Geisel-Mütter appellieren im Fernsehen an Entführer

Aktualisiert

Geisel-Mütter appellieren im Fernsehen an Entführer

Die Mütter der im Irak entführten Ingenieure Thomas Nitzschke und René Bräunlich haben die Kidnapper um Gnade und Barmherzigkeit gebeten.

«Bitte lassen sie Thomas und René frei», sagten die Frauen am Donnerstag in der ARD-»Tagesschau». Der Krisenstab im Auswärtigen Amt setzte unterdessen seine Bemühungen um ihre Freilassung intensiv fort, wie eine Sprecherin mitteilte. In Leipzig nahmen am Abend rund 500 Menschen an einer Mahnwache an der Nikolaikirche teil.

Die Mütter der Geiseln sagten im Fernsehen, ihre Söhne seien unschuldig: «Thomas und René sind ohne politischen Hintergrund in den Irak gereist. Sie hatten nie die Absicht, Ihrem Land zu schaden.» Die Familien der beiden Männer hätten grosse Angst um deren Leben, nachdem sie diese im Fernsehen gesehen hätten. Besonders die Frauen der beiden Geiseln seien in grösster Sorge.

Der Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, sagte am Abend, schon im Jahr 1989 habe man an dieser Stelle die Kraft der Gebete, Mahnwachen und Demonstrationen gespürt, die schliesslich die Wende eingeleitet hätten. Der Chef der Entführten, Cryotec-Geschäftsführer Peter Bienert, sagte, man habe viele persönliche und geschäftliche Freunde im Irak. Er hoffe, dass diese helfen könnten, die Freilassung seiner Mitarbeiter zu erreichen. «Wenn Dialogbereitschaft bei den Entführern zu erkennen ist, haben wir den ersten Schritt geschafft», sagte Bienert.

Der Grünen-Politiker Ludger Volmer rechtfertigte die zurückhaltende Informationspolitik der Bundesregierung. Zu viel Berichterstattung oder der Eindruck von Kollegialität könne die Arbeit von Vermittlern gefährden und zunichte machen, sagte der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt. Die Öffentlichkeit habe zwar das Bedürfnis, informiert zu werden, fügte Volmer hinzu. «Aber man kann sagen: 'Feind hört mit'.» Geiselnehmer mit politischem Hintergrund hätten vermutlich auch Verbindungsleute, die das Medienecho in Deutschland genau beobachteten.

Die Muslime in Leipzig verurteilten unterdessen die Verschleppung der Ingenieure aufs Schärfste und forderten deren Freilassung. «Solche Handlungen sind in unserer Religion verboten», sagte Hassan Dabbagh, Imam der Al-Rahman Moschee, der AP. Er werde dieses Thema beim Freitagsgebet wieder ansprechen. Dabbagh appellierte an die Geiselnehmer, die beiden jungen Männer frei zu lassen. Er erinnerte daran, dass sich die Leipziger zu 90 Prozent und die Deutschen insgesamt zu mehr als 80 Prozent gegen den Irak-Krieg ausgesprochen hätten.

Nervenkrieg zwischen Regierung und Entführern

Nitzschke und Bräunlich waren in der vergangenen Woche in der Raffineriestadt Beidschi entführt worden. Am Dienstag meldeten sich die Entführer erneut zu mit einem Video und forderten die Bundesregierung ultimativ auf, ihre Forderungen zu erfüllen. Andernfalls würden die Geiseln getötet.

«Mit dem neuen Video ist ein Nervenkrieg zwischen den Entführern und der Bundesregierung entfesselt worden», sagte der Terror-Experte Rolf Tophoven am Donnerstag der AP. Die Kidnapper bauten mit der Stellung eines Ultimatums einen enormen Druck auf und bezögen dafür die Medien mit ein. Nach seiner Aussage gab es zwar in der Vergangenheit immer wieder Entführungen, bei denen Fristen verlängert worden seien. «Aber die Lage hat sich deutlich verschlimmert.» Eine Befreiungsaktion sei nach jetzigem Stand unrealistisch, weil Informationen fehlten. (dapd)

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