29.09.2020 12:20

Killer im TrinkwasserGehirnfressende Amöbe tötet 6-Jährigen

Es hätte jeden treffen können: Weil er mit verseuchtem Wasser in Berührung kam, ist der kleine Josiah nun tot. Der Todbringer erreichte ihn wahrscheinlich über die heimische Wasserleitung.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Josiah McIntyre aus Lake Jackson im US-Bundesstaat Texas ist tot. Er starb an den Folgen eines Amöbenbefalls im Gehirn. Auslöser war aller Wahrscheinlichkeit nach der Kontakt mit Hahnenwasser in seinem Elternhaus. 

Josiah McIntyre aus Lake Jackson im US-Bundesstaat Texas ist tot. Er starb an den Folgen eines Amöbenbefalls im Gehirn. Auslöser war aller Wahrscheinlichkeit nach der Kontakt mit Hahnenwasser in seinem Elternhaus.

Twitter.com/DavidGonzKHOU
Auch Tanner Wall zeigte nach einem Bad im See die entsprechenden Krankheitssymptome. Kurz darauf setzte seine Hirnaktivität aus. 

Auch Tanner Wall zeigte nach einem Bad im See die entsprechenden Krankheitssymptome. Kurz darauf setzte seine Hirnaktivität aus.

Screenshot News4JAX/Youtube
Seine Eltern entschieden sich, die lebenserhaltenden Massnahmen zu beenden. Der 13-Jährige starb. 

Seine Eltern entschieden sich, die lebenserhaltenden Massnahmen zu beenden. Der 13-Jährige starb.

Screenshot News4JAX/Youtube

Darum gehts

  • In den USA starb ein Sechsjähriger, weil ein Parasit in sein Gehirn vorgedrungen ist und dieses zersetzte.
  • Die Übertragung der Amöbe fand wohl in seinem Elternhaus statt.
  • Nachdem klar war, dass die Kontamination über das Trinkwasser erfolgte, durfte Hahnenwasser in acht Gemeinden in Texas vorübergehend nur zum Spülen der Toilette verwendet werden.

«Ich will meinen Jungen zurück!» Maria Castillo, die Mutter des sechsjährigen Josiah McIntyre aus Lake Jackson (US-Bundesstaat Texas) kann noch immer nicht wirklich fassen, was ihrer Familie Anfang September 2020 zugestossen ist: Ihr Sohn starb überraschend am 8. des Monats, fünf Tage nachdem er erstmals über Unwohlsein geklagt hatte.

Nachdem sich zu seinen Kopfschmerzen auch Fieber gesellt hatte und er sich mehrfach übergeben musste, hatte Castillo mit ihm den Notfall aufgesucht. Eine Erklärung für die Beschwerden ihres Sohnes bekam sie dort jedoch nicht. Die naheliegendsten Erklärungen konnten ausgeschlossen werden: Die Tests auf Grippe, Covid-19 und Streptokokken fielen alle negativ aus.

Horrordiagnose: Hirnfressende Amöbe

Weil die Symptome nicht besser wurden, suchten Mutter und Sohn schliesslich das Texas Children's Hospital im nahe gelegenen Houston auf. Dort erhielten sie die Horrordiagnose, wie CNN.com schreibt. «Am späten Montagabend oder sehr früh am Dienstagmorgen sagten sie uns, sie glaubten, es sei diese hirnfressende Amöbe», sagte Castillo.

Weitere Untersuchungen bestätigten den Verdacht: Josiah litt an einer primären Amöben-Meningoenzephalitis, jener Krankheit, an der kürzlich erst der 13-jährige Tanner Wall aus Florida verstorben war. Die Infektion wird durch die Amöbe Naegleria fowleri ausgelöst. «Sie erklärten uns die Seltenheit dieser Amöbe und dass es von den wenigen Fällen nur sehr wenige Überlebende gibt und dass es keine Behandlung gibt, erinnert sich die Mutter. Denn gelangen die Parasiten ins Gehirn, zersetzen sie innerhalb kurzer Zeit die Gehirnmasse (siehe Box).

Amöbe im Gehirn

Lange war unklar, was die Parasiten zu einer so zielgerichteten Attacke auf unser zentrales Nervensystem bewegt. Doch im Jahr 2016 vermeldeten pakistanische Forscher im «Journal of Receptors and Signal Transduction», die Lösung gefunden zu haben. Demnach scheint Acetylcholin, ein häufig vertretener Botenstoff der Nervenzellen im Gehirn, als Lockstoff für die Parasiten zu fungieren. Für die Studie hat das Team von der Universität Karachi eine andere Amöbenart untersucht, die den menschlichen Körper über offene Wunden entert: In deren Erbmaterial stiessen sie auf ein Protein, das eine sehr ähnliche Struktur hat wie ein menschlicher Acetylcholinrezeptor. Diesen fanden die Forscher auch bei näherer Betrachtung der Naegleria fowleri vor. Die Forschenden vermuten deshalb, dass sich die gefährlichen Einzeller dank dieses Rezeptors orientieren und immer weiter in die Geweberegionen mit viel Acetylcholin vordringen.

