Aktualisiert 27.04.2020 16:05

Widersprüchliche Studien

Geht das BAG bei Grosseltern ein Risiko ein?

Kinder können das Coronavirus nicht übertragen, sagt das BAG. Deshalb dürfen Grosseltern sie wieder umarmen. International herrscht darüber kein Konsens.

von
Daniel Graf
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Grosseltern sollen ihre Enkelkinder wieder gefahrlos umarmen können, sagt das BAG.

Grosseltern sollen ihre Enkelkinder wieder gefahrlos umarmen können, sagt das BAG.

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Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder das Coronavirus übertragen könnten.

Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder das Coronavirus übertragen könnten.

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Daniel Koch, Corona-Delegierter des BAG, bekräftigte damit eine Aussage, die übers Wochenende für Aufregung gesorgt hatte.

Daniel Koch, Corona-Delegierter des BAG, bekräftigte damit eine Aussage, die übers Wochenende für Aufregung gesorgt hatte.

keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Daniel Koch vom BAG sorgte mit der Aussage für Aufregung, dass Grosseltern ihre Enkelkinder gefahrlos umarmen können.
  • Diese Aussage bekräftigte er an der Pressekonferenz vom Montag. Von Kindern gehe keine Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus aus.
  • Das sehen renommierte Forscher nicht so klar. Für den deutschen Virologen Christian Drosten ist klar: «Wir haben noch zu wenige Daten, um gesicherte Aussagen über die Ansteckungsgefahr bei Kindern zu machen.»

Daniel Koch bestätigte an der Pressekonferenz vom Montag eine Aussage, die übers Wochenende für viel Aufregung und Verunsicherung sorgte: «Von Kindern bis zu zehn Jahren geht keine Ansteckungsgefahr aus. Es ist deshalb kein Problem, wenn Grosseltern ihre Enkelkinder umarmen.»

Dennoch rät das BAG nach wie vor davon ab, dass Grosseltern Enkelkinder hüten. «Das Problem sind nicht die Kinder, sondern die Eltern», erläuterte Koch. «Wenn wir sagen würden, dass es kein Problem ist, wenn Grosseltern ihre Enkelkinder hüten, würde das mit der Zeit automatisch zu einer Durchmischung der Generationen führen.» Sprich: Die Eltern, welche die Kinder zu den Grosseltern bringen, kämen diesen automatisch wieder näher, was mit einer Ansteckungsgefahr einhergehe.

«Keine Hinweise auf Ansteckungen durch Kinder»

Auch Schutzkonzepte für die Übergabe der Enkelkinder an die Grosseltern hält Koch für keine gute Idee: «Schutzkonzepte wenden wir im professionellen Umfeld an. Für den familiären Rahmen wären Schutzkonzepte komisch. Hier geben wir Empfehlungen ab und diese lautet, dass die Grosseltern derzeit noch darauf verzichten sollen, ihre Enkelkinder zu hüten.»

Raus aus dem Lockdown

So lockert die Schweiz

Am Montag hat die Schweiz erste Lockerungen der Massnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie umgesetzt. So durften Baumärkte und Dienstleister wie Coiffeur- oder Kosmetikstudios wieder öffnen.

Ein zweiter Lockerungsschritt soll am 11. Mai erfolgen. Dann können die obligatorischen Schulen wieder öffnen. Alle Läden und Märkte dürfen ihre Waren verkaufen.

Läuft alles gut, sollen am 8. Juni Mittel-, Berufs und Hochschulen wieder Präsenzveranstaltungen durchführen. Auch Museen oder Zoos sollen wieder aufgehen und das Versammlungsverbot von mehr als 5 Personen nach Möglichkeit gelockert werden.

Koch betonte mehrfach, von den Kindern gehe keinerlei Gefahr aus. Dabei stütze er sich auf Gespräche mit Infektiologen unter den Kinderärzten sowie Spezialisten von Universitäts- und Kinderspitälern. Auch eine neue Studie erwähnte er am Montag: Diese habe Hinweise darauf geliefert, dass kleine Kinder nicht einmal die Rezeptoren hätten, um überhaupt an Covid-19 zu erkranken. Koch sagte: «Es gibt keine Daten, die darauf hinweisen, dass von Kindern eine Ansteckungsgefahr ausgeht.»

Deutscher Virologe widerspricht

Christian Drosten ist der derzeit wohl renommierteste und meist gefragte deutsche Virologe. In einem Interview mit dem ORF vom Freitag wurde er gefragt, ob wir heute wüssten, wie ansteckend Kinder tatsächlich seien. Seine Antwort war klar: «Nein, das wissen wir nicht.» Die Datenlage sei schlicht noch zu dünn, auch nach vier Monaten intensivster Forschung.

Auch die Frage, ob und wie oft Kinder am Virus erkrankten, wird laut Drosten in verschiedenen Studien unterschiedlich beantwortet. So gebe es eine Untersuchung, nach der Kinder sich innerhalb einer Familie genau gleich anstecken würden wie alle anderen auch. Neueste Daten aus Holland würden hingegen zeigen, dass Kinder innerhalb der Familie viel weniger betroffen seien. Drosten sagt im Interview, die Daten aus Holland seien mit grösster Vorsicht zu geniessen, da sie statistisch nicht signifikant seien.

In Deutschland laufen derzeit verschiedene Studien an, um die fehlenden Daten zu sammeln. Deren Autoren sagen in deutschen Medien alle dasselbe: Es gebe zwar Hinweise darauf, dass Kinder nicht die Hauptüberträger sind. Um ausschliessen zu können, dass sie das Virus übertragen können, seien aber noch nicht genügend Daten erhoben worden.

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