Raiffeisenbank: Genossenschafter müssen Risiko nicht mehr decken
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RaiffeisenbankGenossenschafter müssen Risiko nicht mehr decken

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz fährt mit seiner Raiffeisen einen riskanten Kurs. Für allfälliges Scheitern standen bisher über 1,8 Millionen Genossenschafter gerade. Nun wird deren Nachschusspflicht gestrichen.

von
Lukas Hässig
Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz muss sich den Spielregeln der übrigen Banken anpassen.

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz muss sich den Spielregeln der übrigen Banken anpassen.

Die Schweizer Raiffeisen-Gruppe ist ein spezielles Konstrukt. Die Zentrale in St. Gallen mit deren bekanntem Chef Pierin Vincenz ist formell eine Tochter der über 300 Raiffeisenbanken im Land. Wie eine Pyramide, die auf dem Kopf steht, ist die Spitze des Verbunds unten und die Masse oben – ähnlich wie beispielsweise bei der Migros.

Aus dem Setup folgt eine weitere Eigenart. Ganz oben auf der umgekehrten Pyramide sitzen die Besitzer der vielen Raiffeisenbanken. Es sind dies die Genossenschafter. Sie halten Anteilsscheine in den Händen und stellen auf diese Weise der dritten Kraft von Swiss Banking das nötige Eigenkapital zur Verfügung. Mit dem Geld können Vincenz und seine Mitarbeiter draussen in den Dörfern und Städten Hypotheken vergeben und KMU-Kredite sprechen.

Migros Bank ist besser kapitalisiert

Insgesamt hat Raiffeisen 1,8 Millionen Genossenschafter. Diese zahlten im Schnitt 5'500 Franken ein. Damit kamen eigene Mittel von rund 10 Milliarden zusammen. Für eine Bank von der Grösse der Raiffeisen ist das soweit gut. In Relation zur Bilanzsumme, also dem Total aller Anlagen und Verpflichtungen, entspricht das Eigenkapital 6 Prozent, doppelt so viel wie bei der UBS und der CS, wo das Handelsgeschäft immer noch gross ist. Die Migros Bank ist mit gut 7 Prozent aber solider kapitalisiert als die Raiffeisen.

Riesige Nachschusspflicht erlaubte grosse Sprünge

Die Raiffeisen hat bisher einen grossen Trumpf in der Hinterhand gehabt. Die unzähligen Genossenschafter – immerhin praktisch jeder vierte Einwohner des Landes gehört zum «Club» – mussten im Fall eines Lochs in der Bilanz frisches Kapital einschiessen. Die sogenannte Nachschusspflicht ist einschneidender, als sich das manch ein Genossenschafter möglicherweise bewusst ist. Jeder Einzelne ist verpflichtet, einen Zuschuss «bis zum Betrag von 8'000 Franken zu leisten», sobald das heute einbezahlte Kapital nicht mehr vollständig gedeckt sei, hält Raiffeisen fest. Und: «Die Nachschusspflicht der Genossenschafter beträgt insgesamt 14,4 Milliarden Franken».

Damit liess es sich für Vincenz & Co. lange gut leben. Die Behörden betrachteten die Verpflichtung als praktisch gleichwertig wie das einbezahlte Eigenkapital. Die spezielle Erlaubnis ermöglichte es den Raiffeisenbanken, im Vergleich zur Konkurrenz mehr Geschäfte einzugehen. Allein die Verpflichtung der Genossenschafter, im Notfall nochmals einige Tausend Franken pro Kopf einzuschiessen, reichte aus, um noch mehr Hypotheken und noch mehr KMU-Kredite zu sprechen.

Fertig lustig

Erst 2012 nützte das viele versprochene, aber nicht einbezahlte Kapital nichts mehr. Die Aufsichtsbehörde in Bern hatte auf diesen Zeitpunkt hin die Regeln für die Raiffeisen- und die Kantonalbanken angepasst. Neu zählte für die Berechnung des benötigten Eigenkapitals nur noch das, was auch wirklich in der Kasse lag. Irgendwelche Verpflichtungen der Eigentümer, in der Krise Gelder nachzuschiessen, waren für die Berechnungen des Regulators nichts mehr Wert.

Das machte es für Vincenz einfach, die Nachschusspflicht der Genossenschafter, die ihm lange zupass gekommen war, jetzt abzuschaffen. Wie die Handelszeitung diese Woche berichtete, soll die Nachschusspflicht der 300 Banken des Verbunds nächstes Jahr beerdigt werden. Der Entscheid ist gefallen, zur Umsetzung braucht es noch formelle Beschlüsse der Generalversammlungen.

Für Vincenz bedeutet die Anpassung an die Spielregeln der übrigen Bankhäuser, dass er anderweitig Kapital beschaffen muss, wenn er weiter wachsen will. Bereits im April hat die Raiffeisen eine spezielle Anleihe im Markt platziert. Für das Geld, das zum Eigenkapital gerechnet wird, musste die Raiffeisen 3 Prozent Zins offerieren. Der Zins wird nach ein paar Jahren dem Markt angepasst. Was bisher gratis und franko war, hat nun einen Marktpreis.

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