Brutaler Schlafzimmerräuber: Geraubt, gequält, geschlampt
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Brutaler SchlafzimmerräuberGeraubt, gequält, geschlampt

Er stieg nachts in Wohnungen, quälte die Bewohner, raubte sie aus – und kommt womöglich ohne Strafe davon. Weil die Solothurner Justizbehörden schlampten.

Die Solothurner Justizbehörden stehen in der Kritik. Wegen eines Formfehlers drohen Straftaten aus den 90er Jahren eines berüchtigten Schlafzimmerräubers zu verjähren. In einem besonders schweren Fall wurde gar nie Anklage erhoben, obwohl eine Frau an den Folgen des Überfalls starb.

Der Kosovare war im September 1995 vom damaligen Solothurner Kriminalgericht in Abwesenheit zu einer Zuchthausstrafe von 15 Jahren verurteilt worden. Er galt als einer der Anführer der Schlafzimmerräuber-Bande, die 1992 im Mittelland nachts bewaffnet in Wohnungen einstieg, die Opfer quälte und ausraubte.

Staatsanwalt liess Anklage fallen

Er wurde unter anderem wegen bewaffneten, bandenmässigen und lebensgefährlichen Raubes in mehreren Fällen verurteilt. Weitere Straftatbestände waren qualifizierte Notzucht sowie Freiheitsberaubung.

Der Staatsanwalt liess am Prozess die Anklage wegen versuchter vorsätzlicher Tötung fallen. Auf der Flucht nach einem Raub in Bettlach SO hatte sich der Kosovare zusammen mit seinem Kumpan den Weg frei geschossen.

Urteil nicht publiziert

Weil das erstinstanzliche Urteil gegen den heute 39-Jährigen nicht im kantonalen Amtsblatt publiziert wurde, ist es nie rechtskräftig geworden, wie die «Weltwoche» in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet. Nach 15 Jahren seien die Raubüberfälle verjährt.

Die Staatsanwaltschaft Solothurn will den Fall daher einstellen, wie sie am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA bestätigte. Die Parteien hätten Gelegenheit, Einsicht in die Akten zu nehmen und Beweisergänzungsanträge zu stellen.

Nach Ablauf der Frist vom kommenden Montag werde die mittlerweile zuständige Staatsanwältin entscheiden, ob sie das Verfahren tatsächlich einstellen wolle. Ein Einstellungsentscheid müsse letztlich vom Oberstaatsanwalt genehmigt werden.

«Mehrere Fehler» eingeräumt

Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat Fehler eingestanden. In diesem Fall sei «wirklich nicht alles optimal gelaufen», sagte Oberstaatsanwalt Felix Bänziger im Regionaljournal Aargau/Solothurn von Schweizer Radio DRS. Bänziger trat sein Amt erst im März an.

Es habe «mehrere Fehler und Missverständnisse» gegeben. Das Versäumnis, das Gerichtsurteil 1995 im Amtsblatt nicht zu publizieren, sei ein «lapidarer Fehler» gewesen, der alleine nicht zur Verjährung führen müsse. So hätte man früher auf eine Auslieferung des Täters aus dem Ausland hinarbeiten können.

Bänziger versprach, die ganze Sache zu analysieren und wenn nötig Lehren daraus ziehen. Die Versäumnisse in diesem Fall könnten nicht alle seinem Vorgänger angehaftet werden.

«Schlafzimmerräuber» in Schweizer Gefängnis

Der Fall soll zu den Akten gelegt werden, obwohl der «Schlafzimmerräuber» die langjährige Zuchthausstrafe von 1995 nie abgesessen hat. Der Kosovare war entweder auf der Flucht oder verbüsste in Deutschland Strafen wegen anderer Straftatbestände.

Im vergangenen Dezember wurde der Kosovare von Deutschland an die Schweiz ausgeliefert (siehe Infobox). Er verbüsst hier in einer Justizvollzugsanstalt eine Strafe, die ein Thurgauer Gericht gesprochen hatte. Diese Straftaten hatte der Mann noch vor den Raubüberfällen im Kanton Solothurn verübt.

(sda)

Keine Anklage trotz Todesfolge

Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat nach einen Raubüberfall, an dem der heute 39-jährige «Schlafzimmerräuber» 1992 in Gerlafingen SO beteiligt gewesen sein soll, bislang keine Anklage erhoben. Eine 84-jährige Frau war geknebelt worden und erstickt.

Das Untersuchungsrichteramt hatte die Tat als qualifizierten Raub mit Todesfolge und Freiheitsberaubung eingeschätzt. «Zu einer Anklageerhebung in diesem Fall kam es indessen nie», hält die Staatsanwaltschaft in einer Stellungnahme ohne Angaben von Gründen fest.

Der damals zuständige Staatsanwalt war Matthias Welter. Nach Kritik in anderen Verfahren und einem Diziplinarverfahren stellte er sich im Mai 2009 dem Kantonsrat nicht mehr der Wiederwahl.

Mysteriöser Gefangenentransport

Im vergangenen Dezember wurde der Kosovare von Deutschland an die Schweiz ausgeliefert. 20 Minuten Online berichtete damals über einen «mysteriösen Gefangenentransport» auf dem Ostschweizer Flughafen Altenrhein. Dass es sich beim Gefangenen um den Solothurner Schlafzimmerräuber handelte, gab die Polizei nicht bekannt.

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