrien oder in den Irak und «wissen gar nicht wirklich, worauf sie sich da einlassen, und wollen jetzt wieder weg», sagt Marina Ottaway vom Wilson Center gegenüber «Vice News». «Uns ist bekannt, dass die Zahl der Flüchtenden extrem hoch ist, und der IS zeigt öffentlich, wie hart die Leute bestraft werden, die versuchen, zum Feind überzulaufen. Sie machen sich Sorgen, bald keine Kämpfer mehr zu haben.» Das belegen auch Zahlen ausländischer Kämpfer. So sollen etwa von 600 Extremisten, die bislang aus Deutschland in den Dschihad gefahren sind, ein Drittel bereits wieder zurückgekehrt sein – viele von ihnen traumatisiert oder desillusioniert.

Zu schrumpfenden Mitgliederzahlen komme hinzu, dass die Terrormiliz hohe Verluste erlitten hat, so die «Bild». Die Anti-Terror-Allianz soll in den letzten Tagen heftige Angriffe auf IS-Stellungen geflogen, viele Kämpfer sollen verletzt oder getötet worden sein.

Leise Hoffnung keimt in Rakka auf

Um die Kämpfer daran zu hindern, das Kalifat zu verlassen, hätten die IS-Terroristen jetzt Strassensperren und Checkpoints in Rakka errichtet, wie RBSS berichtet. Erst vor ein paar Wochen hatte die Terrorgruppe etwa 100 ausländische Kämpfer exekutiert, als diese versuchten, aus Rakka zu fliehen, so «AFP».

«In Rakka ist eine innere Unzufriedenheit zu spüren, die zur Aufspaltung und letztendlich zum kompletten Auseinanderfallen der Gruppierung führen könnte», heisst es vonseiten des RBSS. «Hoffnung kehrt zurück und manifestiert sich in den Herzen der übrig gebliebenen Bewohner von Rakka, die darauf warten, dass in der besetzten Stadt bald wieder Freiheit herrscht».

IS verliert seinen Glanz

RBSS spricht auch davon, dass sich «innerhalb der Truppen Angst breitmacht». Die Begeisterung, für den IS zu kämpfen sei schnell dahin, wenn Schlachten verloren würden, sagt auch Scott Stewart vom Think Tank Strafor gegenüber «Vice». Denn erst kürzlich war der IS aus der syrischen Grenzstadt Kobane vertrieben worden.

Das Überlaufen und die Flucht von Kämpfern, der Verlust der nordsyrischen Grenzstadt Kobane und die Luftangriffe der US-geführten Koalition setzten dem IS zu.

Von einem Zerfall der Terrorgruppe zu sprechen – dafür sei es aber noch zu früh, sagt Ottaway gegenüber «Vice News». Der IS habe aber einige Niederlagen hinnehmen müssen und wohl auch viel vom ursprünglichen Ruhm verloren.

Terroristen zwingen Menschen zum Blutspenden

Um ihre verletzten Kämpfer zu versorgen, sollen Mitglieder der IS-Terrormiliz Bewohner in Rakka dazu zwingen, Blut zu spenden. Das berichtet die «Bild» und beruft sich ebenfalls auf die Watchdog-Gruppe «Raqqa is being slaughtered silently». Zuerst hätten die Terroristen zu Blutspenden in Moscheen und auf Strassen aufgerufen. Weil niemand erschien, seien sie vor einigen Tagen dazu übergegangen, für jeden Behördengang eine Blutspende zu verlangen. Wer behördlich etwas regeln müsste, sei jetzt auch dazu verdonnert, neben den normalen Gebühren 0,5 Liter Blut zu lassen.

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