Geschichte der Juden im Kanton Zürich
Aktualisiert

Geschichte der Juden im Kanton Zürich

Nach Jahrhunderte langem Kampf um Anerkennung sind die Juden heute ein fester Teil der Gesellschaft im Kanton Zürich.

Ein neues Buch zeichnet die wechselvolle Geschichte dieser Minderheit nach.

Das 496-seitige Werk «Geschichte der Juden im Kanton Zürich. Von den Anfängen bis in die heutige Zeit» ist eine Gesamtschau auf die vergangenen 750 Jahre des Kantons Zürich im Spiegel der Juden - im Guten wie im Bösen. Annette Brunschwig, Ruth Heinrichs und Karin Huser ist es gelungen, diese Geschichte ohne Polemik darzustellen.

Geldverleih

Wann die ersten Juden kamen, ist nicht bekannt. Erstmals, aber indirekt, erwähnt werden sie 1250 in zwei Paragraphen des Richtebriefs, in denen es um Schächten und Geldverleih geht.

Seit es den Christen verboten war, Geld zu verleihen, herrschte Geldmangel. Vor allem die Städte waren daran interessiert, die vom Verbot nicht betroffenen Juden aufzunehmen. Die zusätzlichen Judensteuern wurden zu wichtigen Einnahmequellen.

1335 beschloss der Zürcher Rat, Juden gegen eine Gebühr von zehn Mark - ein Haus kostete gleichviel... - in die Stadt zu lassen. Wie viele Juden kamen, ist nicht belegt. Sie wohnten im Niederdorf beim Neumarkt. Ein jüdisches Quartier oder Ghetto war dies aber nicht.

Pogrom

Sie lebten vom Geldverleih. In guten Zeiten beliebt, wurden die Juden in schlechten Zeiten zu «quälenden, habgierigen Wucherern», die man loswerden musste. So geschehen 1349 beim einzigen Pogrom in Zürich.

Das Gerücht wurde verbreitet, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und dadurch die Pest ausgelöst. Dass Juden genauso an der Seuche starben wie Christen, hinderte Zürich nicht daran, «seine Juden» zu verbrennen.

An die Mär der Brunnenvergiftung glaubte schon ein Zeitgenosse nicht: «Das Geld war die Ursache, um derentwillen die Juden getötet wurden.» Einer der Nutzniesser war Bürgermeister Rudolf Brun, er kaufte das Haus eines Ermordeten deutlich unter Wert.

Kurze Blütezeit

Schon 1354 siedelten sich wieder Juden im Niederdorf an. Diese Gemeinde hatte zu ihrer Blütezeit zwischen 1384 und 1393 rund 100 Mitglieder. Sie waren im Geldhandel oder als Ärzte tätig, wurden regelmässig vertrieben und wieder aufgenommen.

Überlegt und besonnen reagierte der Zürcher Rat 1401, als ein weiteres Pogrom drohte. Warum die Stadtherren dem Druck der Strasse standhielten und die Juden unter Schutz stellten, wird ebensowenig erklärt wie der Beschluss von 1436, keine Juden mehr zu dulden. Die zweite jüdische Gemeinde hörte auf zu existieren.

In Winterthur, Andelfingen, Eglisau und Stein am Rhein lebten weiterhin Juden. Die «Gnädigen Herren» von Zürich verfolgten eine konsequent antijüdische Politik, duldeten aber jüdische Geschäftsreisende.

Ein Dorn im Auge waren den Zürchern selbst die Juden in der Grafschaft Baden: Mehrmals beantragten sie der Tagsatzung erfolglos die Vertreibung dieses «gottlosen, nichtswertigen Gesindes». Erst Ende des 18. Jahrhunderts kam es zur Einschränkung: Juden durften nur in Endingen und Lengnau wohnen.

Bürgerrecht erst 1866

Der Aargau drängte im 19. Jahrhundert auf die Gleichstellung. 1856 erreichte er die überkantonale Anerkennung der Aargauer Juden als Schweizer Bürger. Der Kanton Zürich öffnete das Bürgerrecht erst 1866: 93 Prozent stimmten dem eidgenössischen Referendum über die Gleichstellung zu.

Mit der Emanzipation wurde die Stadt Zürich zum Anziehungspunkt: Vor allem die osteuropäischen Immigranten kamen nach Aussersihl und Wiedikon. 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung im Kanton lebten in der Stadt, 1920 waren es 6662 Personen.

Schnell nach der Gleichstellung kamen neue Probleme auf: Schächtdebatte, Angst vor Überfremdung und später offener Antisemitismus vor und während des Zweiten Weltkriegs.

Vorurteile abbauen

Die Lektüre helfe, Vorurteile abzubauen, schreibt Regierungsrat Markus Notter im Vorwort. Auf viel Quellenarbeit basierend, haben die Autorinnen historische Daten, Ereignisse und Einzelschicksale zusammengetragen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben sie nicht.

Das Werk der drei Historikerinnen ist in einer verständlichen Sprache geschrieben und richtet sich an Juden wie Nichtjuden, an Fachleute und Laien.

(sda)

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