Aktualisiert 19.08.2014 12:56

#GeriGate

«Geri Müllers Macht kann anziehend sein»

Warum verschickt ein Politiker Nacktfotos von sich? Sexologin Esther Schütz sagt, warum Geri Müller mit freizügigen Selbstporträts den «Kick» gesucht haben dürfte.

von
Pascal Michel
Esther Schütz ist Sexologin und Sexualtherapeutin am Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie in Uster.

Esther Schütz ist Sexologin und Sexualtherapeutin am Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie in Uster.

Warum lässt sich eine 21-Jährige mit einem über 50-jährigen Politiker wie Geri Müller ein?

Esther Schütz: Für eine junge Frau kann dies verschiedene Gründe haben: Junge Menschen experimentieren und könnten sich einen älteren Mann wie Geri Müller suchen, weil sie seine Lebenserfahrung attraktiv finden. Auch die Ausübung seiner Tätigkeit in der Öffentlichkeit kann ebenso anziehend auf die junge Frau wirken wie etwa finanzieller Reichtum oder die damit verbundene Macht.

Nun schickt Geri Müller seiner 21-jährigen Geliebten Nacktselfies von seinem Arbeitsplatz. Warum?

Offenbar ist dies eine Möglichkeit für ihn, sich sexuell zu erregen. Durch den Austausch von Nacktbildern geht er davon aus, dass dies auch auf seine Geliebte zutrifft. Er fragt sich vielleicht: Erregt sie das, wenn sie das Bild sieht? Dass solche Bilder am Arbeitsplatz gemacht werden, ist für manche Männer eine Form der emotionalen und sexuellen Spannung und Entspannung: Während andere bei der Arbeit eine Kaffee- oder Rauchpause einlegen, konsumieren andere Nacktbilder oder chatten.

Ein Politiker sollte sich seiner Rolle und der Folgen solcher Bilder aber bewusst sein.

Natürlich braucht es in einer solchen Position ein hohes Rollenbewusstsein im Sinne: Handle ich als Politiker oder als Privatmann? Je mehr eine Person in der Öffentlichkeit steht, desto stärker wird sie auch beobachtet und desto stärker werden Handlungen von der Gesellschaft bewertet. Zum Zeitpunkt, in dem es um sexuelle Erregung geht, kann es sein, dass sich ein Mann völlig vergisst und mögliche Konsequenzen ausblendet. Häufig hat dies mit wenig Körperwahrnehmung zu tun, so dass manche Männer erst im Nachhinein realisieren, was für Folgen ihr Tun haben kann.

Sind männliche Politiker anfällig für «sexuellen Exhibitionismus»?

Allgemein sind Männer eher gefährdet, mit ihrem sexuellen Verhalten ins Fettnäpfchen zu treten. Männer sprechen im Gegensatz zu Frauen viel stärker auf visuelle Reize an. Dies kann auch dazu führen, dass sie eher Nacktbilder konsumieren oder ein solches von sich verschicken.

Im Chat schreibt Geri Müller: «Die Sekretärin ist weg ...» Verstärkt die Gewissheit, dass jederzeit jemand auftauchen könnte, den Reiz?

Solche Bilder während der Arbeitszeit im Büro zu verschicken, kann den Kick noch verstärken. Es kann sein, dass sich ein Mann nur noch durch solche Reize in verbotenen Situationen erregen kann und so immer risikoreichere Orte für die Bilder aussucht, damit er überhaupt noch sexuell erregt wird. Das kann so weit gehen, dass ein Mann mit der Zeit die Realität und seine berufliche Rolle völlig ausblendet. In der Regel erschrecken die Männer im Nachhinein selbst über ihr Unvermögen.

Ist das Verschicken von solchen Nacktselfies heute verbreiteter als man denkt?

Mit der grossen Vielfalt der Sexangebote verändert sich auch das Verhalten. Aus meiner Erfahrung als Sexualtherapeutin kann ich sagen, dass dies in letzter Zeit zugenommen hat.

Braucht es mehr Aufklärung?

Männer und Frauen tun gut daran, Kompetenzen zu entwickeln, wie sie mit den vielfältigen Sexangeboten umgehen wollen. Dies ist deshalb auch ein wichtiges Thema für Jugendliche und sollte an allen Schulen vermittelt werden.

Korrigendum

Dieses Gespräch wurde unter der Annahme geführt, die Chat-Bekanntschaft von Geri Müller sei 21-jährig. Dies trifft nicht zu. Laut Müller ist die Frau 33 Jahre alt.

Esther Schütz ist Sexologin und Sexualtherapeutin. Sie leitet das Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie in Uster.

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