Kam die Amöbe mit dem Trinkwasser?

Offenbar war der Junge mit dem todbringenden Einzeller über das Trinkwasser in Kontakt gekommen. Wo genau, ist derzeit noch unklar. Allerdings fielen bei Untersuchungen der örtlichen Wasserversorgung drei von elf Proben positiv aus. Darunter auch jene, die bei ihm zu Hause genommen worden war.

Die Behörden in Texas sprachen am Freitag für insgesamt acht Gemeinden Warnungen aus, Hahnenwasser für andere Zwecke als die Toilettenspülung zu nutzen, und kündigten an, das öffentliche Wassersystem zu desinfizieren, zu spülen und anschliessend erneut auf den Erreger hin zu untersuchen. Inzwischen sind nur noch die Bewohner der 27’000-Einwohner-Stadt Lake Jackson betroffen. Zwar können auch sie das Leitungswasser wieder benutzen, aber sie sollten es vor dem Trinken abkochen und darauf achten, beim Baden und Duschen kein Wasser in die Nase zu bekommen, so die Behörden.

95 Prozent der Befallenen sterben

Naegleria fowleri kommt überwiegend in Australien und den USA vor. Die Amöbe mag es warm und feucht. Sie breitet sich in wärmeren Gewässern, heissen Thermen und schlecht chlorierten Schwimmbecken aus. In den Meeren ist sie nicht zu finden.

Nur wenn der Einzeller über die Nase aufgenommen wird und ins Gehirn vordringt, wird es gefährlich. In der Regel dauert es ein bis neun Tage, bis sich die Erkrankung zeigt. Zu den ersten Beschwerden gehören heftige Schmerzen an der Vorderseite des Kopfes, Fieber und Übelkeit. Danach folgen Verwirrung, Halluzinationen, ein steifer Nacken und Gleichgewichtsstörungen. Schliesslich verlieren die Betroffenen das Bewusstsein.

Laut einer 2014 veröffentlichten Studie enden mehr als 95 Prozent der bekannten Infektionen tödlich. Allerdings sind mittlerweile einige Fälle dokumentiert, berichtet Spiegel.de, bei denen die Betroffenen die Infektion überstanden, nachdem sie den Wirkstoff Miltefosin bekommen hatten, der eigentlich gegen Leishmaniose eingesetzt wird, die von Sandfliegen übertragen wird (siehe folgende Bildstrecke).

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Nicht nur Naegleria fowleri kann man sich bei Ferien in den betroffenen Gebieten einfangen. Auch andere Krankheiten können aus den Ferien mitgebracht werden. Welche Erreger wo drohen, zeigen die nächsten Bilder. 

Nicht nur Naegleria fowleri kann man sich bei Ferien in den betroffenen Gebieten einfangen. Auch andere Krankheiten können aus den Ferien mitgebracht werden. Welche Erreger wo drohen, zeigen die nächsten Bilder.

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Wohl das häufigste Feriensouvenir sind Darminfektionen. Dazu zählen: Amöbiasis, Ascariasis, Cholera, Cryptosporidiose, Cyclosporiasis, Diphyllobothriasis, Enterobiasis, Giardiasis, Hakenwurmkrankheit, Norovirus-Erkrankung, Reisediarrhö, Shigellen-Ruhr, Strongyloidiasis, Taeniasis.

Wohl das häufigste Feriensouvenir sind Darminfektionen. Dazu zählen: Amöbiasis, Ascariasis, Cholera, Cryptosporidiose, Cyclosporiasis, Diphyllobothriasis, Enterobiasis, Giardiasis, Hakenwurmkrankheit, Norovirus-Erkrankung, Reisediarrhö, Shigellen-Ruhr, Strongyloidiasis, Taeniasis.

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56 Kommentare
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Tubipro

30.09.2020, 12:18

Sie haben die häufigste schwere Infektionskrankheit Tuberkulose vergessen. Dabei steckt man sich durch Tröpfcheninfektion mit einem Bakterium aus Mycobacterium tuberculosis complex an. Tatsächlich geschieht diese Ansteckung meist unbemerkt (über Kontakt mit einer Person die eine offene Tuberkulose/ Lungentuberkulose haben).

Bierbauch

29.09.2020, 16:10

Ein Grund mehr im Ausland nur Bier zu trinken...

Peter

29.09.2020, 16:06

Es ist nicht zu fassen wieviel Kinder hier kommentieren in der Kinderzeitung.