Hani Oweira: «Gerettete Leben sind der grösste Lohn»
Aktualisiert

Hani Oweira«Gerettete Leben sind der grösste Lohn»

Hani Oweira (38) hat in Aleppo Medizin studiert. Jetzt operiert der Spitzenchirurg in der Schweiz – und kämpft mit Rassismus unter Kollegen.

von
Stefan Ehrbar

Hani Oweira zu seinem Werdegang, seiner Motivation und neuen Techniken, mit denen Tumore operiert werden können. (Video: ehs)

In der Nacht auf Weihnachten sorgt Hani Oweira für ein kleines Wunder. Er rettet das Leben der 90-jährigen Ida Schumacher –

mit einer Notoperation, bei kleinen Überlebenschancen. Nicht zum ersten Mal rettete der Chirurg scheinbar hoffnungslosen Fällen das Leben. Doch wer ist der Mann?

Hani Oweiras kleines Büro, in dem er empfängt, ist nichts Spezielles: eine Pflanze, zwei Tische, Diplome an der Wand. Es sieht aus wie in jeder anderen Arztpraxis. Oweiras Werdegang aber ist alles andere als gewöhnlich. Er lächelt, als er dem Reporter in seiner Praxis in Cham ein SMS zeigt. «Alles Gute zum Geburtstag», wünscht ihm ein Patient, den er operiert hatte. «Vor drei Jahren haben Sie mich operiert, als mir andere Ärzte noch drei Monate gaben. Nun lebe ich immer noch.»

Der Patient, den Oweira, Chirurg und Belegarzt der Klinik Hirslanden zusammen mit seinem Mentor und Lehrer operierte, hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es ist eines der Spezialgebiete von Oweira. Unter den Viszeralchirurgen hat sich der erst 38-Jährige einen Namen gemacht.

«Syrien ist viel zu gefährlich»

Selbstverständlich ist das nicht. Oweira ist Syrer. Laut seinen Zertifikaten ist er am 1. Januar geboren – eine Erinnerung an das alte Regime, das Sammel-Registrierungen vornahm. Oweira studierte Medizin in Aleppo, einer heute komplett zerstörten Stadt. Seither hat er sein Heimatland nie mehr gesehen – und er kann auch nicht zurück. «Das wäre viel zu gefährlich», sagt er. Zu seiner Zeit war Syrien ein stabiles Land.

Ein Gastsemester brachte Oweira an die Universität Heidelberg. Danach assistierte der deutsch-syrische Doppelbürger für zwei Jahre in einer Klinik in Aleppo, bis er 2005 an die renommierte Berliner Charité geholt wurde. Sein damaliger Professor habe ihn enorm gefördert, sagt Oweira. Die Charité sei aber eine eigentliche Grossklinik, in der es unpersönlich zu und her gehe. 2007 wechselte er wieder nach Heidelberg, bevor er vor vier Jahren in die Schweiz zog.

25'000 Facebook-Likes

Heute publiziert Oweira zu neuartigen Technologien und organisiert Kongresse. Wie er zu dieser Laufbahn kam? «Während dem Studium habe ich jede freie Minute im Operationssaal verbracht, während andere feierten.» Er lebe für den Beruf. Dabei ist er nicht nur Arzt, sondern auch Social-Media-Profi.

Über 25'000 Personen haben ein Like auf seiner Facebook-Seite gesetzt. Dort teilt er Fachzeitschriften über «hyperthermale intraperitoneale Chemoperfusion» ebenso wie Artikel über einen Chirurgen, der seine Initialen auf Organe geritzt hat. Über Facebook könne er einfach mit seinen Patienten kommunizieren, sagt Oweira. Täglich erhalte er einfachere oder schwierigere Fragen, die er nach Möglichkeit alle beantworte.

10-Kilo-Hoden operiert

Auch mit klassischen Medien hat Oweira Erfahrung. «Zürcher Chirurg entfernt 10-Kilogramm-Hoden», titelte der «Blick» im Sommer über eine Operation Oweiras. «In Europa ist der Fall einmalig», sagte er der Zeitung. Etwas Vergleichbares habe er noch nie gesehen.

Seine Bekanntheit sorgt auch für Kritik. Nicht unter den Patienten – «die suchen mich ja aus». Es komme aber vor, dass Kollegen über Patienten lästerten, die ihn aufsuchten. Manchmal geschehe das auch wegen seines Glaubens oder seiner Herkunft. Den meisten sei das egal – so wie ihn etwa nicht interessiere, ob ein Patient allgemein oder privat versichert sei.

Obwohl er in einer Privatklinik arbeite, operiere er alle Patienten. Er kenne den Status seiner Patienten gar nicht. «Meine Sekretärin erledigt die Formalitäten, mich interessiert das nicht.» Er habe auch schon die Mutter einer Patientin im Spital besucht, weil die niemanden gehabt habe. Das gehöre zu seiner Arbeit – lasse aber nicht viel Zeit für anderes. 70- bis 80-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. «Ohne Begeisterung geht es nicht», sagt Oweira. Wenn ihm Patienten sprichwörtlich für ihr Leben dankten wie im SMS, sei das der grösste Lohn.

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