Aktualisiert 21.10.2016 07:38

Sexismus im Zürcher Parlament«Gemeinderat fasste mich an intimen Stellen an»

Sexuelle Belästigung, herablassende Sprüche und grapschende Gemeinderäte: Laut SP-Politikerin Simone Brander ist Sexismus im Stadtzürcher Parlament keine Seltenheit.

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jen

Sp-Gemeinderätin Simone Brander spricht über den Sexismus im Gemeinderat (Video: jen)

Frauen seien durch naives Verhalten an Vergewaltigungen mitschuldig: Dieses Statement von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler sorgte für einen Shitstorm. Reaktionen von Verteidigerinnen der Frauenrechte liessen nicht lange auf sich warten. Es kam zu einer Grundsatzdebatte über Sexismus und sexuelle Belästigung in der Gesellschaft.

Nach und nach enthüllten diverse Politikerinnen — so beispielsweise SP-Nationalrätin Mattea Meyer oder Ex-Nationalrätin Aline Trede (Grüne) — ihre Erfahrungen mit Sexismus im Bundeshaus.

Herablassende Sprüche

Nun schaltet sich auch die Stadtzürcher SP-Gemeinderätin Simone Brander, die eigentlich für Verkehrsthemen zuständig ist, in die Debatte ein. Im «Tagblatt der Stadt Zürich» schrieb sie, dass es auch im Gemeinderat Sexismus und sexuelle Belästigungen gebe: «Zahlreiche Kolleginnen können davon ein Lied singen, und trotzdem ist Sexismus noch ein Tabuthema», sagte sie zu 20 Minuten. «Deshalb kann man gar nicht genug darüber sprechen.»

Auch die 38-Jährige spricht aus Erfahrung – so sei es schon vorgekommen, dass sie an einem Gemeinderatsapéro begrapscht worden sei: «Es war sehr unangenehm. Er hat mich umarmt und an intimen Körperstellen angefasst», sagt sie. Um welchen Gemeinderat es sich handelt, möchte sie nicht sagen.

Frauen gehen bei Debatten vergessen

Aber der Sexismus äusserst sich im Stadtzürcher Parlament, in dem der Frauenanteil gerade mal ein Viertel beträgt, laut Brander auch auf andere Weise: «Es ist ein alltägliches Phänomen, dass Frauen sich herablassende Sprüche gefallen lassen müssen.» So äusserte sich ein Gemeinderat auf Facebook, dass er Frauen helfen könne, die ein eigenes Zimmer wollen. «Es nennt sich hier bei mir Küche», schrieb er.

Es komme aber auch wöchentlich vor, dass bei Debatten Frauen vergessen gehen: «Sie werden in den politischen Diskussionen nicht erwähnt oder beachtet», sagt Brander. Als Frau fühle sie sich dann fehl am Platz, ja gar unwillkommen. Auch in Sitzungen von Kommissionen mit kleinem Frauenanteil hat sich Brander schon über das Machogehabe geärgert. «Da sich Frauen häufig sachlicher äussern, kommen sie weniger zu Wort.»

Sprachliche Unkorrektheiten

Gemeinderatspräsident Roger Bartholdi (SVP) bestätigt, dass es durchaus vorkommt, dass Frauen in Diskussionen oder Voten von Männern ausgeschlossen wurden: «In einem Fall habe ich interveniert, als ein Gemeinderat nur die männliche Form in seinem Votum verwendet hat», sagt er.

Dies seien aber Ausnahmefälle. Bei solchen Vorkommnissen weise der Gemeindepräsident den Politiker jeweils am Schluss seines Votums auf die Unkorrektheit seiner Äusserung hin. Ein sexueller Übergriff wäre aber laut Bartholdi absolut inakzeptabel und müsste geahndet werden: «Bisher ist mir aber kein solcher Fall zugetragen worden.»

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