Quebec: Gemeinsamer Protest: Muslime, Juden und Sikhs

Aktualisiert

QuebecGemeinsamer Protest: Muslime, Juden und Sikhs

Die kanadische Provinz Québec will das Zurschaustellen religiöser Symbole wie das Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten. Religions-Vertreter gehen auf die Barrikaden.

von
Benjamin Shingler
AP

Von ausserhalb wird Québec meist nur wahrgenommen als französischsprachige Enklave im englischsprachigen Kanada. Doch jetzt steht ein ganz anderes Thema im Mittelpunkt: die Religionsfreiheit.

Die Regierung Québecs will eine säkulare Gesellschaft durchsetzen und deshalb Beschäftigten im öffentlichen Dienst religiöse Kopfbedeckungen am Arbeitsplatz verbieten - etwa die Kippa oder das Kopftuch. Doch gibt es dagegen heftigen Protest, und das nicht nur von religiöser Seite.

Muslime, Juden und Sikhs gemeinsam

Die Provinzhauptstadt Montreal erlebte in den vergangenen Wochen mehrfach ein Ereignis von Seltenheitswert: Tausende Muslime, Juden und Sikhs gingen gemeinsam auf die Strasse. Sie alle forderten für sich das Recht, weiterhin mit Kopftuch, Kippa oder Turban an ihrem Arbeitsplatz erscheinen zu dürfen. «Ich möchte das tragen, was ich will», sagte die Studentin Saara Khan. «Ich sehe nicht ein, warum mir jemand vorschreiben will, was ich auf dem Kopf zu tragen habe oder nicht.»

Die von der Provinzregierung im September vorgestellte «Charta der Werte» zielt vor allem auf die Kopfbedeckungen, während Ketten und Ohrringe mit religiösen Symbolen auch bei öffentlich Bediensteten weiter erlaubt bleiben sollen. Nach Darstellung der regierenden Parti Québécois soll die Charta zu Neutralität und Gleichberechtigung beitragen. «In einer multikulturellen Gesellschaft sind Regeln und gemeinsame Werte notwendig», erklärte der zuständige Minister Bernard Drainville.

«Egal, wie ihr eure Religion ausübt»

Kritiker werfen der PQ allerdings vor, mit der Charta Fremdenfeindlichkeit zu schüren, insbesondere in ländlichen Gebieten. Der Partei wird ausserdem unterstellt, die Werte-Charta zur Mobilisierung ihrer Anhänger zu nutzen, um ihren Platz in der politischen Landschaft zu festigen. Die PQ, die sich für ein separatistisches Québec einsetzt, stellt eine Minderheitsregierung in der Provinz, in der 8,1 Millionen Menschen leben. Um die Charta im Parlament durchzusetzen, ist die PQ auf die Stimmen anderer Parteien angewiesen.

Die kanadische Bundesregierung in Ottawa hat angekündigt, sie werde juristisch gegen jegliche Änderung der derzeitigen Rechtslage vorgehen. Das Parlament von Ontario, einer Nachbarprovinz von Québec, hat eine Protestnote verabschiedet, und der muslimische Bürgermeister der Stadt Calgary im Westen Kanadas, Naheed Nenshi, lud Angehörige religiöser Minderheiten ein, in seine Stadt zu ziehen, denn «uns ist es egal, wie ihr eure Religion ausübt», sagte er.

«Frauen werden zu Hause bleiben»

Auch eine Reihe früherer quebecischer Regierungschefs verurteilte das Vorhaben. Die schärfste Kritik kam allerdings von religiöser Seite. Der katholische Bischof von Québec, Monsignore Pierre-André Fournier, äusserte die Befürchtung, die Charta werde kulturelle Ghettos schaffen. «Die Frauen werden zu Hause bleiben und sich nicht integrieren, die Kinder ebenso», sagte er auf einer Pressekonferenz.

David Ouellette vom Zentrum für israelische und jüdische Angelegenheiten erklärte, der Plan habe die Juden verletzt und beunruhigt. «Die Regierung ist nicht in der Lage zu erklären, auf welcher Grundlage sie solche Einschränkungen von Recht und Freiheit vorschlägt», sagte er. Verunsichert sind auch öffentliche Arbeitgeber: Krankenhäuser haben bereits mitgeteilt, sie würden Ausnahmeregelungen beantragen mit der Begründung, die Charta führe zu innerbetrieblichen Spannungen und habe womöglich die Abwanderung von Arbeitskräften zur Folge.

Kommt auch Kreuz im Parlament weg?

Aber es gibt nicht nur Kritik: Akli Ourdja beispielsweise, Mitglied einer nordafrikanischen Gruppe, die die Charta befürwortet, verweist auf das Beispiel seines Geburtslandes Algerien: Die Vermischung von Politik und Religion habe dort zu Gewaltausbrüchen geführt, betont er. Die Charta sei nicht gegen Einwanderer gerichtet, sie werde im Gegenteil ermöglichen, «dass wir harmonischer zusammenleben».

Auch Michel Lincourt von einem Verband säkularer Menschen begrüsst das Vorhaben. Er will sogar noch weitergehen und das Kreuz entfernen lassen, das im Parlament von Québec hängt. Dessen Schicksal ist ohnehin ungewiss: Im September betonte Minister Drainville, das Kreuz werde im Namen der Geschichte und der Tradition hängen bleiben. Jetzt allerdings berichtete die Tageszeitung «La Presse», die Provinzregierung denke darüber nach, es zu entfernen. Eine Entscheidung stehe noch aus, war zuletzt seitens Drainville zu hören.

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