Aktualisiert 06.07.2012 00:27

Diktatoren vor Gericht

Gerechtigkeit für die geraubten Kinder?

Während der argentinischen Militärdiktatur wurden rund 500 Kinder von Regimegegnern ihren Müttern entrissen. Nun standen die Juntachefs vor Gericht.

von
Camilla Landbø, Buenos Aires
Die Ex-Diktatoren Reynaldo Bignone (links) und Jorge Videla beim Prozessauftakt im Februar 2011.

Die Ex-Diktatoren Reynaldo Bignone (links) und Jorge Videla beim Prozessauftakt im Februar 2011.

Unzählige Stunden hat das Plädoyer gedauert. Über fünf Tage hinweg lasen die Staatsanwälte die Verbrechen vor, die während der letzten argentinischen Diktatur begangen worden sind. Begangen von diesen alten Herren, die im Gerichtssaal in Buenos Aires so brav nebeneinander sitzen und irgendwie harmlos, einige von ihnen gebrechlich wirken. Wohl gerade deswegen möchte Staatsanwalt Martín Niklison vor den Richtern nochmals verdeutlichen: «Das sind keine armen Greise, diese Menschen durften straffrei alt werden.»

Der elegant gekleidete 86-jährige Ex-Diktator Jorge Videla hört sich fast regungslos an, wofür man ihn anklagt. Der General furcht die Stirn, als er vernimmt, wie viele Jahre Haft die Staatsanwaltschaft verlangt: 50 Jahre. Insgesamt sitzen in Buenos Aires zehn Männer und eine Frau im «Babyraub-Prozess» auf der Anklagebank. Darunter zwei ehemalige Chefs der Militärjunta: Videla und Reynaldo Bignone. Den Angeklagten wird in 35 Fällen vorgeworfen, politischen Gefangenen ihre Neugeborenen geraubt zu haben. Nebst weiteren sieben Armeeangehörigen müssen sich ein Arzt, der die schwangeren Frauen entbunden hatte, und die Ex-Gattin eines Militärs, die eines der Kinder aufgezogen hat, vor Gericht verantworten.

Spezialbehandlung für Schwangere

Von 1976 bis 1983 herrschte in Argentinien eine gewaltsame Militärdiktatur. Oft in Nacht- und Nebelaktionen wurden mutmassliche Regimegegner – darunter viele Studenten, Gewerkschafter, Künstler und Lehrer – verschleppt, in Geheimgefängnisse gesteckt und gefoltert. Ein Grossteil von ihnen wurde getötet und ihre Leichen zum Verschwinden gebracht. Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 30 000 Ermordeten. Erst seit 2006 werden gegen die Folterer und Mörder der Diktatur wieder Prozesse geführt – nachdem das Oberste Gericht Argentiniens die Amnestiegesetze 2005 aufhob.

Schwangere Frauen erhielten in den geheimen Haftzentren eine Spezialbehandlung. So schonte man sie etwa vor zu harter Folter und verpflegte sie im Vergleich zu anderen Gefangenen besser. Nach der Geburt durften die inhaftierten Mütter ihre Kinder – wenn überhaupt – nur ein paar Tage bei sich behalten und ihnen die Brust geben. Dann nahmen ihnen die Militärs die Babys weg. Beinahe alle diese Frauen wurden daraufhin umgebracht. Die Neugeborenen wurden in der Regel Familien von Militärs übergeben. Dort wuchsen sie unter falscher Identität auf.

105 Kinder mit DNA-Tests identifiziert

Die Menschenrechtsorganisation Grossmütter der Plaza de Mayo geht davon aus, dass sich die Militärs rund 500 Kinder angeeignet haben. Die Vereinigung wurde Ende 1977 von Frauen gegründet, die zuerst nach ihren eigenen entführten Kindern zu suchen begannen, später auch nach den Babys ihrer Kinder. Die Enkelkinder versuchen sie mit Hilfe einer DNA-Datenbank ausfindig zu machen. Bis heute konnten 105 solcher «Nietos» mit ihren biologischen Familien zusammengeführt werden. Im März 2011 wurden die Grossmütter für ihr Engagement von der UNESCO mit einem Friedenspreis ausgezeichnet.

Selbst die Staatsanwälte sind manchmal den Tränen nahe, während sie Fall um Fall vortragen. Es ist ein überschaubarer Gerichtssaal: Die Zuhörerschaft sitzt nur wenige Meter von den Angeklagten entfernt, getrennt von einer Glasscheibe. In den Plädoyer-Tagen sieht man Videla immer wieder mal einnicken. Dabei legt er den Kopf auf die Schulter seines Sitznachbarn Bignone. Wenn den hochgewachsenen 84-jährigen Bignone die Müdigkeit ebenfalls überkommt, legt er seinen Kopf auf den Schädel von Videla. Und so dösen sie zeitweise gemeinsam – während über Entführung, Folter und Mord berichtet wird. Ist es nur das Alter, das schläfrig macht? Oder sind es auch Reue und Schuldgefühle?

Videla zeigt keine Reue

Das erwarten die Opfer und ihre Angehörigen von den Generälen wohl nicht mehr. Spätestens nach dem diesen April veröffentlichten Interview mit Jorge Videla ist diese Hoffnung gänzlich gestorben. Gegenüber einem argentinischen Journalisten hatte der Ex-Diktator zwar erstmals verschiedene Eingeständnisse gemacht, auch dass Säuglinge Gefangenen entrissen wurden. Aber er verneinte, dass dazu ein systematischer Plan existiert habe. Auch verteidigte er das «Beseitigen» von Regimegegnern während der Diktatur: Die politisch schwierige Situation im Land habe das erfordert.

Nebst dem General sollen auch vier weitere Militärs 50 Jahre Haft erhalten. Für die restlichen Angeklagten verlangen die Staatsanwälte Gefängnisstrafen zwischen 14 und 30 Jahre. Sie sehen es ausserdem als erwiesen an, dass ein systematischer Plan zur illegalen Aneignung von Kindern bestanden habe. Am 5. Juli werden die Richter das Urteil sprechen.

Ende der Anhörung: Videla und Co. stehen auf, plaudern untereinander, hier ein Händeschütteln, dort ein Schulterklopfen oder Lachen. Manchmal guckt Videla indifferent zum Publikum hin. Und schliesslich werden die Angeklagten abgeführt. Der Saal leert sich, auf beiden Seiten der Glasscheibe. Zurück bleibt die sich dumpf anfühlende Gewissheit, dass die Angeklagten nicht verstehen, wieso sie bald verurteilt werden. Zu oft haben sie zu verstehen gegeben: Alles, was sie damals getan haben, sei fürs Vaterland gewesen.

Die verlorenen Kinder

In einer dreiteiligen Serie hat 20 Minuten Online letztes Jahr über die Verbrechen der Militärdiktatur und besonders über die Suche nach den entführten Enkeln berichtet:

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