Unter Quarantäne: Gemeinden bereiten sich auf Engpässe vor
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Unter QuarantäneGemeinden bereiten sich auf Engpässe vor

Wer unter Quarantäne gestellt wird, darf nicht mehr einkaufen gehen. Stadt- und Landgemeinden bereiten sich unterschiedlich darauf vor.

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dgr
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Wer möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert wurde, muss zu Hause bleiben. Die Menschen dürfen das Haus auch nicht mehr verlassen, um einzukaufen. Die Gemeinden bereiten sich deshalb darauf vor, die Menschen in Quarantäne mit Lebensmitteln zu versorgen.

Wer möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert wurde, muss zu Hause bleiben. Die Menschen dürfen das Haus auch nicht mehr verlassen, um einzukaufen. Die Gemeinden bereiten sich deshalb darauf vor, die Menschen in Quarantäne mit Lebensmitteln zu versorgen.

Keystone/Gaetan Bally
Schweizer tätigen Hamsterkäufe, um sich auf die Ausbreitung des Coronavirus vorzubereiten (Bild: Gestelle im Coop im Seewenmarkt, Kanton Schwyz).

Schweizer tätigen Hamsterkäufe, um sich auf die Ausbreitung des Coronavirus vorzubereiten (Bild: Gestelle im Coop im Seewenmarkt, Kanton Schwyz).

Leser-Reporter
Auch bei den Onlineshops schlagen die Konsumenten mehr zu als sonst. So etwa im Leshop der Migros.

Auch bei den Onlineshops schlagen die Konsumenten mehr zu als sonst. So etwa im Leshop der Migros.

Keystone/Peter Klaunzer

Mehr als 100 Menschen stehen in der Schweiz wegen des Coronavirus unter Quarantäne: Sie dürfen das Haus nicht verlassen und müssen sich in geschlossenen Räumen aufhalten. Doch was, wenn die Vorräte im Haus nicht ausreichen? «Verhungern muss sicher niemand, die Gemeinde ist dafür zuständig, die Betroffenen bei Engpässen zu versorgen», sagte kürzlich Gundekar Giebel, Mediensprecher der Berner Gesundheitsdirektion, anlässlich einer Pressekonferenz.

In Biel mussten 54 Menschen unter Quarantäne gestellt werden. Laut Julien Steiner, Vizestadtschreiber von Biel, war die Anordnung der Quarantäne eine Massnahme des Kantons: «Deshalb ist auch der Kanton in Kontakt mit den Menschen und für ihre Versorgung zuständig.» Die Stadt Biel sei derzeit dabei, Massnahmen zu erarbeiten, falls das Virus sich ausbreiten sollte: «Wenn es nötig wird, können wir uns auf die Hilfe von Führungsorganen wie dem Zivilschutz verlassen», sagt Steiner.

«Versorgung könnte auch aus der Luft vorgenommen werden»

In der aargauischen Gemeinde Spreitenbach befinden sich derzeit 70 Personen in Quarantäne. Renate Gautschy ist Präsidentin der Gemeindeammänner-Vereinigung des Kantons Aargau. Sie sagt, in erster Linie sei jeder Einzelne mit seinem privaten Umfeld für seine Versorgung zuständig. «Wenn es Leute gibt, die sich an die Gemeinde wenden, dann schauen wir mit Privaten oder Gemeindeorganisationen, wie wir die Versorgung sicherstellen können.» Bezahlen müssten alle Leute ihren Unterhalt und die Dienstleistungen grundsätzlich selber.

«Welches Ausmass das Coronavirus in der Schweiz noch annehmen wird, wissen wir derzeit nicht», sagt Gautschy. Sie glaubt aber kaum, dass im äussersten Fall nur einzelne Gemeinden ein Problem haben werden: «Die Gemeinden sind deshalb in engem Austausch mit dem Kanton und der Kanton mit dem Bund. Notfalls könnten Verpflegung und medizinische Versorgung auch aus der Luft vorgenommen werden», sagt Gautschy. Sie betont aber: «Derzeit ist es wichtig, dass wir Ruhe bewahren, die Weisungen befolgen und nicht auf Panik machen.»

«Gemeinden versorgen nur, wenn alle Stricke reissen»

Jörg Kündig, Präsident des Gemeindepräsidentenverbands Zürich, kann sich vorstellen, dass es Unterschiede gebe im Umgang mit dem Thema zwischen städtischen und ländlichen Gemeinden: «In ländlichen Gemeinden kennen sich die Menschen, dort ist die Nachbarschaftshilfe möglicherweise wirksamer.» In der Stadt würden wohl eher Freiwilligendienste oder die Lieferservices von Grossverteilern genutzt werden.

Kündig betont: «Alle Gemeinden verfügen über eine Pandemieplanung. Die aktuelle Entwicklung ist aber noch weit von einem solchen Szenario entfernt.»

Gemeinderat geht notfalls selber einkaufen

Unbürokratisch soll es im bernischen Allmendingen im Notfall zugehen. Alfred Jost, Gemeindepräsident der Landgemeinde mit knapp 600 Einwohnern, hat die Thematik mit den zuständigen Stellen besprochen: «Wir hoffen natürlich, dass es das Virus nicht bis in unser Dorf schafft. Trotzdem müssen wir darauf vorbereitet sein, Familien in der Quarantäne mit den notwendigen Gütern zu versorgen.» In einer solchen Situation würden die Familien zuerst versuchen, Lebensmittel und andere Vorräte über die Lieferservices von Coop oder Migros zu bestellen. «Sollte das nicht mehr möglich sein, wäre der Gemeinderat in der Pflicht, die Familien zu versorgen», sagt Jost.

Dieser würde dann telefonisch mit den betroffenen Familien Kontakt aufnehmen und den Bedarf abklären. «Mitglieder des Gemeinderates oder der entsprechenden Kommissionen erledigen dann die Einkäufe und bringen sie den Familien nach Hause», sagt Jost. Bezahlen müssten die Einkäufe die Familien, die sie benötigen. Jost ist überzeugt: «Sollten plötzlich mehrere Familien ihr Haus nicht mehr verlassen dürfen und die Behörden mit den Aufgaben überfordert sein, können wir in Allmendingen auf die Solidarität der Einwohner zählen.» Auch mit der Hilfe des Zivilschutzes kann die Gemeinde laut Jost rechnen, sollte sich das Virus ausbreiten und mehr Menschen in die Quarantäne müssen.

«Grundsätzlich wird von der Eigenverantwortung ausgegangen»

Daniel Bichsel, Präsident des Verbands Bernischer Gemeinden, sagt indes: «Bei Quarantänen ist es so, dass grundsätzlich von der Eigenverantwortung der betroffenen Personen ausgegangen wird.» Die Stelle, die die Quarantäne anordne, biete bei fehlender Unterstützung das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) auf, das die betroffenen Personen versorge. Die Gemeinden würden nur «in ganz speziellen Fällen, wenn alle Stricke reissen, Unterstützung gewähren». Auch Bichsel bekräftigt aber: «Wenn in Ausnahmefällen die Versorgung nicht durch Dritte erfolgt, lässt die Gemeinde sicher niemanden verhungern.»

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