Negativzinsen: Geld bezahlen statt Zinsen kassieren

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NegativzinsenGeld bezahlen statt Zinsen kassieren

Grosse Banken in Nordamerika verlangen jetzt Geld, wenn ihre Kunden Schweizer Franken parkieren wollen. Das hilft theoretisch der Nationalbank im Kampf gegen den teuren Franken.

von
Balz Bruppacher
Mit Negativzinsen hatte sich die Schweiz in früheren Jahrzehnten gegen den Zustrom ausländischer Gelder gewehrt.

Mit Negativzinsen hatte sich die Schweiz in früheren Jahrzehnten gegen den Zustrom ausländischer Gelder gewehrt.

Wer Geld auf die Bank trägt, erhält normalerweise etwas dafür. Die Staatsschuldenkrise rüttelt auch an diesem Grundsatz. Laut Berichten der Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters sind führende Depotbanken in den USA und in Kanada dazu übergegangen, auf Einlagen in Schweizer Franken und dänischen Kronen Negativzinsen zu verlangen.

Genannt werden die Banken State Street, Royal Bank of Canada, Bank of New York Mellon und Euroclear. Verlangt wird ab einer bestimmten Höhe der angelegten Gelder – zum Beispiel 100 000 Franken – eine Gebühr von 0,25 bis 0,75 pro Jahr. Heisst das, dass wir auch bald in der Schweiz etwas zahlen müssen, wenn wir Bar-Einlagen in Franken bei der Bank deponieren? Eher nicht, meinen Währungsexperten, auch wenn ein Domino-Effekt nicht ganz ausgeschlossen wird.

Kunden lassen sich sicheren Hafen etwas kosten

«Bisher scheint es sich um ein isoliertes Phänomen amerikanischer Banken zu handeln», sagt Constantin Bolz, Devisenmarktstratege bei der UBS. Er erklärt sich dies mit der besonderen Situation dieser Institute: Sie bieten seit vielen Jahren Schweizer-Franken-Konten an, können die dort parkierten Gelder aber nicht oder nur zu sehr ungünstigen Konditionen für die Kreditgewährung einsetzen.

Das heisst, diese Banken verdienen mit den Frankenguthaben kein Geld mehr und können somit auch keine Zinsen auf diese Guthaben zahlen. Weil der Franken und die dänische Krone in der Schuldenkrise als sicherer Hafen gelten, sind Investoren bereit, für solche Anlagen sogar etwas zu bezahlen. Davon profitiert zum Beispiel auch der Bund: Mit der kurzfristigen Geldaufnahme verdient die Eidgenossenschaft seit über einem Jahr Geld, statt dass sie Zinsen bezahlen muss.

Bei der SNB im Giftschrank

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wollte sich nicht zur Entwicklung bei den amerikanischen Banken äussern. «Zu Beziehungen zwischen Geschäftsbanken und ihren Kunden äussern wir uns nicht», sagte ein SNB-Sprecher. Negativzinsen gehören zu jenem Instrumentarium, mit dem sich die Schweiz in früheren Jahrzehnten gegen den Zustrom ausländischer Gelder gewehrt hatte. Diese Waffe blieb bisher aber im Giftschrank. Zum einen ist ihre Wirkung umstritten. Zum anderen setzt die Nationalbank mit dem Euro-Mindestkurs bereits seit über einem Jahr schweres Geschütz gegen die Aufwertung des Frankens ein.

Erhalten die Schweizer Währungshüter nun von den US-Banken Schützenhilfe? Kaum, lautet die vorläufige Antwort. Zwar sorgten die ersten Meldungen über die Negativzinsen auf Frankenguthaben in der Nacht auf Dienstag für einen kurzen Höhenflug Euro bis gegen 1.2150 Franken. Inzwischen ist die Einheitswährung auf rund 1.21 Franken zurückgefallen.

Negativzinsen: nur kleine Abschreckung

Der UBS-Experte Bolz bezweifelt aus drei Gründen, dass die von den US-Banken erhobenen Negativzinsen den Frankenkurs dauerhaft beeinflussen. Erstens muss ein minimaler Negativzins einen verängstigten Investor nicht davon abhalten sein Geld weiterhin in Schweizer Franken zu parkieren. Zweitens dürften die betroffenen Franken-Volumen zu niedrig sein. Und drittens kann nur eine Lösung der Probleme in der Eurozone die Kursverhältnisse nachhaltig verändern.

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