Nati 2015: Gehobene Mittelklasse, aber ohne zweiten Anzug
Aktualisiert

Nati 2015Gehobene Mittelklasse, aber ohne zweiten Anzug

Die Reise nach Wien brachte den erneuten Beweis: Die Schweizer Nati stagniert. Aber sie tut das auf recht ansehnlichem Niveau.

von
Eva Tedesco
Wien

Vladimir Petkovic war am Mittwoch auf der Rückreise aus Wien noch nicht bereit, eine Jahresbilanz zu ziehen. Der Nati-Coach hatte zwar gleich nach dem Spiel begonnen, diverse Statistiken zu wälzen, vertröstete aber auf die kommenden Tage.

Fakt ist, dass die Nati 2015 so erfolgreich war wie nie zuvor: 7 Siege (1 Remis, 2 Niederlagen) hat eine SFV-Auswahl nur 2006 und 2008 geschafft. Aber noch nie hat die Schweiz 24 Treffer in einem Jahr erzielt. Das Ziel, das Erreichen der EM-Endrunde 2016, wurde bereits am zweitletzten Spieltag geschafft. Auch wenn am Ende die Resultate über allem stehen: Die Schweiz hat keinen berauschenden Eindruck hinterlassen. Sie hat spielerisch nur phasenweise das Potenzial offenbart, das in dieser Auswahl schlummert. «Wir dürfen uns nicht verstecken, dürfen uns aber auch nicht überschätzen», hatte Petkovic schon vor dem Spiel gegen Österreich gesagt.

Stocker nutzt Chance erneut nicht

Er hat recht. Die Schweizer Nati gehört zu Europas gehobener Mittelklasse – das tat sie aber schon unter Vorgänger Ottmar Hitzfeld. Das Jahr 2015 machte neben dieser Erkenntnis eines deutlich: Die SFV-Auswahl kann gegen jeden Gegner bestehen. Allerdings nur, wenn alles passt und alle Leistungsträger fit sind.

Diesen Spiegel haben die Schweizer in den Testspielen gegen die Slowakei und Österreich deutlich vorgesetzt bekommen. Der zweite Anzug mit Gelson Fernandes, Valentin Stocker und auch François Moubandje ist durchgefallen. Moubandje kann Ricardo Rodriguez nicht das Wasser reichen. Stocker vermochte seine Chance einmal mehr nicht zu nutzen und sich für die erste Elf aufzudrängen.

Unbestritten ist die Position von Valon Behrami. Spielpraxis hin oder her: Der Aggressivleader (auf und neben dem Platz) ist derzeit unersetzlich, wie auch Granit Xhaka. Der Gladbacher fehlte in Wien verletzungsbedingt – und mit ihm ein Stratege im Mittelfeld. Mit seiner Doublette gegen Österreich hat Haris Seferovic einmal mehr bewiesen, dass er in der Hierarchie der Stürmer ganz oben steht, dicht gefolgt von Breel Embolo und Admir Mehmedi (in der aktuellen Form). In der Top-Elf der Schweizer sicher gesetzt sind auch Xherdan Shaqiri, der in Spielrhythmus- und laune unverzichtbar ist, Yann Sommer und Johan Djourou.

Träume wachsen nicht in den Himmel

Der Stammformation genähert hat sich Michael Lang, er muss sich allerdings hinter Routinier und Weltklassespieler Stephan Lichtsteiner noch gedulden. An Boden verloren hat deshalb Silvan Widmer, der dritte Mann auf der rechten Aussenbahn. Pajtim Kasami ist (noch) keine Alternative zu Granit Xhaka, aber ein Spieler mit Luft nach oben. Stets für eine Einwechslung gut ist Luca Zuffi, der seine Einsatzminuten bislang immer mit seriösen Bewerbungsschreiben zu nützen verstand.

Zusammengefasst heisst das: Im Vergleich zu den Fussball-Grossmächten mangelt es der Schweiz an Breite. Die erste Elf ist top, doch Ausfälle von Leistungsträgern können nicht adäquat ersetzt werden. Das sorgt immerhin dafür, dass die Träume vor einer EM nicht in den Himmel wachsen.

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